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Fernsehen Deutschland sucht den Late-Night-Star
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17:07 19.01.2017
Wer kann’s machen? Talentierte Entertainer hat das deutsche Fernsehen einige, aber eine tägliche Late-Night-Show – da traut sich keiner so recht ran. Quelle: dpa/imago
Hannover

Früher war natürlich alles besser. Diesen populären Irrtum verdankt der Mensch einer spezifischen Eigenschaft seines Gehirns: Es neigt dazu, miese Wahrheiten ins Unbewusste zu verbannen. Was bleibt, sind Kinder mit roten Apfelwangen, die lachend durch meterhohen Schnee tollten. Hilfsbereite Telefonfirmen, die noch am selben Tag einen Techniker schickten. Und ein Late-Night-Talker namens Harald Schmidt, der der Welt knapp 16 Jahre lang brillant, klug und witzig ihre Schärfe nahm. Abend für Abend. Schmidt, der Gott der kleinen Dinge. Damals, als die Welt noch in Ordnung war.

Das ist natürlich Quatsch. Die Kinder. Die Techniker. Die Welt. Der Schmidt. Auch Harald Schmidt hatte seine Durchhänger, schleppte sich durch mieses Material und laue Scherze. Nicht jede seiner 1800 Sendungen war begnadete Satire. Und doch: Er fehlt.

Die reinigende Kraft tagesaktueller Satire fehlt

Es herrscht kein Mangel an Gerede im deutschen Fernsehen. Mit pastoralem Ernst und tiefen Stirnfurchen arbeiten emsige Talkrunden die globalen Krisenherde ab. Was fehlt, ist eine Oase für die entkrampfende, reinigende Kraft tagesaktueller Satire. Für die tägliche Katharsis durch Komik. Das gute Gefühl vor dem Schlafengehen, dass manchen Schrecklichkeiten aus der „Tagesschau“ doch etwas beruhigend Lächerliches innewohnt. „Es fehlt eine Show, die dir hilft, mit dem Tag abzuschließen“, sagte jüngst Oliver Welke, Kopf der „heute-show“ freitags im ZDF.

Die Late Night. „Die Königsdisziplin“ (Welke). Studioband, Stand-up-Intro, Politik, Medienkritik, Klatsch, Prominenz, Spielchen. Versucht haben es viele. Thomas Gottschalk vor 20 Jahren als wuseliger RTL-Nachtgeist. Thomas Koschwitz als sein knuddeliger Urlaubsvertreter, einst als „deutscher Jay Leno“ gefeiert. Ulla Kock am Brink. Anke Engelke. Sarah Kuttner. Benjamin von Stuckrad-Barre. Oder Oliver Pocher, der ja in Wahrheit kein Comedian ist, sondern das lebende Beispiel für die Personalnot im deutschen Fernsehen. Mal waren sie mehr, mal weniger glücklich. Selbst Dschungelhilfskraft Daniel Hartwich hatte RTL einst als Late-Night-Waffe auf dem Zettel („Achtung! Hartwich“). Ihnen allen jedoch fehlte mindestens eine der fünf „M“-Faktoren, die ein Late-Night-Talker braucht: Mutterwitz, Menschenliebe, Meinung, Mut – und Massel.

Ein Jimmy Fallon fällt nicht vom Himmel

Die Sender wissen um die Late-Night-Lücke. Aber ein Jimmy Fallon fällt nicht vom Himmel. Vielerorts läuft hinter den Kulissen die Suche nach einem Multitalent. „Es versteht sich von selbst, dass Pro7 als Sender mit der größten Late-Night-Tradition im deutschen Fernsehen immer über eine neue Late Night nachdenkt“, sagt Sprecher Christoph Körfer. Allein: „Für eine tägliche Late Night braucht man einen Künstler, der es kann und – das wird gern von Medienmachern unterschätzt – der es unbedingt will. Gleichzeitig müssen ihn die Zuschauer gerne in ihr Wohnzimmer einladen.“ Der deutsch-iranischen Komikerin Enissa Amani, auf die der Sender zwischenzeitlich setzte, fehlen mindestens drei der fünf „M“. Mit ihr arbeitet Pro7 „aktuell an keinem konkreten Programm“, sagt Körfer.

Während Pro7 Stefan Raab nachweint, hat das ZDF ein ganz anderes Problem: Jan Böhmermann („NeoMagazin Royale“) würde gern – darf aber nicht. „Ich hätte ohne Probleme Material, um dreimal die Woche Sendung zu machen“, sagte der Mann, der 2009 noch Tänzer und „Sidekick“ in der „Harald Schmidt Show“ war. „Ich will im Fernsehen alt werden.“ Sein Intendant Thomas Bellut sieht ihn in der Abteilung Jugendbespaßung besser aufgehoben. Es ist, als ahne man in Mainz: Böhmermann? Täglich am Hauptabend? Das gibt Stress. „Eine tägliche Late-Night-Show ist für uns zurzeit kein Thema“, heißt es in Mainz offiziell.

Es gibt viele deutsche „Ansager“, aber ...

Rückendeckung erhält Böhmermann von Welke. „Du brauchst Leute wie Schmidt oder Böhmermann, die entsprechende Bühnenerfahrung haben“, lobte er in der „Berliner Zeitung“. Es gebe viele deutsche „Ansager“. Aber es sei etwas anderes, Menschen so zu unterhalten, „dass sie mental dranbleiben“. Das Manko könne auch an den Gästen liegen. US-Schauspieler gingen vorbereitet, selbstironisch und schlagfertig in eine Sendung – „deutsche Schauspieler glauben oft, ihre Anwesenheit sei schon das Ereignis“.

Und in der ARD? Der Senderfamilie, die einst glaubte, Oliver Pocher und Harald Schmidt könnten ein gutes Team werden? Im Fernsehstudio 5 des SWR in Baden-Baden zieht seit elf Jahren Pierre M. Krause als Conan O’Brian des Schwarzwalds seine Kreise – in einer sympathisch-harmlosen Dienstagsshow, die seit 2016 seinen Namen trägt. Auch er lernte bei Schmidt. „Pierre M. Krause hat ein Talent, das es kaum noch gibt im Fernsehen“, lobte im Dezember Frank Elstner zur 500. Sendung. „Er schafft es, alle zum Lachen zu bringen.“ „Bei unserer Sendung ist es wie bei einer Millionärsgattin in Baden-Baden. Sie wird älter, und keiner sieht es“, sagt Krause selbst. Im Schnitt schalten 160 000 Zuschauer ein. Auch Krause wünscht sich „eine deutsche Late-Night-Kultur, in der der philosophisch tiefgründige Witz ebenso Platz hat wie der vergleichsweise platte Gag“. Aber seine Hausmacht ist gering.

Die großen Namen sind anderweitig verpflichtet

Wer dann? Böhmermann ist gerade erneut in der Kategorie „Late Night“ gleich doppelt für den Grimme-Preis sowie für den Deutschen Fernsehpreis nominiert worden. Seine Konkurrenten: Carolin Kebekus („Pussy Terror TV“, WDR) und Luke Mockridge („Luke – Die Woche und ich“, Sat.1). Beide haben dasselbe Problem: eine treue, aber ziemlich hermetische Zielgruppe. Und sonst? Ina Müller? Hat ihr Traumformat gefunden. Kurt Krömer? Zieht es auf die Bühne. Klaas Heufer-Umlauf? Würde sich kaum täglich verpflichten. Sarah Kuttner? Ist in der Nische nicht ganz unglücklich. Sebastian Pufpaff? Ist zu sehr Kabarettist und zu wenig Moderator. Barbara Schöneberger? Ist vielseitig verpflichtet. Hape Kerkeling? Schreibt lieber.

Schmidt selbst? Im diesem Leben nicht mehr. „Ich find’s wahnsinnig angenehm, seit ich mich dazu bekenne, dass ich ein schwäbischer Vollprovinzler bin“, sagte er gerade. Sein Debüt als Kripo-Chef Gernot Schöllhammer im neuen „Tatort“-Team aus dem Schwarzwald gibt er im Frühjahr. Ansonsten ist er auf dem ZDF-„Traumschiff“ unterwegs. Das verändert nicht die Welt, aber: „Das ,Traumschiff’ ist systemrelevant.“

Die Suche geht weiter.

Von RND/Imre Grimm

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