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Die neue ARD – Eine Senderfamilie reformiert sich

Medien Die neue ARD – Eine Senderfamilie reformiert sich

Neue Strukturen, neue Legitimation: Die ARD will moderner werden, ihre Sender sollen stärker kooperieren, pro Jahr will man eine Milliarde Euro sparen. Senderfusionen will man allerdings vermeiden. Reicht das aus, um den Legitimationsdruck zu verringern?

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Wird alles anders? Die ARD strebt unter ihrer Vorsitzenden Karola Wille eine umfassende Reform an.

Berlin. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland steht vor einer umfassenden Reform. Ziel ist es, effizienter zu werden, Kosten zu reduzieren, sich fit zu machen für die Digitalisierung – und den gesellschaftlichen Druck auf ARD und ZDF zu mindern. Bis zum Jahr 2028 will allein die ARD knapp eine Milliarde Euro pro Jahr sparen – also rund 100 Millionen pro Jahr, zusätzlich zu den bereits laufenden Reformprogrammen in den neun Sendern. Das Ziel: Schluss mit der organisatorischen Kleinstaaterei und dem Wildwuchs in Verwaltung und Produktion. Mehr noch: Die Sender hoffen nach ihrer Modernisierung auf weniger Legitimationsdruck. Aber: Die Zahl von 18 öffentlich-rechtlichen TV-Sendern in Deutschland soll unangetastet bleiben.

Hausaufgaben von den Ministerpräsidenten

Seit Jahren stand die ARD unter Druck, ihre ausufernden Kosten in den Griff zu bekommen. Hausaufgaben gab es nicht nur im Oktober 2016 von den Ministerpräsidenten, die Einsparungen in Millionenhöhe anmahnten, sondern auch von der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF). Sie forderte die ARD seit Jahren auf, ihre rasant steigenden Pensionszahlungen an ehemalige Mitarbeiter in den Griff zu bekommen.

Nun hat die Sendegemeinschaft ein Paket geschnürt, um die Gemüter zu beruhigen. Von den 20 447 ARD-Vollzeitstellen werden bis 2028 voraussichtlich mehrere Tausend wegfallen, vor allem in der Verwaltung.

Einigkeit unter den neun Intendanten

Die Vorschläge der ARD werden von allen neun Intendanten getragen – eine Rarität in der Senderfamilie. Der Bericht wurde gestern der Rundfunkkommission der Länder übergeben, ebenso die Papiere des ZDF und des Deutschlandradios. Es ist die Grundlage für die Diskussion um die Zukunft von ARD und ZDF. Die ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin Karola Wille sprach von einem „gemeinsamen Verantwortungspapier“. Es gehe nicht nur ums Sparen. Es gehe auch darum, den Beitrag der Öffentlich-Rechtlichen für den demokratischen Zusammenhalt für die Zukunft zu sichern. Aus der 1950 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft“ soll ein „inhaltlich crossmedialer, strukturell integrierter und föderaler Medienverbund“ werden. Für ein historisch gewachsenes, über Jahrzehnte von keinerlei Effizienzdruck belastetes Konstrukt wie die ARD ist das ein revolutionäres Konzept.

Geplant sind unter anderem

einheitliche Standards und synchronisierte Abläufe in Technik, Produktion und Programmverbreitung

gemeinsame Computersysteme statt Hunderter Einzellösungen

eine umfassende Verwaltungsreform

eine neue, digitale Plattform für alle Produktionen

ein neu entwickeltes Gemeinschaftsarchiv

die medienübergreifende Ausrichtung der Redaktionen und Korrespondenten.

Die ARD erhofft sich bis 2028 rund 950 Millionen Euro Einsparungen, davon 528 Millionen durch die neuen Strukturen und 363 Millionen durch eine kostengünstigere Verbreitung ihrer Programme – eine willkommene Folge der Digitalisierung. Erstinvestitionen sind berücksichtigt. Auch ihre Pensionslasten hat die ARD nach langen Verhandlungen mit den Gewerkschaften erheblich reduziert: Die Zahlungen sind nicht mehr automatisch an die Tarifabschlüsse gekoppelt. Das spart bis 2024 einen hohen dreistelligen Millionenbetrag.

Die Gestaltungsfreiheit ist begrenzt

Tatsächlich war es höchste Zeit, dass ARD und ZDF an ihren Kosten arbeiten: Angesichts von 5,6 Milliarden Euro (ARD) beziehungsweise 2 Milliarden Euro (ZDF) pro Jahr sahen sich die Sender dem Dauerverdacht ausgesetzt, trotz immenser Garantieeinnahmen nicht verantwortungsvoll zu wirtschaften. Die Politik fordert, den Rundfunkbeitrag über die laufende Gebührenperiode hinaus bei 17,50 Euro zu belassen. Das sieht man bei der ARD allerdings weiterhin kritisch. Eine Entscheidung gibt es erst nach 2018.

Offen ist, ob den Ministerpräsidenten diese Pläne genügen. Keine Senderfusionen. Keine Einstellung von Nischenkanälen. Es dürfte sich um ein erstes Verhandlungsangebot auf dem Weg zu einem zeitgemäßen öffentlich-rechtlichen Rundfunk handeln. Die Gestaltungsfreiheit ist ohnehin begrenzt: „Wir sind kein Konzern“, sagt Wille, „und wir werden es auch nicht sein.“

Der Zuschauer will Instantbefriedigung seiner Sehbedürfnisse

Der Druck von allen auf die Idee des dualen Systems ist groß: Die Politik macht sich sehr gern die populäre Forderung nach einem stabilen oder gar niedrigeren Rundfunkbeitrag zu eigen. Die Presseverlage fürchten eine Marktverzerrung durch presseähnliche Aktivitäten. Global Player wie Netflix und Amazon treiben die Preise und Erwartungen in die Höhe. Sportrechte könnten bald unerschwinglich sein. Bei den Jüngeren sind ARD und ZDF als Rentnersender verschrien oder unbekannt. Und viele Zuschauer haben sich dank Streaming an internationale Qualität und Komfort und die Instantbefriedigung jedes Sehbedürfnisses gewöhnt.

Die ARD wünscht sich zudem eine „zeitgemäße Gestaltung ihres Auftrags“. Die neuen Pläne freilich klingen bis zum Beweis des Gegenteils nach einem Motto, das bisher viele Erneuerungsbemühungen der ARD begleitet hat: Bleibt alles anders.

Von Imre Grimm / RND

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