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Ein klarer Fall von Eifelsucht

"Mord mit Aussicht" in der ARD Ein klarer Fall von Eifelsucht

Die ARD feiert ihren Provinzkrimi-Superhit "Mord mit Aussicht" mit einem 90-Minüter. Damit treibt das Produktionsteam die fröhliche Überdrehtheit der Reihe auf die Spitze.

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Hengasch im Herzen: Sophie (Caroline Peters, links) feiert mit Bärbel Schmied (Meike Droste) und Dietmar Schäffer (Bjarne Mädel).

Quelle: ARD

Hannover. Keine Ahnung, was in der Eifel nicht stimmt, aber 30 Morde in acht Jahren sind natürlich heftig für ein winziges Provinzkaff. Seit Großstadtpflanze Sophie Haas (Caroline Peters) als Chefin in der vermufften Polizeibutze des fiktiven Eifelkaffs Hengasch ihre Fingernägel bemalt, zieht sich eine Schneise der Gewalt durch das plüschige Butzenscheiben­idyll. Und niemand begrüßt das so sehr wie Sophie selbst. Niemand sagt mit breiterem Grinsen: "Schäffer, rufen Sie die KTU!", wenn es wieder irgendwo einen Schafzüchter zerrissen hat.

Vorfreude und Babyblues

Mehr Morde als in Palermo? Das ist ein ganz kleines bisschen unrealistisch. Aber um Realismus ging‘s noch nie im ARD-Krimihit "Mord mit Aussicht". 6,5 Millionen Zuschauer sahen im Schnitt die dritte und bisher erfolgreichste Staffel. Nun hat sich das Team erstmals an einen 90-Minüter getraut. Und der treibt die Fabulierlust, die fröhliche Überdrehtheit der schratigen Reihe auf die Spitze.

"Ein Mord mit Aussicht"
ARD | Komödie mit
Caroline Peters,
Bjarne Mädel und
Meike Droste
Montag, 20.15 Uhr
Bewertung:
4 von 5 Sterne

Party in Hengasch: Nörgelpolizist Dietmar "Bär" Schäffer (Bjarne Mädel) wird 46 und freut sich heftig auf den Laubpuster "HL9000", den ihm seine "Muschi" versprochen hat. Auf der Wache gibt‘s Schokosahnetorte und lustige Hütchen. Jungmama Bärbel Schmied (Meike Droste) allerdings hat einen leichten Babyblues. Und Sophie hat wieder Stress mit ihrem klugscheißenden Kölner Polizeichef Hans-Peter Jogereit ("Pastewka"-Bruder Matthias Matschke), der sie partout nicht zurück ins Kölner Kommissariat berufen will.

Dann wird Sophie zu einem Einbruch in Hengaschs Nachbarkommune Hammelforst gerufen. Die Nobelvilla gehört ausgerechnet ihrem Erzfeind Jogereit. Am nächsten Morgen liegt er tot auf dem Teppich. Haas‘ Hammelforster Kollegin Sandra Holm (herrlich humorfrei: Nina Proll) überrascht Sophie mit der Mordwaffe in der Hand. Und die komplette Hengascher Trümmertruppe landet auf Holms todschickem Revier, auf dem sogar – anders als in Hengasch – das Luxusklo funktioniert. Neid macht sich breit.

"Old Schäfferhand" und die Sexbombe

Es folgt: ein drolliges Vernehmungs-Kammerspiel mit idealisierten Rückblenden in diversen Filmstilen gedreht (Kamera: Marc Comes). Was ist wirklich passiert? Schäffer ist inhaltlich raus. Er hat noch ordentlich Partypromille im Blut und pennt dauernd im Sitzen ein. Bärbel nervt mit Babyfotos und Hormonwirrwarr. "Muschi" Schäffer (Petra Kleinert) pöbelt rum wie die unterzuckerte Cousine von Cindy aus Marzahn. Sophie gibt die coole Bullensocke, aber die Schlinge zieht sich zu. Hat sie Jogereit aus Rache ermordet?

Quietschbunt, in comicartigen Bildern, gibt sich jedes Mitglied der Hengascher Provinzbande gegenüber der Hammelforster Inquisitorin in den rückblickenden Projektionen exakt so, wie es sich selbst gern sähe: Westernfan Schäffer wird zu "Old Schäfferhand", Sophie zur perfekten Superfrau, "Muschi" zur Sexbombe. Das ist witzig und konsequent bekloppt, als tragendes Herzstück des Films aber etwas überdehnt.

Kreativpause nach 39 Folgen

Regisseur Jan Schomburg ("Über uns das All") hat ein würdiges Filmdenkmal für den Provinzwahnsinn im toten Winkel von Nordrhein-Westfalen geschaffen – absurde Dialoge inklusive ("Wir haben auch Brötchen. Salami, Käse und Salami-Käse." – "Geht auch beides?"). Ein Abschiedsgeschenk für die Fans?

Die Zukunft der Reihe ist offen. Fest steht, dass nach 39 Folgen eine mehrjährige Kreativpause ansteht. Immer mal hat das Team zuletzt über lieblose Wiederholungen am Vorabend, gestrichene Drehtage und mangelnde Rückendeckung durch die ARD geklagt. Tatsächlich täte der Sender gut daran, die Helden dieser Erfolgsgeschichte pfleglich zu behandeln. "Da loben sie dich und nehmen dir gleichzeitig die Wurst vom Brot", klagte Mädel. Von einem Ausstieg war zuletzt aber nicht mehr die Rede.

So richtig lossagen will sich noch niemand von dem schrulligen Mikrokosmos. Ein klarer Fall von Eifelsucht.

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