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"Deutschland 83" jetzt im deutschen TV

Nach Erfolg in den USA "Deutschland 83" jetzt im deutschen TV

Das Jahr 1983: Es die Zeit des "Kalten Krieges" und der Geheimagenten. Die Potsdamer-Produktion "Deutschland 83" versucht diese Epoche fürs Fernsehen wiederzubeleben – in den USA bereits mit Erfolg.Beim Zusammentreffen von Fiktion und Historie knirscht es allerdings. Jetzt kommt die Serie ins deutsche Fernsehen.

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Martin (Jonas Nay) kollabiert in "Deutschland 83" angesichts der Warenwelt des Kapitalismus.

Quelle: Quantum Jump

Hannover. Schanghait zu sein, so hieß das früher in Hamburger Hafenkneipen, ist das, was einem Seemann widerfuhr, der plötzlich an Bord eines Seelenverkäufers aufwacht. Das Letzte, woran er sich erinnern kann, sind die beiden netten Herren, die ihm Runde um Runde spendiert haben, bis sie ihn bewusstlos aus der Kneipe zogen. Martin Rauch (Jonas Nay), junger Offizier der DDR-Grenztruppen, wird als Kundschafter für den Sozialismus schanghait: Ein Schlafmittel im Kaffee, und schon erwacht er in einer Bonner Villa, muss in einem Crashkurs lernen, wie der Westen funktioniert, um dann als Moritz Stamm in Bundeswehruniform in die feindliche Welt zu treten: als Ordonnanz bei Bundeswehr-General Edel (Ulrich Noethen).

In den USA bereits erfolgreich

So beginnt die Serie "Deutschland 83" (ab Donnerstag auf RTL), produziert von der Potsdamer Ufa Fiction. Es ist die erste deutsche Serie, die bereits lange vor dem hiesigen Start in den USA im Fernsehen lief – und dort hoch gelobt wurde. "Deutschland 83" ist schnell, spannend, doppelbödig. Jonas Nay ist grandios in seiner Mischung aus Naivität und Berechnung. Dass der Lübecker Nay das kann, wissen wir spätestens seit seiner grandiosen Hauptrolle im Lichtenhagen-Kinodrama "Wir sind jung. Wir sind stark" 2014.

Gerade weil "Deutschland 83" so gut ist, tun seine Schwächen umso mehr weh. Dass ein Geheimdienst so Leute rekrutiert und erfolgreich einsetzt wie den schanghaiten Martin, ist komplett hanebüchen. "Ein einwöchiger Crashkurs bringt gar nichts", sagt ein ehemaliger Führungskader der HVA, des DDR-Geheimdienstes, im vertraulichen HAZ-Gespräch.

Das Hanebüchene ist aber immerhin witzig umgesetzt: Martin will sich absetzen, landet in einem Supermarkt und kollabiert dort vor der Warenwelt des Kapitalismus. Dieser Westen lockt ihn nicht, er überfordert ihn. Im Kleinmachnow, Bezirk Potsdam, DDR, hat er seine kranke Mutter und seine Freundin. Er gibt nur deshalb nicht dem Heimweh nach, weil seiner Mutter eine Nierentransplantation an der Charité versprochen wird, wenn er Nato-Geheimnisse liefert.

Foto: Die Schauspieler Jonas Nay (v.l.) und Ludwig Trepte beim Dreh der Serie "Deutschland 83" in Potsdam.

Die Schauspieler Jonas Nay (v.l.) und Ludwig Trepte beim Dreh der Serie "Deutschland 83" in Potsdam.

Quelle: Ralf Hirschberger

So wird Martin der nützliche Idiot, der Schlafwandler im Dienst des Sozialismus. Er ist so harmlos, dass der Zuschauer sofort auf die Seite dieses Kundschaftler-Neulings gezogen wird, der alle naselang an seiner Enttarnung vorbeischrammt – etwa wenn er bei der Gartenparty bei General Edel freudig-naiv von einer Delegation aus Kuba erzählt und plötzlich in skeptisch gerunzelte Gesichter blickt. Aber Agent Nullkommanix ist erstaunlich erfolgreich: Er liefert nicht nur ein hektisch abfotografiertes geheimes Dossier aus der Aktentasche eines US-Generals, sondern auch eine Floppy-Disk mit der kompletten Nato-Strategie.

Selbst als Agent Romeo ist er im Einsatz und verführt eine Brüsseler Sekretärin nach allen Regeln der Kunst. Ein eiskalter Agent wird er jedoch trotzdem nicht, denn er verliert auch im olivgrünen Westen weder sein Heimweh noch sein Gewissen. Als der Jungspion erfährt, dass durch die Art, wie die HVA in Ost-Berlin seine Erkenntnisse weitergibt, ein Atomkrieg immer wahrscheinlicher wird, trifft er eine folgenschwere Entscheidung.
Die fiktionale Geschichte des Instantspions Martin lehnt sich an einen heißen historischen Herbst an.

Mutige und stimmige Produktion

Im November 1983 probte die Nato mit dem Manöver "Able Archer" ("Tüchtiger Bogenschütze") den atomaren Ernstfall. 40.000 Soldaten in Westeuropa waren involviert. Der Warschauer Pakt reagierte alarmiert: In der DDR und in Polen wurden Kampfflugzeuge mit atomaren Sprengkörpern ausgestattet. Der frühere HVA-Offizier nimmt für seinen Dienst im Gespräch mit dieser Zeitung in Anspruch, dass Erkenntnisse seiner Quellen dafür sorgten, dass "die Heißsporne im sowjetischen Verteidigungsministerium" den "Fall Rjan" abbliesen – so hatte Kremlchef Juri Andropow den befürchteten amerikanischen Erstschlag genannt.

Am 22. Oktober 1983 demonstrierte eine halbe Million Menschen im Bonner Hofgarten gegen die atomare Nachrüstung. Drei Tage später sang Udo Lindenberg im Ost-Berliner Palast der Republik "Ich bin Rocker, doch ich steh nicht auf Gewalt". Auf diese Tage, in denen der Kalte Krieg hätte heiß werden können, ohne dass es irgendjemand wollte, läuft die erste Staffel der Serie zu.

Doch beim Zusammentreffen von Historie und Fiktion knirscht es dann doch gewaltig. So erfrischend postideologisch, wie die Serie vordergründig ist, mit einem Ost-Spion als gebrochenem Helden, gerät sie auf den zweiten Blick keineswegs mehr: Paranoid, karrieregeil und zynisch sind nur die HVA-Vertreter, die Nachrüster im Westen aber scheinen vernünftig und rational.

Dennoch ist "Deutschland 83" eine herausragende, mutige und meistens stimmige Produktion. Sparsam eingesetzte Schnipsel aus "Tagesschau" und "Aktueller Kamera" und die Hits der Neuen Deutschen Welle im Hintergrund sorgen für das nötige Zeitkolorit dieses Jahrzehnts, das seine Ängste vor Atom, Aids und Arbeitslosigkeit zusammen mit schlechtem Geschmack zu einer zähen Mischung verrührte.

Von Jan Sternberg

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