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Denn sie wissen, was sie tun

„Germany's Next Topmodel“ – ein Pro Denn sie wissen, was sie tun

Vier junge Frauen kämpfen am Donnerstagabend um den völlig unwichtigen Titel „Germany´s Next Topmodel“. Die Sendung ist nicht der Teufel. Sie ist Unterhaltung. Und alle Beteiligten wissen das auch. Eine Replik.

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Sabrina, Luise, Lovelyn und Maike (v.l.) kämpfen am Donnerstagabend um den Titel "Germany's Next Topmodel".

Quelle: dpa

Hannover. Die Show wird langweilig. Mit Sicherheit. Das ist so ein Mechanismus, siebenmal gesehen, siebenmal ist es so gekommen. Wenn Heidi Klum am Donnerstagabend die Inthronisierung ihres achten Modelkükens bei „Germany’s Next Topmodel“ vornimmt, ist der Witz eigentlich längst raus. Dann heißt es nur noch „Super!“ und „Wow!“. Wer gewinnt ist egal. Trotzdem treffen sich zahlreiche Mädchen zum Gruppengucken, bei Twitter glüht die Timeline unter dem Hashtag #GNTM. Dann gibt es Trinkspiele im Wohnzimmer. Einen Schluck Prosecco oder Mangosaft für jeden „Mädchen“-Ausruf von Heidi. Es kann heiter werden.

All das passiert nicht, weil all diese jungen Zuschauer zu naiv sind, um zu verstehen, was da eigentlich für ein Frauenbild transportiert wird. Dass die Körper Kapital sind und die jungen Frauen Requisiten im Klumschen Vermarktungskosmos. Sondern: Weil es Spaß macht. Es ist billig, diese Glitzer-Nagellack-Welt mit den immer gleichen Phrasen („Nur eine kann GNTM werden!“) als Untergang des Abendlandes abzutun. Denn es misst dem Ganzen mehr Bedeutung zu als nötig. Es geht hier um eine Unterhaltungsshow.

Wie im vergangenen Jahr sind vier der Kandidatinnen im Finale: Sabrina, Luise, Lovelyn und Maike (v.l.).

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Das Frauenbild, das in GNTM kolportiert wird? Gestrig. Ebenso wie bei „Frauentausch“ oder in jeder Werbung für Putzmittel. Das Fernsehen und die Werbung leben von der plakativen Erzählweise. Andersherum funktioniert es aber genauso: Da räkelt sich RTL-„Bachelor“ Jan Kralitschka mit freiem Oberkörper am Pool, wird auf der Harley gefilmt und hält eine Rose zwischen den Zähnen. Stereotypen. Hier wie dort.

Wir ereifern uns – zum Schutze der jungen Leute. Doch die darf man nicht unterschätzen. Vor sieben Jahren lief die erste GNMT-Staffel. Die jetzigen Kandidatinnen der PRO7-Sendung sind mit diesem Format sozialisiert. Sie wissen, wie es läuft. Und wollen es trotzdem. Auch, dass die Karriere bestensfalls beim Starmagazin „Red“ endet, wissen die Klumschen Gänseküken. Das haben sie siebenmal gesehen. Bei Lena, Jennifer, Barbara, Sara, Alisar, Jana und Luisa. „Seit der ersten Staffel will ich bei GNTM mitmachen“, hat Christine aus Essen zu Beginn der aktuellen Staffel gesagt. Sie ist 16. Bei der ersten Staffel war sie neun. Und so weiß sie, wie sie vor der Kamera posen muss: Hohlkreuz machen, Schulter vor, Bauch rein, Brust raus. Alles im Kinderzimmer geübt, um Heidi Klum zu überzeugen. Das kann gefährlich sein – wenn diese Bilder und Phrasen nicht eingeordnet werden (können). Aber das gilt für so vieles.

„Wie schön sie die Kinder zurechtmachen“, sagt eine Mutter bei einem Foto­shooting in Folge eins von Staffel acht, zu dem (erstmals!) die Eltern eingeladen sind. Ein Papa steckt seiner Tochter noch schnell 200 Euro zu, als er hört, dass sie eine Runde weiterkommt – und es nach Dubai zur ersten Modenschau geht. Da soll es ja teuer sein. Der Fotograf lässt die halbnackten Frauen in der Kälte posieren und sagt nach dem letzten Schuss: „Decke drüber.“ Und die Eltern applaudieren. Die Mädchen als Ware, die Körper austauschbar, der Mensch egal.
Natürlich sind die Körper Requisiten. Das ist der Job. Hier geht es nicht darum, wer den besten Charakter hat oder Schillers „Glocke“ rezitieren kann, es geht um Oberflächlichkeiten. Die Modewelt ist eine eigene. Hier wird nicht das Ideal der Frau von heute vorgeführt, sondern das Ideal für eine bestimmte Berufsgruppe. Eine Kunstform. Gesucht wird die bestmögliche Präsentation für Mode, Produkte, die Scheinwelt.

Zwischen Freude und Frust: Am Donnerstag zeigt Pro Sieben das Umstyling der Models.

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Jeder Beruf hat seine eigenen Kennzeichen: Und wenn GNTM-Juror Thomas Hayo geißelt, dass Marie vor dem Bikini-Fotoshooting Pommes isst, dann soll sein Wort nicht Leitbild für alle Frauen vor dem Fernseher sein. Es ist der verdammte Beruf. Genau wie die Achselhaare zu rasieren und die Fußnägel zu lackieren. Das braucht man nicht gut zu finden. Man braucht es sich auch nicht anzuschauen.

Auch ein Hochleistungssportler darf vor dem wichtigen Wettkampf keine Salami-Schinken-Pizza mit extra viel Käse essen. Die Bayern vor dem Spiel kein Bier trinken. That’ s the game.

Es liegt an allen, den wankelnden Jugendlichen während der Pubertät das Selbstbewusstsein mitzugeben, diese Mechanismen zu verstehen. Unterscheiden zu können zwischen „mir“ und „denen auf dem Bildschirm“. Wir sollten den jungen Leuten das nötige Wissen mit an die Hand geben: Dass Kleidung dich nicht definiert. Dass man natürlich Persönlichkeit hat, auch wenn der Gesichtsausdruck im kalten Wasser beim nächtlichen Fotoshooting nicht so „stark“ ist.

Und das kann wirklich nicht Heidi Klums Job sein. Sie wird dafür bezahlt, eine Unterhaltungssendung zu machen. Und solange die Menschen einschalten, sich der „Venus Spa Breeze“-Rasierer oder der Caffé Latte mit Topmodel-Aufdruck gut verkaufen, wird das so bleiben. Die zehn Jahre GNTM will Klum vollkriegen, hat sie gesagt.

Zehn Staffeln, zehn Models, zehn Karrieren? Nicht alle, die bei "Germany's Next Topmodel" mitgemacht haben, arbeiten nun wirklich erfolgreich im Modebusiness. Manch eine Siegerin hat sich eine andere Nische gesucht.

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Was viel erschütternder ist: Die Show zeigt eine Generation, die vor allem auf Selbstoptimierung bedacht ist. Es geht nicht mehr allein um die perfekten Maße. Es muss „performt“ werden, die jungen Menschen haben Sorge, nicht „abzuliefern“. Nicht nur in der Show. Ist ähnliches nicht aus den Schulen zu hören? Von den Bachelor-Studenten? Ein Vokabular, das vor sieben Jahren beim „Topmodel“-Start noch undenkbar war. Gesellschaftliche Veränderungen zeigen sich eben auch in Unterhaltungsshows. Spaß ist das dann nur bedingt.

Da geht es den Jungs nicht anders als den Mädchen. Es mag zwar keine Männer-Model-Biertrink-Show geben, doch die Selbstoptimierung kennen auch die Jungs gut. Sie rennen den Marken „Hollister“ und „Abercrombie & Fitch“ hinterher, stehen stundenlang Schlange für einen dumpfen Pullover mit Aufdruck. Begrüßt werden sie von Surferboys mit Waschbrettbauch in roten Shorts: So sieht der „Hollister“-Jüngling aus. Das Ideal. Das kann sich auch in den Köpfen festbrennen. Auch die Jungs eifern Idolen nach – auf andere Art. Aber sie trugen lange Zeit die Justin-Bieber-Frisur, obwohl man damit gar nicht gucken kann. Sie wollen sein wie der Fußballspieler von Hannover 96, wie Barney aus „How I Met Your Mother“. Und manche Mädchen eben wie Heidi Klum. Das geht vorbei. Und das Tolle am Fernsehen ist: Man kann es einfach ausschalten.

"Sie wissen, wie es läuft. Und wollen es trotzdem", meint HAZ-Redakteurin Hannah Suppa über GNTM und widerspricht damit der Kritik von HAZ-Redakteur Imre Grimm.

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