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00:26 30.06.2014
Von Imre Grimm
Wir waren jung und rauchten das Geld: Drei minderjährige Jungs in New York City paffen in den zwanziger Jahren wie die Großen. Quelle: Beetz Filmproduktion
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Heute, wo alle Welt jung sein will, wo 65-Jährige mit Baseballkappe und freiem Brusthaar ewige Adoleszenz simulieren, ist das natürlich kaum zu glauben: dass es das Prinzip Jugend nicht schon immer gab. Dass diese Lebensphase der Orientierung, der Ichwerdung und Abgrenzung, dieser viel besungene süße Vogel eine Entdeckung der Neuzeit ist, ein Freiraum, der den Lebensrealitäten erst abgetrotzt werden musste. Bis vor 120 Jahren schufteten Zwölfjährige ganz selbstverständlich in Bergwerken und Fabriken, 70 Stunden die Woche. Erst seit der Abschaffung der Kinderarbeit war Raum für das, was zum bis heute gültigen Ideal der globalen Kultur und zum Motor des Pop werden sollte: Jugend.

Die präzise und emotionale Dokumentation „Wir, die Teenager“ des US-amerikanischen Filmemachers Matt Wolf – die auf dem Bestseller „Teenage“ des Popjournalisten Jon Savage von 2008 basiert – führt den Zuschauer mit leisen, poetischen Archivfundstücken in die Anfänge der Jugendkulturen in England, Deutschland und den USA von 1875 bis 1945 zurück, angereichert mit Tagebuchauszügen und Briefzitaten im Stil von Fred Grimms großartigem Sammelwerk „Wir wollen eine andere Welt“. Lange, sehr lange bevor Hip-Hopper in tief sitzenden Hosen, bleiche Gothic-Wesen, schnorrende Punks und bärtige Hipster, die „was mit Medien“ machen, an den Bushaltestellen der westlichen Welt saßen.

Und schon immer hatten Medien Stempel für die neuen Subkulturen ihrer Zeit, Wortstanzen, die die verstörenden Strömungen bündeln sollten. Die „Flapper“-Mädchen der Zwanziger Jahre etwa schnitten sich die Zöpfe ab, rauchten Zigaretten, schminkten sich wild, hörten Jazz, koksten und gaben sich cool. „Wer entscheidet darüber, was Jugend ist und darf?“, fragt eine von ihnen. „Wir selbst oder die Erwachsenen?“ Es ist die Gretchenfrage dieses Films. Brenda Dean Paul war eine von ihnen, eine Art Amy Winehouse der Zwanziger. „Wir suchten nach etwas, woran wir glauben konnten“, sagt sie. „Und sie haben Angst vor uns.“ Sie starb mit 51 Jahren, schwer heroinabhängig.

Wandervogel und Pfadfinder entstanden, kanalisierten die innere Wildheit, standen für Naturnähe und Erwachsenenferne. Später kamen die „Bright Young Things“ in Great Britain auf („Unsere Welt ist schnell, unsere Eltern sind alt“), deren Upperclass-„Freak-Partys“ die Zeitungen äußerlich verachtend, aber mit wachsender Neugier beschrieben. Oder die „Jitterbugs“, Swingfans und Tanzfanatiker, getrieben vom neuen Sound in Vor-Rock-’n’-Roll-Zeiten. Die Beerdigung des Hollywoodstars Rudolph Valentino im August 1926 dann, der mit 31 Jahren an einer Lungenentzündung starb, wurde zur Demonstration jugendlichen Aufbegehrens mit Tausenden hysterischen Fans. Sich wieder unterordnen? Nachdem Hunderttausende junge Menschen im Ersten Weltkrieg verheizt wurden? Nie wieder.

Wolfs Film ist keine romantisierende Bilderschau, sondern eine berührende Zeitcollage aus soghaften Bildern von Generationen, die um ihre Identität kämpfen, die die Balance zwischen Gemeinschaft und Individualität, zwischen Verlässlichkeit und Freiheitsdrang immer wieder neu justieren müssen. Und er zeigt auch, wie die großen Freiheitsträume erbarmungslos und eiskalt ausgebeutet werden, in Kriegen, im Dritten Reich, wie Hamburger „Swing-Boys“ und die „Edelweißpiraten“ vergeblich versuchen, sich dem Wahnsinn zu entziehen. Bis in Wolfs Film eine Handvoll Hitlerjungen im Nirgendwo steht, ihre Augen tot, ihre Hände zitternd, in ihren Gesichtern das Grauen, die totale Überforderung. Sie sind 13, 14 Jahre alt, sie tragen Uniform und sollen Wehrmachtsoldaten sein, aber sie sind Kinder, Hitlers letztes Aufgebot.

In den Fünfzigern dann betrachtet die Erwachsenenwelt die Halbstarken, die „Zoot Suiters“ und „Sub-Debs“ mit dem Blick von Ethnologen wie eine fremde Spezies, ein Mysterium. Die Jugend steht unter Generalverdacht, sie repräsentiere Verderbnis, sexuell übertragbare Krankheiten, Kriminalität, Drogen und politisch-moralischen Verfall. Bis die „New York Times“ im legendären Artikel „A Teen-Age Bill of Rights“ zur Toleranz für die unverstandene Jugend aufruft.

Und heute? Ist „Jugend“ zu einem durchkommerzialisierten Marktideal geworden – das paradoxerweise vor allem Ältere ausleben, während sie die heutigen deutschen Jüngeren mit G-8-Abitur und Bachelorstudium hart an die Kandare nehmen. Das System gibt sich mit bunten Rutschen in Firmenzentralen und Popfestivals mit Bestuhlung dauerjung, richtet sich aber eher an den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft aus. Für experimentelle Reifung, Persönlichkeitsbildung, Ausprobieren, Lust und Laune ist kaum Luft. Erstaunlich, dass die Gegenwart noch keine neuen „Flapper“ hervorgebracht hat. Vermutlich, weil H & M sofort eine gleichnamige Mode-­linie auf den Markt brächte. Globale Konzerne von Apple bis GAP haben die Monetarisierung des Andersseinwollens zur Perfektion getrieben.

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