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Wer ist dieser Jan Böhmermann?

Das Medienphänomen Wer ist dieser Jan Böhmermann?

Ein TV-Komiker, ein Gedicht, ein beleidigter Präsident – und fertig ist die Krise zwischen Berlin und Ankara. Wer ist dieser Jan Böhmermann, der mit sechs groben Strophen ernsthafte außenpolitische Schwierigkeiten heraufbeschwört? Ein Zyniker? Ein Moralist? Ein Selbstdarsteller?

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Jan Böhmermann lässt nur wenig über sein Privatleben durchsickern.

Quelle: Ben Knabe/ZDF/dpa

Hannover. Alle paar Wochen kommt es vor, dass Jan Böhmermann in der alten Heimat zum Chinesen geht, allein, zum "Aumunder Garten" in Bremen-Nord. Ein Chinarestaurant alter Schule, mit ordentlich Glutamat im Essen, goldenem Buddha in der Ecke und durchnummerierten Gerichten.
Böhmermann nimmt dann immer die 10 und die 51. Pekingsuppe und Rindfleisch mit Karotten, dazu ein Glas Cola. Er macht das so, seit er 14 ist. Damals hat er zum ersten Mal eigenes Geld verdient. Der einzige Unterschied ist, dass er sich heute immer gleich ein paar Portionen Suppe mitnimmt. Für zu Hause, zum Einfrieren.

Allein ins Chinarestaurant seiner Kindheit, mit Softdrink vor der Warmhalteplatte: Das ist ein bemerkenswert unglamouröser Zeitvertreib für einen, der den türkischen Präsidenten gerade Ziegenficker genannt und das deutsch-türkische Verhältnis an den Rand einer ernsten Beziehungskrise gebracht hat. Wer ist dieser Mann, an dessen satirischer Schmähkritik sich eine der erregtesten Debatten der letzten Jahre um die Freiheit der Kunst entzündet? Ein Biedermann mit Moral? Oder eher ein kühl kalkulierender Medienzyniker, dem es allein um die Aufmerksamkeit geht?

Er selbst nennt sich "Digital­spartenkasper"

Jedenfalls ist Jan Böhmermann ein Phänomen. Spätestens seit er 2013 mit der Moderation seiner Late-Night-Show "Neo Magazin" begann, gilt er als große Hoffnung des deutschen Fernsehens, als Nachfolger von Harald Schmidt. Inzwischen ist Böhmermann 35, und eigentlich schaut bis heute kaum jemand seine Sendung. Noch die Wiederholung der "heute-show" hat höhere Einschaltquoten als sein Magazin auf ZDFneo. Wenn er nicht gerade Bundeskanzlerinnen in die Bredouille bringt oder Varoufakis’ Mittelfinger retuschiert, segelt er unterhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit. "Digital­spartenkasper", so nennt er sich selbst.

Seinen Fans hingegen ist jeder Tweet so heilig wie das päpstliche Rundschreiben. Nur macht er es auch ihnen nicht leicht. Wie meint er das denn jetzt mit Erdogan und der Sodomie? Wollte er einfach mal ’nen Präsidenten beschimpfen? Die Grenzen der Satire ausloten? Den Kollegen von "extra 3" mit ihrem harmlosen "Erdowie, Erdowo, Erdogan"-Song die Sonne stehlen? Wo steht er denn selbst? Um darauf eine Antwort zu finden, muss man vielleicht beachten, dass es zwei Jan Böhmermanns gibt.

Böhmermann - der große Unbekannte

Der eine ist eine Medienfigur, die von Ironie lebt. Den Präsidenten beleidigt? Ich? Aber ich habe doch gesagt: Das, was jetzt kommt, ist in Deutschland verboten. Die Medienfigur Böhmermann hüllt sich in Ironie, um unangreifbar zu sein. Der andere Jan Böhmermann, die reale Person, ist ein Polizistensohn aus Bremen-Nord. Das ist die Person, von der im Fernsehen nichts zu sehen ist. Und doch muss man sie kennen, um die Medienfigur zu verstehen.

Dieser reale Böhmermann macht es einem nicht gerade leicht. Man kann zum Beispiel ein sehr treuer Hörer seiner Radiosendung "Sanft & Sorgfältig" sein, in der es oft auch um seine Kinder und die seines Mitplauderers Olli Schulz geht, und am Ende weiß man immer noch nicht, ob und wie viele Kinder er überhaupt hat. Zu diesem Böhmermann gehört eine große Medienskepsis, gerade weil er so gut weiß, wie die Medien funktionieren.

Kind aus bescheidenen Verhältnissen

Es gibt dann aber doch einiges, was dieser echte Böhmermann in kleinen Stücken von sich preisgibt, den "Aumunder Garten" zum Beispiel. Und wenn man diese Stückchen für wahr nehmen und sie zusammensetzen darf, dann ergibt sich das Bild einer recht ungepolsterten Welt, aus der Böhmermann stammt. Die Eltern sind gerade mal 18, als Jan in diesem bescheidenen Teil Bremens zur Welt kommt. Sein Vater, Polizist, stirbt mit 35 Jahren an Leukämie. Der junge Böhmermann beginnt als Schüler zu jobben, erst an einem Stand auf dem Wochenmarkt, später schreibt er Kritiken für die Lokalzeitung.

Böhmermann lebt heute in Köln. Aber Bremen-Nord ist ihm doch deutlich näher als die Welt-der-wichtigen-Leute. Und auch seine moralischen Grundsätze sind eher von der Welt seiner Herkunft geprägt. Es kommt ja vor, dass sich Jan Böhmermann sehr ernst, empört und unironisch zur Weltlage äußert. Da sind die Pegida-Marschierer dann "Vollidioten". Nach den Pariser Anschlägen postete er 100 Fragen, die mit "Warum?" beginnen und mit "Was sollen wir jetzt tun?" aufhören. Böhmermann deutet in den Radiosendungen zumindest an, dass er privat Flüchtlingen hilft. Als er seinen Führerschein gemacht hatte, fuhr er erst mal nach Auschwitz. Dass nicht mehr Deutsche sich diesen Ort des Grauens ansehen, ist ihm schlicht unverständlich.

Für einen gute Witz lässt er jeden fallen

Böhmermann, ein Moralist? Aber sicher. Nur ist pure Moral auf der Bühne eben schwer erträglich. Und so sind es Ironie und Gnadenlosigkeit, die die Kunstfigur Böhmermann von dem realen Moralisten trennen. "Mein Lebenssinn ist es, sich über Leute lustig zu machen, die in der Öffentlichkeit etwas verbockt haben", hat er vor ein paar Wochen in "Sanft & Sorgfältig" gesagt. Und: "Für einen guten Witz lass’ ich jeden fallen." Auf Nachsicht muss da niemand zählen.

Damals ging es um den Grünen Volker Beck, einen anderen Moralisten, der in Berlin mit Drogen erwischt wurde. "Wer das Meth hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen", witzelte Böhmermann. Was ihm dann wiederum Ärger mit der "Süddeutschen" einbrachte. "Jungbärtige Fernsehkomödianten" sollten sich da besser zurückhalten, schrieb die SZ. Das hat Böhmermann hörbar getroffen. Im Austeilen ist er deutlich besser als im Einstecken. Auch als Kunstfigur will Böhmermann geliebt werden, wie alle.

Die Erdogan-Affäre ist ihm entglitten

Nur wird ihn dann wohl doch auch entsetzen, wer ihn jetzt alles mit seiner Liebe bedrängt. Da ist etwa Mathias Döpfner, der ihm im Streit mit Erdogan seine Solidarität erklärt. Ausgerechnet der Springer-Chef, dessen Zeitungen er sonst mit Missbilligung straft, umarmt ihn aus der Ferne. Oder Didi Hallervorden, der ein wüstes eigenes Schmählied veröffentlicht hat. Und natürlich Gianis Varoufakis, der griechische Ex-Finanzminister, der "Hände weg von Jan Böhmermann" fordert. Es ist eine eigenartige Allianz, die sich da vor den Satiriker stellt. Oder einfach mitspielen will.

Böhmermann selbst schweigt. Er kann nur warten. Die Erdogan-Affäre ist ihm längst entglitten. Die Bundesregierung will in den kommenden Tagen entscheiden, ob sie dem Antrag der Türkei auf Strafverfolgung stattgibt. Der türkische Präsident selbst hat unterdessen Strafantrag gegen den ZDF-Satiriker bei der Staatsanwaltschaft Mainz eingereicht.

Es ist also durchaus möglich, dass Jan Böhmermann wegen seines Erdogan-Gedichts vor Gericht muss. Nur wäre es dann nicht die Kunstfigur, die angeklagt wäre, sondern die ganz reale Person. Jan Böhmermann ist nicht nur Polizistensohn, er ist auch Schöffe am Kölner Amtsgericht. Wie allen Moralisten sind ihm Recht und Gesetz wichtig. Man darf davon ausgehen, dass er einen solchen Prozess nicht nur mit Ironie betrachten würde.

Von Thorsten Fuchs

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