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Fernsehen Er ist wieder da: So lief das große Raab-Comeback
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16:30 19.10.2018
Stefan Raab trat nach fast drei Jahren TV-Abstinenz in der Kölner Lanxess Arena auf. Quelle: imago/Future Image
Köln

Er kann das einfach. Den großen Auftritt. Reinschleichen ist nicht so seins. Es muss krachen. Und es kracht in der Kölner Lanxess-Arena. Ein Countdown. Ein Feuerwerk. Eine pompöse Ansage von Elton („Hier ist der fünffache Wok-Weltmeister...! Es gibt ihn wirklich noch - hier ist Stefan Raaaaaab!!!“) - und da ist er wieder. Schwarzer Anzug. Luigi-Colani-Sonnenbrille. Das alte Kachelgrinsen. Zwei Dutzend Schneidezähne. Raabsches Feixen. Er singt sofort seinen Eurovisionsknaller „Wadde Hadde Dudde da“. Köln tobt. Und klatscht auf die Eins und die Drei. Macht nichts. Stefan Raab ist zurück.

„Sie brauchen mir nicht zu beweisen, dass sie besoffen sind - das rieche ich“, grinst er. Und hat die Halle gleich im Sack. „Stefan Raab live!“ heißt das Spektakel schlicht. Es ist selbstverständlich eine Raabsche Egoshow - wie jede Show, in der er jemals auftrat. Drei Schlagzeuge, riesige Leinwände. Immer hat Raab das „Livefieber“ gepriesen und genossen, dieses mirakulöse Zauber-Elixir, das Künstler zu Ungeahntem befähigt. Es muss ihm gefehlt haben.

Raab ohne Plan zurück auf der Bühne

Warum ist er wieder da? Weil er es kann. Und weil er es wollte. Der Mensch muss noch geboren werden, der Stefan Raab dazu bringt, etwas zu tun, was er nicht will. Zweiter Grund: Weil „es nur eine Sünde gibt: Feigheit“. Diesen Satz haben sie einst auf die Wok-WM-Jacken ihres Teams sticken lassen. „Das ist das Problem der meisten Leute“, hat Raab mal gesagt: „Sie haben Schiss in der Buchse.“

Schiss? Hat er nicht. Nicht heute. Das muss man sich erstmal trauen: sich auf die Bühne zu stellen, ohne wirklich einen Plan zu haben. Ein paar Scherzlein mit seiner Leib-und-Magen-Band, den Heavytones („Wissen Sie, warum die alle so schlank sind? Applaus ist das Brot des Künstlers!“). Ein fulminantes Saxophonsolo. Allerhand Pyrotechnik („Einmal Erschrecken kostet übrigens 72 Euro“). Und er erzählt aus seinem frühen Schaffen als „MC Behämmert“, dessen Werke bei der Plattenfirma Universal zu Recht das Prädikat „Bullenscheiße“ erntete. „Der Typ arbeitet da heute noch. Ich sag den Namen nicht.“

Raab blickt auf „Wok-WM“, „TV Total“ und „Schlag den Raab“ zurück

Sie hatten ein mächtiges Geheimnis gemacht um das, was vor 14.000 Zuschauern in der Kölner Lanxess-Arena passieren soll. „TV total XXL“? Ein Funkkonzert? Am Ende ist es ist eine sympathische Ein-Mann-Varietyshow, ein Kindergeburtstag für Fernsehhistoriker. Raab feiert die alten „TV total“-Rituale, verschenkt „TV total“-Tassen, „Wok-WM“-Mützen, „Schlag den Raab“-T-Shirts und „Maschendrahtzaun“-CDs. Man schwelgt gemeinsam in Kollektiverlebnissen. Erkennungsseufzer im erinnerungsseligen Publikum. Das waren noch Zeiten. Aber wer „tv total“ nie gesehen hat, wird sich an diesem Abend fremd und einsam fühlen.

„Ich habe immer nur Quatschlieder geschrieben“, barmt er zwischendurch in einem ironischen Balladenintermezzo. „Das macht mich traurig. Niemals wird ein Liebespaar nach 20 Jahren Ehe bei einem meiner Songs sagen: ,Schatz, Sie spielen unser Lied.‘“ Dann spielt er „Wir kiffen“ in einer Version auf die deutsche Nationalmannschaft. Geht doch.

Carolin Kebekus, Sido und Luke Mockridge an Bord

Immer wieder huschen prominente Gäste aus der XXL-Backsteinkulisse. Mit Carolin Kebekus singt Raab eine Bruno-Mars-Funkversion von „Atemlos durch die Nacht“ (Kebekus: „Ich kenne Helene Fischer ja gar nicht!? Vielleicht ist die ja nett, die Schlampe! Nee, war nur Spaß!“). Mit der (erblondeten) Stefanie Heinzmann spielt er Aretha Franklins „Respect“. Mit Sido, den er ohne sein Wissen aus dem Publikum fischt, singt er „Bilder im Kopf“. Und mit Luke Mockridge mogelte er sich durch ein Musical-Liebesballädchen.

Es ist, als wäre er nie weg gewesen. Dabei war er ja wirklich konsequent verschwunden nach seinem TV-Abschied. Exakt 1034 Tage lang. Am 19. Dezember 2015 war er mit roten Augen durch das Spalier seiner Mitarbeiter geschritten – zu einer Big-Band-Version von Whitney Houstons „One Moment in Time“. Es war die 55. und letzte Ausgabe von „Schlag den Raab“ – jener Show, die Steffen Henssler soeben endgültig begraben hat. Es funktionierte nicht mehr. Nicht ohne Raab.

Mit der gleichen Konsequenz, mit der er in „Schlag den Raab“ im Gokart um Heuballen kajolte, zog er sich zurück. Das Phantom von Köln-Mülheim. Nur selten wurde er öffentlich sichtbar: Bei einem Konzert von Udo Lindenberg saß er im Juni 2016 mal für einen Song („Jonny Controlletti“) am Schlagzeug, breit grinsend, sauber trommelnd, für drei Minuten in seinem Element. „Yeah, yeah, Stefan!“, nuschelte Udo. Nur hinter den Kulissen trat er zuletzt in Erscheinung – als Produzent des unglücklich-zähen „Höhle der Löwen“-Nachbaus „Das Ding des Jahres“ bei Pro7 etwa. Die erste Staffel war lahm. Pro7 bleibt trotzdem dran. Zu Raab sagt man nicht nein.

Sahnehäubchen einer unvergleichlichen Karriere

Das war’s. Bis Donnerstagabend. Nun also: drei Liveshows in Köln. Es dürfte auch ein Testballon sein. Wollen die mich noch sehen? Die wollen. Die Premiere war so gut wie ausverkauft, die Arena ebenso rappelvoll wie hingerissen. Ein bisschen konfus die Show, ein bisschen improvisiert, offensiv unperfekt - aber nicht eine Sekunde langweilig.

Liveshows sind eine neue Spielart in der unvergleichlichen Karriere des unverwüstlichen Tausendsassas. Ein Lick zur: 1993 der Start bei „Vivasion“, damals noch mit dieser Skilehrerfrisur. Dann „Hier kommt die Maus“. Alf Igel. 1998 Guildo Horn. „TV total“ startete dann 1999 als Müllverbrennungsanlage für TV-Fundstücke – und wurde zur Keimzelle für Raabs Fernsehkosmos. Sein Rohstoff waren zunächst die Fremdschämmomente der Spaßindustrie. „Raab in Gefahr“ (mit dem Led-Zeppelin-Gitarrenriff). Die „Raabigramme“. „Rutscher oder Lutscher“ (Raabs Rekord auf dem Studiogeländer: 1,123 Sekunden). Die erste Wok-WM. Autoball. Die „Stock Car Crash Challenge“. Grimme-Preis für „SSDSGPS“. Max Mutzke. Lenas Triumph. Sein Meisterstück. Das unfassbare Opening beim Eurovision Song Contest 2011. „Blamieren oder Kassieren“. Das Kanzlerduell. Und zuletzt, als das Mobiliar im alten „TV total“-Studio in Köln-Mülheim im Neonlicht nach der Show schon so patinös und schrundig aussah wie eine Jugendherberge in den Siebzigern, dieser Ausflug nach New York, ein Nachhall der goldenen Jahre. Klassenfahrt mit Klassenkasper.

2243 Ausgaben in 16 Jahren „TV total“ gab es insgesamt, von 1999 bis 2015. In seinem Studio residiert heute Luke Mockridge, einer seiner Showgäste. Raab liegt im Clinch mit seinen alten Compañeros von der Produktionsfirma Brainpool. Es geht um Geld und Macht. Und über sein Privatleben wachte er immer noch besser als Nordkorea über das Internet.

Raab reißt Lücke ins Pro7-Programm

Sie vermissen ihn nicht nur im Publikum schmerzlich, er fehlt auch seinem alten Haussender Pro7. „Dieser Abend ist jetzt schon geiler als die letzten drei Jahre Pro7“, sagt Mockridge irgendwann. Es war ein Scherz. Aber eben nicht nur. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf konnten die Lücke allein nicht schließen. Heufer-Umlaufs „Late Night Berlin“ läuft bisher auf niedriger Flamme. Das tat „TV total“ anfangs auch, aber es waren andere Fernsehzeiten damals. Mit Raab ist es wie in der italienischen Cosa Nostra, wenn der alte Pate abtritt: Niemand kann ihn alleine ersetzen. Die Mafiabande teilt sich auf: Luigi macht Drogen, Francesco macht Schutzgeld, Giovanni macht Waffen. Joko macht Spielshow, Elton macht Quiz, Klaas macht Late Night, Jeannine Michaelsen macht Gala, und zwischendurch sollte gar das Comedy-Missverständnis Enissa Amani Raab beerben. Herrje.

Gleich mehrere Samstagabendversuche der Raab-Nachrücker scheiterten. Gerade erst kippte Pro7 die neue Spielshow „Time Battle“ mit Janin Ullmann nach nur einer Folge.

Er war bei Pro7, was Joschka Fischer bei den Grünen und Steve Jobs bei Apple war: Markenkern, Kreativzelle, Talisman. „Pro7 und ich – das ist eine Liebe, wie es sie kein zweites Mal im rauen Fernsehgeschäft gibt“, hat er mal gegluckst. Das klang damals schon gefährlich. Als spreche Angela Merkel einem wackelnden Minister das Vertrauen aus. Inzwischen wackelt Merkel selber. Raab nicht. Pro7 hat ihn immer mehr gebraucht als umgekehrt. Das alte Zirkuspferd ist nicht zu ersetzen. Und man kann nicht behaupten, dass es sich an diesem Abend nur noch müde in die Manege schleppt.

Fernsehjahre sind wie Hundejahre

Pause in Köln? Jemand müde? Raab lässt abstimmen. „Wollen Sie eine Pause? Also ich könnte noch.“ Also keine Pause. Das ist die Botschaft an diesem Abend: Es ist noch Druck auf dem Kessel. Er kann es noch. Als er „Just Can‘t Wait Until Tonight“ singt, Max Mutzkes Eurovisions-Song von 2004, leuchten die Handyblitze. Dann kommt Mutzke selbst dazu. Applaus.

Fernsehjahre zählen siebenfach – wie Hundejahre. Insofern war Raab umgerechnet mehr als ein Jahrhundert lang am Werk. Der Köln-Sülzer Metzgerssohn, dem Menschen ohne Ehrgeiz schlicht suspekt sind, ist der schmerzlich vermisste Gute-Nacht-Onkel einer ganzen Zuschauergeneration, der der Playmobilhistoriker Schmidt irgendwann zu bildungshubernd und weltentrückt wurde. Raab war, als er seine Lisa-Loch-Pöbelphase überwunden hatte, der Beömmelungsbeauftragte für den Normalverbraucher. Mettbrötchen für Millionen. „Hat’s den Papst gestört, dass Luther kam?“, ätzte Schmidt 2001. Schmidt ist lange weg. Sein Bühnencomeback nach seinem Abschied von Sat.1 führte ihn 2004 bloß in die Braunschweiger Stadthalle. Raab füllt die Lanxess-Arena.

Wirkt er älter, reifer, ruhiger? Nicht für eine Sekunde. Man fragt sich eher, was er bisher getrieben hat ohne Bühne? Brettspiele? Origami? Lange hat er es nicht ausgehalten, bis die Livesucht wieder zuschlug. Warum stieg er damals überhaupt aus? Wohl, weil er zweierlei spürte: Wenn ein Anarchist ins Establishment wechselt, droht zwangsläufig eine Identitätskrise - der Hofnarr kann nicht gleichzeitig König sein. Und zweitens hatte seine Art, Fernsehen zu machen, den Zenit überschritten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache“, hatte er in den Neunzigerjahren „Spiegel TV“ gesagt. Am Tag seines Abschieds war er exakt 49 Jahre und 57 Tage alt.

Raabs Devise: Das Publikum hat immer Recht

Nicht jeder Gag ist taufrisch („Sie glauben wohl, ich kenne mich nicht aus mit Instagram? Tausend Instagram sind ein Kilogramm.“). Aber man spürt auch an diesem Abend in Köln, was ihn stets vom Rest der Fernsehbande unterschied, von diesen ganzen fiebrigen Unterlingen in fliederfarbenen Hemden, die auf Schulterklopfpartys Aperol Spritz trinken: Er glaubt fest daran, dass Zuschauer sich nicht verarschen lassen. Das Publikum hat immer Recht.

Das ist auch so ein raabsches Paradoxon: dass der Mann mit den falschesten Zähnen im Land dann doch das ehrlichste Grinsen hatte. Dieses Lukas-Podolski-Feixen, das signalisierte: Mir doch egal, heute kann ich nicht verlieren. Vom Rad gefallen, die Schnauze gebrochen, von Regina Halmich auf die Mütze gekriegt? Steh’ ich halt wieder auf. Er ist wieder da. Und dieses entspannte, handwerklich feine, ganz und gar absichtsfreie Entertainment fehlt im deutschen Fernsehen. Am Ende singt Raab „Bonnie und Clyde“. Und aus dem Hintergrund schleicht Tote-Hosen-Sänger Campino dazu. Großes Rockfinale mit den Toten Hosen. Dankeschön, hier kommt die Maus.

Von Imre Grimm

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