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Gleich doppelt kommt die Schlecker-Pleite ins Fernsehen: Dienstagabend als Klamotte, später als Melodram.

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Guter Rat ist teuer: Der Arbeitgeber steht vor der Insolvenz, Angie (v.l. Annette Frier), Zari (Shadi Hedayati) Greta (Katharina Thalbach) und Chris (Sonja Gerhardt) vor den Trümmern ihrer Existenz - und im Raucherzimmer ist Firmengründer Theo Schlikker als Geisel gefangen. Ob die vier couragierten Angestellten mit ihrem kreativen Kampf um ihren Arbeitsplatz Erfolg haben werden? Die SAT.1-Event-Komödie "Die Schlikkerfrauen" am 30. September 2014, um 20:15 Uhr.

Quelle: Richard Hübner

Mehr als 8000 Schlecker-Filialen prägten einmal das Bild der schlechtereren Ecken der Städte, 25.000 Verkäuferinnen wurden 2012 nach der Pleite der Drogeriemarktkette entlassen. Ein Drama, an dem jeder irgendwie beteiligt war - und sei es als Hamsterkäufer in der Rabattschlacht -, wird nun Stoff fürs Fernsehspiel. Zynisch, aber wahr.

Spannend an dieser unvermeidlichen Verwurstung ist der Vergleich: SAT.1 und ZDF sind auf dieselbe Idee gekommen, daraus sind aber zwei sehr unterschiedliche Filme entstanden. Während das ZDF in „Alles muss raus“ ein klassisches zweiteiliges Melodram mit den üblichen privaten Irrungen und Wirrungen präsentiert (Produzent: Oliver Berben, Regisseur: Dror Zahavi), versucht sich SAT.1 mit den „Schlikkerfrauen” (Produzent: Nico Hofmann, Regisseur: Uwe Janson) an einer Komödie.

Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch: Beide Filme haben von der US-Serie „House of Cards” den schönen Kunstgriff übernommen, SMS-Nachrichten in Sprechblasen einzublenden. Und die beiden Anton-Schlecker-Darsteller Sky du Mont (Theo Schlikker, SAT.1) und Robert Atzorn (Max Faber, ZDF) teilen sich Frisur und Gesichtsausdrücke. Atzorn darf allerdings nur grimmig seinen Laden in die Pleite reiten, du Mont darüber hinaus immerhin noch teilzeitweich und sentimental sein. Dass in diesem Punkt die Klamotte das Melodram schlägt, zeigt bereits, wie grandios misslungen die ZDF-Version ist.

Der sture Patriarch, die gutmenschliche, aber skrupellose Tochter (Lisa Martinek), der koksende Banker, der charmant-korrupte Journalist, der dümmliche Knacki, der zwielichtige Sozialarbeiter - das ist alles so dermaßen von der Resterampe der Fernsehspielfiguren gefischt, dass vor allem eines deutlich wird: Die Schlecker-Pleite ist diesem Film völlig egal. Immerhin gibt es mehr Sex als bei SAT.1. Ob aber Großinvestoren auch im realen Leben mehr auf den Arsch der Erbin als auf die Zahlen starren, kann bezweifelt werden.

Einzig und ausgerechnet Josefine Preuß als Faberfrau Oberschlau bringt etwas Street Credibility in diesen Film, wobei in jeder Szene die Frage auftaucht, warum jemand mit einem so schlagfertigen Mundwerk in so einem miesen Laden arbeiten muss.

SAT.1 hingegen hat mit dem Duo infernale Katharina Thalbach und Annette Frier eine Überdosis an schauspielerischer Proll-Power am Start und dreht die „Schlikkerfrauen“ fast ausschließlich in der schummrigen Atmosphäre einer Berliner Kiezfiliale. Thalbach spielt die Filialleiterin Greta, 58. Der Mann ist weg, seine Schulden sind geblieben. Sie wohnt mit ihrem Goldfisch in der Laube, weil sie sich keine Wohnung leisten kann, was sie vor ihren Kolleginnen geheim hält. Frier ist Angie, Boxerin, alleinerziehend und versteckte Analphabetin. Shadi Hedayati und Sonja Gerhardt komplettieren das Team: eine Iranerin zwischen Zwangsheirat und Coming-out sowie ein verhindertes Pop-Sternchen.

Das ist verdammt dick aufgetragen, was aber für das Genre nicht schlecht sein muss. Auch die Figuren in der grandiosen britischen Arbeitslosenkomödie „Ganz oder gar nicht“ waren Klischees, der Film als Ganzes aber dennoch wahr. Regisseur Uwe Janson („Der Minister“) und Drehbuchautor David Ungureit haben einige Szenen fast identisch überommen, was schon mal für Qualität spricht. Sie trauen sich, das Genre der Sozialkomödie ins deutsche Fernsehen zu holen.

Der Plot klingt schlimm: Firmengründer Theo Schlikker wird in der Stunde der Pleite sentimental und besucht seine erste Filiale - natürlich ist es jene, in der Greta und ihre Kolleginnen arbeiten. Die verzweifelten Frauen reden auf ihn ein, dann landet Angie eine rechte Gerade ,und der Boss fliegt k. o. ins Klopapier. Die Frauen ziehen den bewusstlosen Pleitier ins Hinterzimmer und verriegeln die Tür. Was folgt, ist eine Art umgekehrtes Stockholm-Syndrom: Schlikker bewundert den Mut der Verzweiflung, mit dem die Kittel-Gangsterinnen agieren, und will sofort wieder mit ihnen durchstarten. „Hier hat es angefangen, hier fängt es jetzt wieder an“, schwärmt er. Greta wiederum lässt sich von Schlikkers Gentlemancharme schnell einwickeln.

Dann holpert sich der Film zu seinem romantischen Ende. Ganz gelungen ist er nicht, biete aber einige schräge Momente. Der Zuschauer kann weinen und lachen zugleich, wenn die Diabetikerin Greta nach der Pleite einen Selbstmordversuch mit Flüssighonig und Billigwodka unternimmt und zwischen den finsteren Regalen kollabiert. Immerhin nehmen die „Schlikkerfrauen“ die Schleckerfrauen ernst - mit den Mitteln der Klamotte.

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