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Derricks Erben auf Erfolgskurs

Deutsche TV-Serien Derricks Erben auf Erfolgskurs

„Made in Germany“ als Qualitätslabel: Deutsche TV-Serien werden zum Exportschlager. Gefragt sind Serien fürs Bildungsbürgertum. Das zeigen etwa „Babylon Berlin“, Tom Tykwers 25-Millionen-Dollar Serie über die Goldenen Zwanziger, und das Wende-Epos „Weissensee“.

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Deutschland greift an - beispielsweise mit der Serie "Weissensee".

Quelle: ARD

Ein Trenchcoatträger ohne nennenswerte Mimik. Das war für Jahrzehnte das Maß aller Dinge. „Derrick“ war die meistverkaufte deutsche Fernsehschöpfung der Siebziger- bis Neunzigerjahre. Damals staunte das Land noch, dass überhaupt jemand außerhalb der bundesrepublikanischen Muggeligkeit hiesiges Fernsehens sehen wollte. Aber in Italien war Horst Tappert ein Superstar, und in Teilen Asiens galt der spröde Kriminalsachbearbeiter („Hatte Ihr Mann Feinde?“) als Kultfigur wie „Columbo“ oder „Monk“. „Derrick“ lief in mehr als 100 Ländern – und blieb doch ein singuläres Phänomen. Deutsches Fernsehen galt – wie französische Comedy oder britisches Essen – als schwer vermittelbar. Zu langsam. Zu hölzern. Zu viele hölzerne Zahnarztgattinnen an blauen Bergseen.

Qualität für globalisierten Glotzmarkt

Das war einmal. Die deutsche TV-Branche macht sich anheischig, mit ein paar Jahren Verspätung doch noch am „Golden Age of Television“ teilzunehmen. Seit Jahren revolutionieren amerikanische, britische, skandinavische Miniserien die weltweiten Sehgewohnheiten mit komplexen, horizontal erzählten (also nicht nach 45 Minuten abgeschlossenen) Geschichten. Und nun scheint es, als könne das Label „made in Germany“, das in der Autoindustrie so schwer unter Druck steht, im fiktionalen Fernsehen zum Qualitätsmerkmal für einen globalisierten Glotzmarkt werden.

Fernsehen für "eine sehr gebildete Schicht"

„Die Bedeutung von deutschem Fernsehen ist international stark gewachsen“, sagte jüngst Laurine Garaude, Chefin der weltgrößten Fernsehmesse Mipcom, des wichtigsten Drogenumschlagplatzes für Seriensüchtige in aller Welt. Deutsche Fernsehmanager traten in Cannes nicht mehr bloß als Junkies in Erscheinung, sondern als Dealer. Die achtteilige deutsch-deutsche Ufa-Spionagestory „Deutschland 83“ etwa, die vom 26. November an bei RTL läuft, ist in 20 Länder verkauft, darunter Kanada, Israel, Großbritannien und Australien. Auch der Film „Nackt unter Wölfen“ über die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald ist in zehn Länder verkauft, etwa Frankreich, Italien und Südkorea. Ufa-Geschäftsführer Nico Hofmann spricht von einem „Riesenerfolg“. „Streamingdienste wie Netflix und Amazon sind beim breiten Publikum angekommen“, sagte er dem Branchendienst kress.de. Ihre Produkte seien „die neuen Romane“ – und zwar nicht nur für Lesefaule, sondern „eben auch für eine sehr gebildete Schicht“. Sie sorgten dafür, dass sich das frei empfangbare Fernsehen verändern müsse. Diese Botschaft ist endlich auch im Land von Sachsenklinik, singenden Nonnen und Hundekommissaren angekommen.

Nun greift man an

Lange sah sich Deutschland – immerhin der viertgrößte TV-Markt der Welt nach den USA, China und Großbritannien – den Boom gemütlich von außen an. Nun greift man an. Mit „Babylon Berlin“, Tom Tykwers 25-Millionen-Dollar Serie über die Goldenen Zwanziger, finanziert von der ARD, dem Pay-TV-Konzern Sky und der Berliner Produktionsfirma X-Filme. Mit dem Wende-Epos „Weissensee“, produziert von Regina Ziegler, die derzeit Pläne für eine vierte Staffel oder einen Kinofilm in ihrem Herzen bewegt. Mit einer zwölfteiligen Serie ebenfalls von Ziegler über die Geschichte der Treuhand, die in der Entwicklung ist.

Deutschland ist das neue Skandinavien

Tatsächlich ist der „Derrick“-Rekord längst gebrochen – vom vielschichtigen Weltkriegsdrama „Unsere Mütter – Unsere Väter“ (UMUV), das 2013 als eine Art televisionärer Brückenkopf fungierte. Seit „UMUV“ weiß die Welt, dass auch Deutschland massentaugliche Miniserien für ein qualitätshungriges Weltpublikum herstellen kann. „UMUV“ lief bisher in 120 Ländern. Deutschland sei „das neue Skandinavien“, zitiert Hofmann aus der britischen Presse. Da schwingt ein Stück zweckmäßiger Schöpferstolz des Fernsehverkäufers mit. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass es vorangeht.

Der Markt lechzt nach neuem Stoff

Jan Mojto, Geschäftsführer von Beta Film, will in den nächsten drei Jahren mindestens 250 Millionen Euro in TV-Projekte investieren, die „aus Deutschland und Europa heraus Geschichten für das internationale Publikum erzählen“. Dazu gehört die zehnteilige RTL-Serie „Hitler“ und das Remake von „Winnetou“. Jede Stunde „feinsten Stoffes“ (Mojto) koste mindestens 2 Millionen Euro. Ein kompletter 90-Minuten-„Tatort“ kostet in der Regel 1,2 Millionen – ist also gut halb so teuer. Geplant sind kofinanzierte Fantasydramen wie „Der Krieg der Zwerge“ (Drehbuch: „Game of Thrones“-Autor Frank Doelger), der Politthriller „Breaking News“ nach Frank Schätzings Roman und ein Mehrteiler über die Entstehung der Ökobewegung in den Achtzigern. Und der Markt lechzt nach neuem Stoff: Allein in den USA laufen in diesem Herbst 185 neue Serien an. Gute Zeiten für Derricks Erben.

Von Imre Grimm

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