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Die Stones – Zunge raus und ab dafür!

Pop Die Stones – Zunge raus und ab dafür!

Von fliegenden Kürbissen, Primaballerinen auf Aphrodisiaka und dem Gänsehautgefühl, das einen befiel, als man zum ersten Mal die Glimmer Twins Mick Jagger und Keith Richards auf der Bühne sah. Erinnerungen an Rolling-Stones-Open-airs aus den Jahren 1982 bis 2014.

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Triumph unter der Sonne des Nordens: Im Juli 1982 traten die Rolling Stones (im Bild Mick Jagger) auch in Hannovers Niedersachsenstadion auf.

Quelle: HAZ

Hannover. Seit Anfang der Achtzigerjahre treten die Rolling Stones auch in deutschen Landen in Sportstadien auf. Was da los war? Einige Impressionen:

Köln 1982

Erst flog mal Gemüse. Ein Kürbis traf das Instrument von Gitarrist Johnny Tame, und der zu emotionalen Ausbrüchen neigende Veranstalter Fritz Rau stieg tapfer auf die Bühne des FC-Stadions, wehrte mit dem Besen Tomaten, Gurken, Sellerie ab, die in Richtung jener Stones-Vorband gepfeffert wurden, die er Mick Jagger untergejubelt hatte. Der frühere Schlagerstar Peter Maffay war da längst Rock, aber woher sollten die Stones-Fans das wissen? Dann kamen die Stones selbst, schon 20 Jahre im Geschäft, mit dem Nimbus des Legendären und des Gefährlichen behaftet: Jagger mit seinen Stoßstangenlippen und Richards, der schon damals aussah wie der Vater von Piratenkäpt’n Jack Sparrow, den er viel später in den „Fluch der Karibik“-Filmen darstellte. Und erst diese Setlist: Sie spielten Big Boppers „Chantilly Lace“ und Eddie Cochrans „Twenty Flight Rock“. Und – nach längerem Verzicht – auch wieder „Satisfaction“: Dä, dää, dä-dä-däää! Blieb am Ende nur die Frage: Wie kriegt man unbemerkt einen Kürbis ins Stadion?

Frankfurt 1990

25 Songs! Und immer noch dieses unbeschreibliche Gänsehautgefühl, hier Widerständler des Rock zu sehen, die den Soundtrack gegen das Establishment mitgeschrieben hatten, gegen die Glenn-Miller- und Humba-Täterä-Generation. Dabei wäre die Band in den sieben konzertlosen Jahren fast in Zank und Zeter zerbrochen, hätte sie ein rettender Multimillionen-Tourdeal nicht eines Besseren belehrt. Es ging nur noch ums Geld, so schien es, aber sie brachten „Ruby Tuesday“, „Dead Flowers“, „Paint it, Black“ und vor allem das psychedelische „2000 Lightyears from Home“ ins Frankfurter Waldstadion. Die „Sgt. Peppers“-Nachäffung „Their Satanic Majesties Request“ aus der Adventszeit von 1967 war eben doch ein tollen Album gewesen.

Hannover 1995

Mega! Mega! Mega! Das Konzert mit dem Schlangenturm, aus dem die Feuerzunge schießt – ein Polytechnikum des Rock’n’Roll! Livemomente werden mit Videoclip-Figuren kombiniert, Jagger tanzt mit einer gestrichelten Voodoo-Hexe. Das Konzert im Niedersachsenstadion beginnt mit Buddy Hollys „Not Fade Away programmatisch: Man will nicht verblassen. Die Stones graben diese, ihre dritte Single von 1964 aus, um nach 33 Jahren im Biz zu sagen: Wir sind noch der wildeste und sensationellste Rock-’n’Roll-Haufen des Planeten. Unvergleichlich. Unverzichtbar. Darryl Jones spielt erstmals Bass an Originalbassist Bill Wymans Stelle und kann’s besser. Den Refrain zu „Miss You“ führen die Fans minutenlang fort, Jagger springt endlos auf der Stelle. Ob er noch an Angela Bowie gedacht hat, als er „Äyndschäh!!“ ins Mikrofon keuchte?

Bremen 1998

Anthrazithimmel überm Weserstadion. Wettervorhersage: Regen. Der 2. September begibt sich jedoch trockenen Fußes in die Nacht. Das Konzert startet mit „Satisfaction“, Jagger singt’s blasiert, Keith trägt Leopard, Ronnie Wood klebt schon beim ersten Riff die erste Zigarette zwischen den schmalen Lippen, und Charlie Watts ist erst mal ganz der steinerne Drummer. 40 000 singen aus Leibeskräften „Let’s spend the Night Together“, längst nicht jeder Ton sitzt, dafür hat sich die Band inmitten von Kolossalkulissen und einer Schar brillanter Gastmusiker die kleine Kellerschwitze bewahrt. Freilich wird längst auch abgezockt: Bis zu 158 Mark haben die Karten gekostet – aber sie waren’s am Ende wert. In Bremen werden prächtige „Bridges to Babylon“ (Titel der damals aktuellen Stones-Platte) geschlagen, zum vorerst letzten Mal hat man bei dieser Tour das Gefühl, dass es so weitergehen müsse. Alle paar Jahre ein Stones-Konzert – für immer und immer und immer. In Ewigkeit, Amen.

Hannover 2003

50 000 am Expo-Gelände, die Stones im 41. Jahr vor der größten Leinwand der Welt. Die ist ein Wunderwerk, teilt sich in Fragmente, zeigt und zeigt und zeigt. Vieles ist zugleich zu sehen, bis das Auge des geneigten Rockfans die weiße Fahne schwenkt, bis die Details aus dem Blick fallen, bis die Optik besoffen und man visuell stoned ist. Dazu: Lichter. Lichter. Lichter. Sobald der Abenddämmer zur Nacht geworden ist, sieht der Kronsberg von Hannover aus, als lande darauf die Sternenstadt aus Spielbergs Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Die gewaltigen Sporen der Bühnenfront verstärken den intergalaktischen Bluff. Musikalisch geht es dagegen erdverbunden zu: Die meisten der Stücke sind Klassiker. „Ihr seid spitze!“, brüllt Mick Jagger. Und schickt hinterher: „Das ist unsere letzte Show in Deutschland.“ Kleine Kunstpause, dann: „Für eine Weile.“ P.S.: Die Karten haben jetzt die 100-Euro-Linie überschritten (noch rechnet Deutschland diese Preise sofort in die alte Währung um: 200 Mark – sapristi!)

Hannover 2006

Am Ende eines brüllend heißen Tages tritt Mick Jagger in der AWD-Arena (es ist die Livemusik-Taufe des umgebauten Niedersachsenstadions) vor 35 000 Fans den Beweis an, dass Jugend keine Frage des Alters ist. Und – hoppala! – hat man sich verhört? Hat der Kaltschnäuzige, Unfamiliäre, von dem Bruder Chris behauptet, nicht mal er habe seine Handynummer, da tatsächlich seinem Publikum ein „Let’s spend our lives together“ ans Herz gelegt? Ist das Kitsch? Ist das Lug & Trug im Rock ’n’ Roll? Egal. Man wird sentimental. „Our lives!“ Was für ein Angebot. Das zur Tour gehörige Album „A Bigger Bang“ war ja leider nur eine kleine Verpuffung, die Songauswahl des Abends ist – bis auf die Roosevelt-Sykes-Nummer „Night Time is the Right Time“ – überraschungslos. Die Karten kosten jetzt schon bis zu über 200 Euro, die Volksmusik Rock ’n‘ Roll ist nicht mehr für everybody, Hartz-IV-Stones-Fans müssen später mit der DVD Vorlieb nehmen.

Hamburg 2007

Die Bühne der Stones sieht aus wie eine schrille, bunte Weltraummotte, sagen die einen, wie ein langweiliges Parkhaus die anderen. Und davor haben am 15. August 2007 die Rolling Stones geparkt. Erstmals erlebt man, was in Amerika längst Usus ist: Der Innenraum des HSV-Stadions ist komplett bestuhlt. Was hier freilich daran liegt, dass das Stadion so voller aussieht – denn nur 25000 Fans wollen die Band sehen. In der HSH-Nordbank-Arena (Ex-Volksparkstadion) geht’s mit „Start Me Up“ los, Jagger wackelt mit dem Popo wie eine Primaballerina auf Aphrodisiaka, aber bis auf „I’ll Go Crazy“, eine Coverversion von Micks Bewegungslehrmeister James Brown, gibt’s im 45. Stones-Jahr nichts Überraschendes, und jeder Anwesende hätte damals Stein auf Bein geschworen, dem letzten Stones-Konzert auf deutschem Boden beizuwohnen. Noch größer als die Enttäuschung über die Bestuhlung und die Standard-Setlist ist die in Sachen Vorband: Wieder sind es Starsailor (wie im Vorjahr in Hannover) – statt der eigentlich vorgesehenen Amy Winehouse. Während die Stones auf Tour nur noch Tee (höchstens mal ein Bierchen) trinken und von Drogen die Finger lassen, befindet sich die Versprochene, total Angesagte, früh verbleichen Sollende statt in Hamburg auf Entzug.

Düsseldorf 2014

Ein richtiges Open-Air wird’s – dem Wetter geschuldet nicht – die Düsseldorfer Esprit-Arena setzt ihr Mützchen auf und wird zur Giga-Halle. Vorne im Front-of-Stage-Bereich stehen die Jüngeren, unglaublich viele Twens und Teenager dabei, von Vätern und Opas Mitgebrachte, die aber gar nicht so mitgenommen aussehen wie sonst, wenn die Altvorderen sie wieder mal dazu verpflichtet haben, sich „mal richtig gute Musik“ zu hören. Alle sind von der neuen Energie der 52 Jahre alten Band so angefixt, dass sie Mundbewegungen des Mitsingens auch dann machen, wenn sie den Text gar nicht kennen. Wie das magische Wesen Mick spurtet, springt und fuchtelt! Wie der Freibeuter Keith seine schartigen Riffs säbelt. Jagger sinniert über den Unterschied zwischen „Kölsch“ (Köln) und „Altbier“ (Düsseldorf), begrüßt die Toten Hosen oder stellt einfach mal regionale Fragen in den Raum wie „Warum ist es am Rhein so schön?“ Das Duell zwischen Mick Jagger und einem unbekannten, unglaublich virtuosen Gitarristen beim „Midnight Rambler“ gerät zum Höhepunkt des Konzerts. Hier löst sich der Abend vom kernigen Drauflosrumpel, hier springt der Rock zum Jazz hinüber, zwei Musiker lassen sich vollkommen aufeinander ein, lösen die Schwere des Blues auf, improvisieren, jammen, was das Zeug hält. „Mick Taylor!“, stellt Jagger dann den Dicken vor. Vergisst indes zu erwähnen, dass dies der einst bildhübsche Leadgitarrist der maßgeblichen vier Rolling-Stones-Alben war: „Beggar’s Banquet“, „Let it Bleed“, „Sticky Fingers“ und „Exile on Main Street“. Die Setlist in Düsseldorf ist wie gehabt. Museen stellen ihre wertvollsten Schätze aus, das Museum Stones spielt ergo sein „stonissimo“. Aber sie wirken dabei so frisch und jung wie lange nicht mehr. Kein Technik-Firlefanz – nur die Band, die Bühne, die Fans und die Musik. Ein Detmolder Jugendchor übernimmt den gospeligen Rahmen von „You Can’t Always Get What You Want“. Und die Arena wird zur Rock-’n‘-Roll-Kirche. Bei Ronnie Wood fragt man sich zwischendurch, ob das immer dieselbe Kippe ist, die dem Mann während des Konzerts an der Unterlippe pappt. Raucht er das Ding, oder ist das schon was Festgewachsenes? 2017 raucht er nicht mehr, nachdem er sich vor einigen Monaten einer Lungenkrebsoperation unterziehen musste.

Von Matthias Halbig / RND

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