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Wo ist Peter Lustig, wenn man ihn braucht?

Disney Channel Wo ist Peter Lustig, wenn man ihn braucht?

Elektrische Kinderprofis, keimfreie Idylle, unfreche Girlies: Eine Woche Disney Channel im Selbstversuch.

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Trööt: Szene aus der Trickfilmserie „Phineas und Ferb“

Quelle: Disney

Hannover. Genau 66 Jahre hat es gedauert, bis die erste weibliche Cartoonfigur der Walt Disney Company über weibliche Brüste verfügte: Arielle, die Meerjungfrau. Es könnte weitere 66 Jahre dauern, bis sich der erste Mensch im Disney Channel wie ein reales Wesen verhält statt wie ein elektrisch lächelnder, frühvergreister, überdrehter Kinderroboter.

Seit einer Woche ist der deutsche Disney Channel als Free-TV-Kanal auf Sendung. Und nach diversen Stippvisiten zu allen Tageszeiten, nach Dutzenden wimpernklimpernder Drachen, surfender Glitzergirlies, Klassenkasper mit Riesenbrillen und 13-jähriger Jungspießer mit Hawaiihemden klammern sich die Gehirnzellen schon angstvoll aneinander, wenn bloß das Disney-Channel-Logo auftaucht. Wenn der Sternenstaub rieselt und die Bontempi-Geigen ertönen. Wenn also wieder dieses keimfreie Eichhörnchen-Fernsehen aus dem Schirm schwappt, von Managern in Creative Meetings auf globalen Konsens glattgebügelt. 100 Disney Channels gibt es weltweit. In 169 Ländern, in 35 Sprachen, mit 600 Millionen Zuschauern. Marshmallow-TV für Drei- bis 14-Jährige von Kanada bis Korea, von Brasilien bis Burkina Faso.

In der Jugend-Surfserie „Pair of Kings - Die Königsbrüder“ ist beispielsweise ein (echter) kleinwüchsiger Beachboy mit Dreadlocks „der Böse“ am Strand. Ein Schönling im Hawaiihemd pöbelt ihn an, bewundert von Teenagern in Blumenkleidern: „Hey, falls du dein Surfbrett verlierst - ich habe hier noch ein Stäbchen von meinem letzten Arztbesuch!“ Und dann: „Wir haben die Nase voll von Giftzwergen!“

Nein, Disney ist nicht der Antichrist. Disney kann bunt und lustig sein, aber ist eben auch perfektes Fruchtzwerge-Fernsehen für die Werbekundschaft, die den filterlosen kleinen Seelen gerne singende Einhörner aus Plastik verkaufen möchte. Wer je einen Werbeblock im Disney Channel gesehen hat, weiß, wie die pädagogische Vorhölle aussieht. Da gibt’s dann Kinderträume vom Schlage der Sensorpuppe „Charlene Interaktive“, die acht Lieder quäkt und 90 Sätze spricht, darunter Gender-Teufelszeug wie Satz Nummer 57 („Kann ich dir in der Küche helfen, Mama?“) und Satz Nummer 96 („Ich möchte mein schönstes Kleid anziehen“).

Verlässlich spuckt das Disney-Netzwerk Teenagerstars aus, die ihre Karrieren als grinsende Glücksboten in Petticoats starten und nach der Adoleszenz haltlos durchs Erwachsenenleben taumeln: Britney Spears, Christina Aguilera, Miley Cyrus, Selena Gomez. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben, aber ihre persönlichen Lebensdramen verraten etwas darüber, wie wenig dieser Kosmos mit dem Leben draußen zu tun hat.

Die Trickfilmserie „Phineas und Ferb“. Die rothaarige Candace sitzt auf der Fensterbank und spricht mit einer Locke. Immer dieses Erfinden, jammert sie. Was wollen die bloß jetzt bauen? „Ein U-Boot, das meine Speiseröhre herunterfährt?“

Kritik am kalifornischen Kulturimperialismus gilt als gestrig. Und doch muss man mal daran erinnern, dass 13 Prozent aller Babys unter einem Jahr in Deutschland regelmäßig fernsehen. Bei den Zweijährigen sind es 60 Prozent, bei den Vierjährigen 96 Prozent. Kinder zwischen drei und fünf Jahren sitzen pro Tag durchschnittlich 73 Minuten vor dem Bildschirm. Fast jedes zehnte deutsche Kind zwischen vier und fünf Jahren hat einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer. Man möchte sie nicht mit Zack und Cody allein lassen.

Ein verstörender Gedanke, dass ein rechtskonservativer Bauerssohn namens Walter Elias Disney, der aus der Sehnsucht nach der Verlängerung der Kindheit bis zum Tod ein Milliardengeschäft gemacht hat, bis heute die Maxime dessen bestimmt, was in Hunderttausende Gehirne deutscher Dreijähriger implantiert wird. Und dass der erfolgreichste Geschichtenerzähler unserer Zeit ein Antiintellektueller war, der über seinen Film „Pinocchio“ sagte, er werde „Beethoven berühmt machen“. „Es gibt schon genug Hässlichkeit und Zynismus in der Welt“, fand Disney. Seine Nachfolger trieben dieses Mantra auf die Spitze: mit einer unterschwellig aggressiven Süßlichkeit. „Die Disney-Maschine erfüllt im Wesentlichen den Zweck, die zwei kostbarsten Dinge der Kindheit zu untergraben - ihre Geheimnisse und ihre Verschwiegenheit“, schrieb der Kulturhistoriker Richard Schickel. „Sie zwingt jedermann die gleichen lebensbestimmenden Träume auf. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen ein Grauen“.

Montag. Die Kinderserie „Hotel Zack & Cody“ läuft. „Ich bin in einen Nagel getreten!“, kreischt die Mutter. „Räumt endlich auf!“ Zack und Cody sehen sich an. Cody sagt: „Räum du auf, ich überwache das Ganze.“ Zack fällt hin und findet einen alten Schokopudding. Cody: „Oh, ich hätte schwören können, dass das damals Vanillepudding war.“

So geht das stundenlang. In der Sitcom „Baby Daddy“ zieht ein Mittzwanziger mit markanten Augenbrauen in einer Kleinstadt ein Baby groß. In „New in Paradise“ zieht ein Ex-Las-Vegas-Showgirl in eine Kleinstadt. In „Disneys American Dragon“ zieht ein Drachen in einer Kleinstadt einem Mädchen den ersten Zahn. Und alle sprechen, als hätte Heidi Klum mehrere Heliumballons leergeatmet.

Natürlich, es funktioniert. Bis zu zehn Prozent Marktanteil bei den Drei- bis 13-Jährigen erreichte der deutsche Disney Channel am ersten Wochenende. Solide Zahlen - auch wenn das alte Kinder-TV-Triumvirat mit dem nicht minder grellen Marktführer Super RTL (Anteil 2013: 23,2 Prozent), der öffentlich-rechtliche Ki.Ka (20,1) und der Drittplatzierte Nickelodeon (11,6) sich wohl keine allzu großen Sorgen machen muss. Aber wo ist hier die sympathische Behaglichkeit der „Sendung mit der Maus“? Wo ist Peter Lustig, wenn man ihn braucht? Wenn der Ki.Ka der naturtrübe Apfelsaft unter den Kindersendern ist und Super RTL die Capri Sonne, dann ist der Disney Channel Fanta Erdbeere. Kindern mögen das Zeug. Aber es macht eben auch Karies.

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