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„Kein Wort mehr über Qualität“

Drehbuchautor Felix Huby „Kein Wort mehr über Qualität“

TV-Autor Felix Huby hat Schimanski und Bienzle erfunden – nun hat er nach 700 Drehbüchern genug.

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Bildnummer: 51054388 Datum: 10.01.2006 Copyright: imago/Andre Poling
Drehbuchautor Felix Huby (GER) anlässlich eines Pressetermins zum ARD-Fernsehfilm DIE FRAU DES HEIMKEHRERS, Personen , optimistisch; 2006, TV, Pressetermin , Fotoshooting, Autor, ; , hoch, Kbdig, Einzelbild, close, Film, Kunst, Deutschland, Randbild, People / lächeln

Imposante Augenbrauen, ein voller Bart, dazu die freundlichen Augen: Felix Huby wirkt wie ein liebenswerter Großvater, der seinen Enkeln großartige Geschichten erzählen kann. Und streng genommen hat er fast sein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht, was sich mit einer bemerkenswerten Zahl belegen lässt: Seit Beginn der achtziger Jahre, als der Schwabe maßgeblich an der Schöpfung des legendären Ruhrpott-Kommissars Schimanski beteiligt war, hat er über siebenhundert Drehbücher geschrieben.

Der 75jährige Huby relativiert die Zahl zwar umgehend - weil sie auch diverse Serienfolgen enthalte -, und erklärt das Kapitel Fernsehen im gleichen Atemzug ohnehin für endgültig beendet. Auf erste Distanz ist er schon vor knapp zehn Jahren gegangen, als er einigen Sendern in einem Interview „geballte Inkompetenz“ vorgeworfen hat. Den endgültigen Ausschlag gab dann wohl ein Vorfall der jüngeren Vergangenheit, als seine Mitarbeit als Autor bei der Serie „Großstadtrevier“ (NDR) „ein dubioses Ende fand“, wie er sagt. „Danach habe ich mich entschieden, keine Drehbücher mehr zu schreiben. Ich möchte es mir einfach nicht mehr zumuten, immer wieder ein Drehbuch umarbeiten zu müssen, obwohl ich die vorgebrachten Einwände überhaupt nicht einsehe. Das habe ich zum Glück nicht mehr nötig.“

Aber gar nicht mehr schreiben? Geht nicht. Also hat Huby seine Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. „Heimatjahre“ ist ein süffiges Buch über die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den frühen sechziger Jahren geworden. Huby erweist sich mit diesem Sittengemälde endgültig als großer Erzähler. Die Nachkriegsjahre erscheinen seinem Alter Ego Christian wie ein einziges großes Abenteuer, was sie für Huby waren: „Es war eine herrliche Zeit. Wir konnten als Kinder eine Freiheit genießen, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann“, sagt er. „Es gab keinerlei Verbote. Wir konnten raus, wann wir wollten, konnten tagelang durch die Wälder streifen. Es gab ja auch kaum Autoverkehr, Eltern konnten ihre Kinder unbesorgt auf die Straße lassen.“

Das Buch ist auch eine Hommage an den Tageszeitungsjournalismus: Huby wollte eigentlich Deutsch- und Musiklehrer werden, hat das Gymnasium jedoch vor dem Abitur verlassen. Er hatte „keine Berufsperspektive, aber eine Begabung zum Schreiben, und die habe ich zum Beruf gemacht“. An die Zeit als freier Mitarbeiter beim „Schwäbischen Tagblatt“ denkt er ebenfalls gern zurück: „Auch das war wie ein Abenteuer für mich, selbst wenn ich nicht viel verdient habe; das Zeilenhonorar lag bei sechs Pfennig. Aber es war eine ganz andere Art, Zeitung zu machen, als heute.“ Natürlich schreit das Werk förmlich danach, verfilmt zu werden, doch selbst dieses Drehbuch würde er nicht verfassen wollen: „Dafür würde ich mir einen Autor suchen, weil ich viel zu sehr involviert wäre.“

Huby hat die große Zeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens miterlebt und mitgeprägt. Kein Wunder, dass er angesichts der aktuellen Realität etwas nostalgisch wird: „Die goldenen Jahre sind vorbei. Damals, in den a chtziger und neunziger Jahren, war auch noch genug Geld da. Im Vergleich zu den heutigen Zuständen war das ein paradiesisches Arbeiten.“ In Hubys Anfangszeit gab es nur wenige Autoren für Fernsehfilme und Serien, „da wurde man gesucht und verhätschelt, man ist respektiert und als Künstler wahrgenommen worden. Heute ist das völlig anders.“ Am deutlichsten zeige sich der Wandel beim Umgang mit den Zuschauerzahlen: „Es gibt Filme, auf die ich nicht stolz bin, und manchmal habe ich mich auch ein bisschen geschämt, aber dann kam am nächsten Tag die Quote, und alle haben gesagt ‚Was für ein toller Film!’. Über die Qualität wurde kein Wort mehr verloren. Da hat sich seit den Achtzigern etwas grundlegend verändert, nicht nur bei den Sendern.“ Auch den Grund dafür, dass sein eigener Anteil nicht immer preisverdächtig war, will er gar nicht leugnen: „Ich habe halt nie einen Auftrag abgelehnt. Manchmal war ich auch einfach nur neugierig - wie bei ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten’; ich wollte wissen, wie eine tägliche Serie funktioniert. Aber es hat auch Spaß gemacht.“

Zur Person

Felix Huby (75), geboren in Dettenhausen im Landkreis Tübingen, lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau in Berlin. Der Schwabe hat mehr als 700 Drehbücher geschrieben, darunter auch 260 Folgen „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, 70-mal „Ein Bayer auf Rügen“ und 70-mal „Tierarzt Dr. Engel“. Zwischendurch fand der einstige „Spiegel“-Korrespondent für Baden-Württemberg auch Zeit für Theaterstücke, Hörspiele und Kriminalromane, vor allem über den ebenfalls von ihm erfundenen Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Bienzle. Dessen Saarbrücker Kollege Palu ist ebenso eine Huby-Figur wie Jan Casstorff aus dem Hamburger „Tatort“. Hinzu kommen unvergessene Serien wie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder „Abenteuer Airport“, dazu zahllose TV-Filme. In seinem Buch „Heimatjahre“ (Klöpfer & Meyer, 476 Seiten, 25 Euro) erzählt er von seiner Kindheit in der Nachkriegszeit.

Von Tilmann P. Gangloff

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