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00:15 28.03.2015
Von Imre Grimm
Jede kleinste Emotion in Haltern wird von Kamerateams eingefangen. Quelle: Sascha Schuermann

Und dann kommt sie natürlich doch. Die Frage, die man nicht stellen darf. Nicht an diesem Tag, nicht bei einem solchen Unglück. Gerade haben sie im ARD-„Brennpunkt“ nach Haltern in Nordrhein-Westfalen geschaltet, dort steht Markus Preiß vor dem Joseph-König-Gymnasium. Kerzen. Tränen. Zwei Lehrerinnen und 16 Schüler aus Haltern sind beim Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 ums Leben gekommen. „Markus“, fragt Moderatorin Ellen Ehni im Studio, „du hast sicher etwas mitbekommen von der Stimmung in Haltern?“

Tja – wie ist die Stimmung in Haltern? Die Frage klingt wie bei einem Wahlabend. Wie bei einem Fußballspiel. Wie ist die Stimmung bei der FDP? Wie ist die Stimmung bei den Hertha-Fans? Wie ist die Stimmung in Haltern am See? Wie soll die Stimmung schon sein, wenn 16 Kinder tot sind und zwei Erwachsene. Wenn Informationen fehlen, schlägt die Stunde von Spekulation und Emotion. Die Medien flüchten in Erregungsroutine. In tradierte Muster, die im Prinzip nicht groß unterscheiden zwischen einem Flugzeugabsturz mit 150 Toten, einem EU-Krisengipfel und einem Champions-League-Achtelfinale. Wir erleben die Eventisierung eines Unglücks.

Der Absturz. Ausnahmezustand in den deutschen Medien. Niemand weiß irgendwas, aber Sendungen sind zu füllen, Interviews zu führen. Es sind Tage des Konjunktivs. Hätte. Würde. Könnte. Vielleicht. Experten auf allen Kanälen. „Eine Notlandung hat offenbar nicht stattgefunden“, sagt einer bei Markus Lanz im ZDF. Nein, hat sie offenbar nicht. „Leider Gottes standen die Berge im Weg.“ Ja, leider Gottes. „Ausdrücklich gesagt: Das muss in diesem Fall überhaupt nicht so gewesen sein.“ Nein, muss es nicht. Aber warum sprechen wir dann darüber?

Es ist ein schmaler Grat zwischen ganz nah dran und nicht ganz dicht. Während ARD und ZDF die Bilder der Angehörigen am Flughafen pixeln, zoomt N24 tief in die verheulten Gesichter Halterner Schüler. „Brennpunkt“-Moderatorin Ehni – Leiterin der WDR-Programmgruppe Wirtschaft und Recht – fragt kalt nach den „Überresten“ der Passagiere und stellt seltsame Bezüge her zwischen der Größe einer Stadt und der Größe ihrer Trauer. „Morgen ist Niki Lauda bei uns“, sagt Markus Lanz, „möglicherweise mit neuen Erkenntnissen.“ Ja, möglicherweise. Oder eben nicht. Die Essenz der stundenlangen Livestrecken ist ein Widerspruch in sich: „Wir wollen ja nicht spekulieren – aber was könnte da wohl passiert sein? Dazu jetzt unser Korrespondent ..."

Liveberichterstattung ist ein hartes Brot. Erst recht ohne Fakten, Bilder, Übersicht. Das gilt für alle Medien. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Nichtberichten keine Option ist. An Tagen wie diesen haben Massenmedien, insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen, auch eine seelsorgerische Funktion. Sondersendungen haben eine geradezu kathartische Wirkung. Die Forderung, nur im Falle von wirklich neuen, harten Informationen auf Sendung zu gehen, ist wohlfeil. Fernsehen funktioniert so nicht. Medien funktionieren so nicht. Schon gar nicht im Jahr 2015, wo die Echtzeitanalyse – obwohl im Kern unmöglich – zu den Standarderwartungen eines medial aufgeputschten Publikums gehört. Natürlich ist das Bedürfnis groß, etwas zu erfahren. 5,93 Millionen Menschen sahen den „Brennpunkt“. 4,37 Millionen sahen das „ZDF Spezial“ zum Thema. Doch die Livetickerisierung des deutschen Journalismus gerät an ihre Grenzen, wo es bei der simulierten Expertise bleibt, bei der bloßen Pose, beim schillernden Rahmen für ein Bild, das nichts zeigt.

„Fünf lange @tagesschau Extra Ausgaben seit 1/2 12, gleich #Brennpunkt @tagesthemen @maischberger z Flugzeugabsturz“, twittert stolz Andreas Cichowicz,  Fernseh-Chefredakteur des NDR. „Das Erste ist Information!“ Mit Ausrufezeichen. Die Frage, ob ein Absturz mit 150 Toten möglicherweise ein ungeeigneter Anlass für exzessives Selbstlob ist, stellt er sich offenbar nicht.

Quantität? Qualität? Masse ist kein Wert an sich. Das zeigte nicht zuletzt der viel zu lange „Brennpunkt“ am Dienstagabend, der eher eine Leistungsschau des ARD-Korrespondentennetzes war. „Schaut her!“, sagten die Bilder. „Wir haben überall Korrespondenten, sogar auf einem dunklen Berg in den südfranzösischen Alpen!“

Es geht nicht bloß um die Sinnhaftigkeit von Korrespondentenschalten ins Nirgendwo. Es geht um die Frage, ob mediale Hilflosigkeit im Umgang mit der Katastrophe dazu führen, darf, dass die ethische Richtschnur verlorengeht. Ob Überdrehung – „Was hat Germanwings zu verheimlichen?“ („Focus Online“) – die richtige Antwort auf Nichtwissen ist. Ob Spekulationen darüber, was direkt vor dem Crash durch die Köpfe der Passagiere gegangen sein könnte, zur Klärung irgendetwas beitragen. „Es gibt nichts Schlimmeres für die Familienmitglieder als die permanenten Phantasien“, sagt die Psychologin Sybille Jatzko bei „Menschen bei Maischberger“. Was dann folgte: exakt diese Phantasien. Ein ein Korrespondent fabuliert, dass in den südfranzösischen Bergen Wölfe unterwegs seien, die jetzt Leichenteile fressen könnten.

Es ging auch anders. „Börsenkurse interessieren heute nicht“, hieß es im ZDF. So ist es. Die nicht. Und vieles andere auch nicht. Die Medienmaschinerie hat eine Tendenz zum Kalten, Technokratischen. Zuschauer, Hörer, Leser spüren das besonders schmerzhaft, wenn es ihr nicht gelingt, an solchen Tagen die emotionalen und informationellen Bedürfnisse einer geschockten Öffentlichkeit unter einen Hut zu bringen. Als Gradmesser für die Zulässigkeit einer Spekulation, Stellungnahme oder Einschätzung kann ein schmerzhaftes Gedankenspiel dienen: Man stelle sich vor, Vater oder Mutter eines Opfers hören oder sehen zu.

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