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Von Kakerlaken und Karrieren

Dschungelcamp Von Kakerlaken und Karrieren

Mehlwürmer für Millionen: Warum B- und C-Prominente in den Dschungel gehen – und warum der größte Gewinner immer RTL heißt. Überlegungen von Fernsehkritiker Imre Grimm.

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Sich zum Affen (oder zum Federvieh) machen ist beim Dschungelcamp inklusive. Ob es der Karriere hilft...?

Quelle: RTL

Hannover. Nach landläufigen Kriterien ist Menderes Bagcı aus Langenfeld im Rheinland eine traurige Existenz. 31 Jahre alt, gelernter Tankwart, chronisch darmkrank, seit 13  Jahren die Lachnummer der Nation, weil er – obwohl vollständig talentfrei – Jahr für Jahr beim RTL-Casting "Deutschland sucht den Superstar" antritt. Die Erniedrigungen von Chefjuror Dieter Bohlen – akustisch "eine Kuh mit Euterschwellung", optisch "eine aufgeplatzte Mülltüte" – erträgt er in demütigster Unterwürfigkeit im Gegenzug für die wertvollste Währung, die in der Welt von Menderes Bagcı Gültigkeit hat: Aufmerksamkeit. Seit 2002 gibt er den Dauerversager mit kajalumschminkten Augen, den Watschenmann mit Welpenblick.

Seit zwölf Tagen sitzt Bagcı nun im australischen Busch in der RTL-Dschungelshow "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!". Im zynischen Kalkül des Senders sollte er nicht mehr sein als menschliches Kanonenfutter, Füllmasse im Schatten der vermeintlichen Stars Brigitte Nielsen, Jenny Elvers, Gunter Gabriel. Elvers und Gabriel sind raus, Nielsen zündet nicht. Und plötzlich zeigt sich, dass hinter der Maske des trashigen Möchtegern-Michael-Jackson Menderes ein nachdenklicher, reflektierter, hochsozialer Kerl steckt. Mitten in der künstlichen Erregung des absurden Dschungelszenarios wird Bagcı zum Fühlgewinner einer Show, die man doch eigentlich nur verlieren kann.

Ist nicht jeder ein Verlierer?

Gewinner? Wie kann es  überhaupt Gewinner geben bei diesem zynisch-ekligen Gladiatorenspiel? Ist nicht jeder ein Verlierer, der sich durch den Verzehr von Kotzfrucht-Cocktails und pürierten Kakerlaken in würdelosen Ekelspielchen den Respekt der Öffentlichkeit erhofft? Versank nicht jeder Kandidat dieser armseligen Sause gleich wieder im Tümpel des Vergessens?

Nicht ganz. Es gibt zahllose Teil­öffentlichkeiten in diesem Land. Nicht zuletzt die "Lügenpresse"-Debatte zeigt aktuell sehr scharf, in wie viele Parallelwirklichkeiten mit geringen Schnittmengen das sogenannte öffentliche Leben tatsächlich zersplittert ist. Und in einer dieser medialen Blasen ist es eben ein Erfolgsmerkmal, für 2000 Euro pro Abend in einer Discothek zu Halbplayback Popschlager zu singen oder Ehrengast in Ramschkaufhäusern zu sein. ­Bekanntheit ist in der Szene der professionellen Gesichtsvermieter ein monetarisierbarer Wert an sich. 16  Dschungelshows pro Staffel mit bis zu acht Millionen Zuschauern – das sind knapp 130 Millionen Möglichkeiten, deinen Namen in die Köpfe zu hämmern. Was stören da ein paar Mehlwürmer?

Mehr als nackter Eskapismus

Und das ist auch die Antwort auf die Frage "Warum machen die das?". Es ist nacktes Kalkül, das die C-Prominenz in den Busch treibt. "Ich möchte hinterher zwei Songs und meine Autobiografie vermarkten", sagt Bagcı. "Man braucht einen Plan für hinterher", sagte auch Melanie Müller, Dschungelsiegerin 2014. "Seit dem Dschungel kann ich vom Trash leben", sagte Erotikmodel Micaela Schäfer. Sie hat sich eine Penthousewohnung in Berlin gekauft. "Mein Booking läuft sehr gut, ich bin jetzt halt eine Trashsängerin", sagte Gabriella "Gabby" Rinne, Popsternchen und Dschungelinsassin 2014 in "Spiegel TV". Sie wolle "die neue Kim Kardashian werden", hofft aktuell Sophia Wollersheim, Bordellbesitzergattin und Doku­soap-Sternchen.

Die zweite Frage lautet: "Warum gucken die das?" Warum interessiert dieser schmerzfreie Quatsch acht Millionen Menschen, die – das zeigen die Daten – auch noch überdurchschnittlich gebildet sind? Es ist nicht bloß nackter Eskapismus in eine sinnfreie Welt aus Brüsten und Blödsinn, es ist vor allem der komplexe soziokulturelle Versuchsaufbau, der quasi einen bildungsbürgerlichen Voyeurismus bedient. Die Jubiläumsstaffel, die am Sonnabend endet, ist deshalb so farblos, weil es RTL diesmal nicht gelang, auch einen akademischen Camper nach Australien zu locken. Die Ekelprüfungen selbst sind längst zähe, öde Anachronismen aus der Pubertät des in die Jahre gekommenen Formats. Viel spannender ist das Camp als Labor für das Werden und Verglühen von Sternen.

Karrieretendenzen werden verstärkt

Vor dem Dschungel war Larissa Marolt ein unbekanntes österreichisches Model, nach ihrer faszinierenden, irrlichternden Räubertochter-Show 2014 ist sie ein vielfach gebuchtes It-Girl, das für ein kurzes Interview mit "Spiegel TV" schon mal 500 Euro verlangt und bekommt. Desirée Nick war eine Varieté-Heldin aus der feuilletonistischen Nische. Seit der zweiten Dschungelstaffel 2004 ist sie einem Millionenpublikum ein Begriff, ist bestens gebucht, hat drei Bestseller geschrieben. Zu den Gewinnern zählt auch Walter Freiwald. Nach jahrelanger Flaute kehrte er aus dem Dschungel 2015 ins TV-Geschäft zurück, als Gastgeber der Sendung "Freiwald am Morgen" bei einem Shoppingsender. Es ist nicht "Wetten, dass ...?", aber es ist ein Job.

Ein Mensch müsse, um berühmt und bewundert zu sein, entweder durch große Tugenden oder durch große Laster auffallen, schrieb der Schriftsteller Jean de la Bruyère im 17. Jahrhundert. Schon damals war eine Showkarriere ein fragiles Konstrukt aus Erwartungen, Talenten, Glück, Gelegenheiten, Selbstbild und Fremdbild, das gnadenlos demokratischen Gesetzen unterliegt. Niemand kauft aus Mitleid DVDs, Bücher oder Konzerttickets. Was nicht mehr gefällt, ist tot. Tatsächlich ist der Dschungel ein Erkenntnisbeschleuniger, der nichts bewirkt, als schon vorhandene positive und negative Karrieretendenzen zu verstärken. Eine Abkürzung in die nächste Zündstufe quasi.

Antrittshonorar zeigt den Marktwert

Schon an den Antrittshonoraren zeigt sich, welch wichtige Rolle der Marktwert spielt: Brigitte Nielsen ist mit angeblich 220.000 Euro die Topverdienerin, gefolgt von Country-Haudegen Gunter Gabriel (195.000), Schauspieler Rolf Zacher (185.000) und Ex-Heidekönigin Jenny Elvers (170.000). Am Ende der Rangliste: Menderes Bagcı (59.000), David "The Brain" Ortega (55.000 Euro) und Sophia Wollersheim (40.000). Einen Teil zahlt RTL erst, wenn die Protagonisten bis zum regulären Rauswurf durchhalten.

"Bis 15 Minuten vor Vertragsunterzeichnung war ich mir nicht sicher, ob ich das machen soll", sagte Gunter Gabriel in einem Interview. "Meine Kinder und meine Freundin waren entsetzt." Dann ging er sie doch ein, diese Wette auf die Zukunft, die man auch verlieren kann. Wie Schlager-Egomane Michael Wendler, der 2014 durch Egotrips Sympathien verspielte. Wie Nadja "Naddel" abd el Farrag, der die Dschungelshow 2004 kaum mehr einbrachte als ein paar kleinere Promotion-Jobs ("Für mich hat das nichts gebracht").

And the winner is: RTL

Der mit Abstand größte Gewinner des Dschungels ist sowieso RTL. Sein Ziel ist nicht der Karriereturbo. Der Sender hat andere Interessen: Konflikte, Liebeleien, Stress. Die inszenatorische Raffinesse (man könnte auch sagen: Gnadenlosigkeit) ist hoch. "Vieles von dem, was ich hinterher im Fernsehen sah, war ganz anders", sagt Gabby Rinne. "Dahinter steht eine krasse Macht, die man echt unterschätzt."

Diese Macht heißt RTL. Sie lässt sich jede Dschungelstaffel bis zu 30 Millionen Euro kosten – eine Summe, die sich dank ausgebuchter Sendeplätze (mit Preisen von bis zu 120 .000 Euro für 30  Sekunden) und plumpem Product-Placement locker rechnet. Seit 2012 ist das Eis bei den Werbekunden gebrochen. Selbst für Lebensmittler wie Bahlsen, McDonald’s und Müller ist der Dschungel ein reizvolles Werbeumfeld. Die Quoten sind höher als 2015, der Marktanteil liegt regelmäßig bei 30 Prozent. Niemand sieht den Dschungel so nüchtern wie RTL.
"Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen", sagt Konfuzius, "sondern darin, jedes Mal wieder aufzustehen, wenn wir gescheitert sind." Es ist diese 2500 Jahre alte Hoffnung, die Menschen wie Menderes Bagcı in den Dschungel treibt.

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