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Der Faktencheck zum Hannover-„Tatort“

Zwischen Gammelfleisch und Werksvertrag Der Faktencheck zum Hannover-„Tatort“

Der jüngste „Tatort“ wirft ein übles Bild auf Niedersachsens Viehwirtschaft. Gammelfleisch wird mit Viren aus Gülle konserviert und bulgarische Werksarbeiter hausen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Was ist real und was ist Fiktion – unser Faktencheck klärt auf.

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Charlotte Link ermittelte im jüngsten „Tatort“ auch unter bulgarischen Werksarbeiter in der Schweineindustrie.

Quelle: NDR

Im „Tatort“ ist von Viren die Rede, mit denen Gammelfleisch konserviert wird. Diese Viren wurden aus Gülle hergestellt. Gibt es sowas?

Prof. Günter Klein, Tierärztliche Hochschule Hannover:
Ja, das waren sogenannte Bakteriophagen, Viren, die Bakterien zerstören. Bakterienfresser heißen die übersetzt. Die gibt es tatsächlich, die kann man einsetzen. Aber nicht für den Zweck, der im „Tatort“ genannt wurde. Das wird nicht funktionieren. Ist zwar ein interessanter Gedanke, aber entspricht nicht der Realität. Bakteriophagen können meist nur eine einziges Bakterienart abtöten. Bei verdorbenem Fleisch haben wir es mit einem ganzen Spektrum an Bakterienarten zu tun.

Im „Tatort“ können diese Viren sogar töten. Geht das?

Prof. Günter Klein, Tierärztliche Hochschule Hannover:
Das war für einen Krimi ganz nett gemacht, aber entspricht auch nicht der Realität. Bakteriophagen sind für den Menschen harmlos, weil sie wirklich nur Bakterien angreifen. Tiere und Menschen können dadurch nicht geschädigt werden. Zwar kann so ein Aerosol Probleme bereiten, etwa Lungenreaktionen. Aber nicht die Bakteriophagen. Man kann sich natürlich über Lebensmittel eine Infektion einfangen. Aber bis es bedrohlich wird, da muss einiges zusammenkommen. Ein Mensch muss schon geschwächt und sehr lange krank sein, um etwa an Salmonellen zu sterben.

Entspricht es der Wirklichkeit, dass – wie im Film gezeigt – Schweine nur noch mit Zucker oder Industrieabfällen gefüttert werden?

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne):
Das ist Quatsch. Abfälle zu verfüttern ist explizit verboten. Aber die Problematik des Fütterns etwa mit genmanipuliertem Soja ist durchaus vorhanden. Ich begrüße etwa die jüngste Entscheidung von Wiesenhof, wieder auf gentechnikfreies Futter umzusteigen. Das zeigt die Bewegung in der Branche in Richtung Nachhaltigkeit. Auch beim Tierschutz haben führende Unternehmer aus der im „Tatort“ problematisierten Region gezeigt, dass sie zusammen mit der Landesregierung reale Verbesserungen anstreben.

Professor Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover:

Ja. Das ist aber eine Frage der Definition. Sie sagen doch auch nicht, ein Jahreswagen, der nicht ganz neu, ist, sei ein Schrottauto. Das Wort Industrieabfall hat etwas Indoktrinierendes. Die Schweinehaltung hatte historisch gesehen immer die primäre Aufgabe, das zu verwerten, was der Mensch nicht verwerten kann oder nicht verwerten will. Sie ist also nachhaltig. Schon der Vater der Landbauwissenschaft Albrecht Thaer hat 1752 formuliert: Schweinehaltung ist ein notwendiger Betriebszweig in jedem landwirtschaftlichen Betrieb, wenn man Abfälle vermeiden will. Das Schwein ist nämlich ein klassischer Allesfresser. Ein Schwein kann also alles verwerten, man kann auch sagen veredeln. Nehmen Sie als Beispiel: Mit dem Aufkommen der Mühlenindustrie gab es Weizen-Nebenprodukte wie Weizenkleie oder Weizennebenmehl. Das wurde über Schweine veredelt. Früher wurde in den Haushalten noch Kartoffeln selber geschält.

Heute macht das die Industrie in riesigen Mengen, es fallen Nebenprodukte an. Das kann man dann Industrieabfall nennen, ist aber abwertend und führt in die Irre. Denn Schweine sind hervorragende Verwerter von Kartoffelschalen, Altbrot, oder auch Nebenerzeugnissen der Milchverarbeitung, wie etwa Molke. Was aber ist Molke? Molke ist Wasser, Asche plus Milchzucker. Wir haben die ganzen Nebenprodukte der Saftverarbeitung wie Karottentrester, Tomatenpulp, Biertrester. Immer wenn der Mensch etwas nutzt, nutzt er das Bessere. Wenn ich Biodiesel herstelle, bleiben doch auch Reste, wertvolle Reste, Proteine. Da bleibt ein Eiweißprodukt, das in Riesenmengen anfällt, wenn Biodiesel hergestellt wird. Oder nehmen Sie die im Frühjahr wunderbar goldgelb blühenden Rapsfelder. Aus denen bleibt nach der Verarbeitung Rapsextraktionsschrot, das zweitwichtigste Eiweißfuttermittel in  der Nutztierfütterung weltweit.

Entspricht das im „Tatort“ gezeichnete Bild des Fleischbarons der Realität?

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne):
Das ist natürlich eine massive filmisch-fiktive Überzeichnung und Verzerrung der Wirklichkeit. Der Kontrast zwischen der heilen Werbewelt etwa zur Wurstherstellung und der sozialen Realität in den Schlachthöfen wird schlüssig dargestellt. Aber natürlich handeln bei Weitem nicht alle Agrarindustriellen so verantwortungslos wie die Figur im jüngsten „Tatort“. Dennoch gibt es eine Billigfleischproduktion, Gesundheitsrisiken aus der Massentierhaltung und die Ausbeutung insbesondere von Werksvertragsarbeitern aus Osteuropa. Deren miserable Wohnverhältnisse im Umfeld der Fleischbranche sind uns allen noch gut vor Augen. Daher hat diese Landesregierung sich auch so für einen umfassenden Mindestlohn, die Beratung der Menschen in den Schlachthöfen und für bessere Wohnverhältnisse stark gemacht. Diese teils schon umgesetzten Verbesserungen werden allerdings im Film nicht gezeigt. Auch die Umsetzung des Tierschutzplans dient dazu, reale Verbesserungen zu erreichen und der Branche die Akzeptanz in der Gesellschaft wiederzugeben. Ich verstehe den Film auch so, dass er für die niedersächsische sanfte Agrarwende wirbt. Weil er deutlich macht, dass die Billigproduktion letztlich zu Lasten von Mensch und Tier geht.

Ist die Lage der Werkvertrags-Arbeitnehmer realistisch dargestellt?

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne):
Ja, es gibt die Ausbeutung von Menschen durch Niedriglöhne und durch schlechte Wohnverhältnisse. Solche Zustände sind untragbar. So geht man nicht mit Menschen um. Die Arbeitnehmer haben ein Recht auf fairen Lohn und faire Arbeitsbedingungen. Daher haben wir uns über alle Ressorts als Landesregierung hinweg für humane Arbeitsbedingungen eingesetzt. Beim Mindestlohn, der auch für Werksvertragsarbeiter gelten muss, bei den Wohnstandards und bei der Wahrnehmung der Arbeitnehmerrechte durch vom Land geförderte Beratungsstellen. Ich finde, da hat der „Tatort“ durchaus ein Schlaglicht darauf geworfen, welchen Preis Billigfleisch eben auch haben kann.

Können Sie verstehen, wenn Leute ein Unbehagen befällt, wenn Abfälle von Biodiesel so veredelt werden, dass Sie im Schwein und schließlich als Kotellet enden?

Professor Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover:
Nein. Wenn man mit einem Hauch von Rationalität herangeht, habe ich dieses Unbehagen nicht. Natürlich müssen Sie alle Nebenprodukte sinnvoll verwenden. Sie können Altbrot verschimmeln lassen. Sinnvoller ist es aber, es zu verfüttern anstatt auf eine Deponie zu bringen. Datumverfallsprodukte spielen übrigens eine Riesenrolle bei der Tierfütterung. Also Produkte, die auch für ein  sensibles Schwein noch genießbar sind. Wenn ich Nebenprodukte verwerte, muss ich natürlich klare Grenzen und Kontrollen setzen. Das geschieht auch.

 

Im „Tatort“ wird auch beklagt, dass in der Tiermast größtenteils gentechnisch verändertes Getreide eingesetzt wird. Was ist da dran?

Professor Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover:
Das stimmt. Wenn wir weltweit zu 90 Prozent gentechnisch verändertes Soja haben, dann ist es logisch, dass ein Nebenprodukt wie Sojaextraktionsschrot auf dem Weltmartkt zu 90 Prozent aus gentechnisch verändertem Sojaschrot kommt. Nur bei Geflügelprodukten ist das nicht so. 

Interviews: Michael B. Berger

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