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Fernsehen Sternstunde oder Gegenputsch?
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11:02 18.07.2016
In einer Sondersendung diskutierten Experten über den gescheiterten Putschversuch in der Türkei. Quelle: ARD
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Berlin

Fatih Zingal hat inzwischen Routine darin, in deutschen Talkshows den türkischen Präsidenten Erdogan zu verteidigen. Der Anwalt aus Solingen und stellvertretende Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten hat das in den vergangenen Monaten schon zwei Mal gemacht, im April bei Anne Will und im Juni bei Maybrit Illner. Der smarte, aalglatte Zingal könnte als Dauertalkshowgast der neue Gregor Gysi werden – wenn er noch etwas Humor lernen würde. Am Sonntag erklärte er nun die Reaktion auf den Putschversuch in der Türkei zur "Sternstunde der Demokratie" im Land. "Die gesamte türkische Zivilgesellschaft ist auf die Straße gegangen", sagte er euphorisch. Die Putschisten nannte er "Terroristen", die Absetzung von Tausenden Richtern und Staatsanwälten deklarierte der 37-jährige Advokat zur reinen Vorsichtsmaßnahme. Er wurde vernehmlich beklatscht – von seinen Mitstreitern im Publikum. Das fiel ein bisschen zu sehr auf, aber Zingal ist ja auch erst auf dem Weg zum Talkshow-Vollprofi. Er hielt sich dennoch wacker gegen vier Erdogan-Kritiker von links bis rechts: Den CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, die Anwältin und Autorin Seyran Ates und den Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat.

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Türkei im Ausnahmezustand: Teile des Militärs haben einen Putschversuch gestartet.

Kujat: Reaktion eines totalitären Systems

Alle konnten ein- bis mehrmals glänzen in dieser kurzweiligen, außerplanmäßigen Sendung. Anne Will war aus der Sommerpause zurückgekehrt, bereits zum zweiten Mal nach dem Brexit. Zuerst wollte sie den Terror in Nizza diskutieren, dann wurde es doch der türkische Putsch. An schrecklichen Nachrichten herrscht gerade wahrlich kein Mangel. Die improvisierte Sendung  hätte noch gewonnen, wenn ein türkischer Oppositioneller eingeladen worden wäre. Aber auch so hielt keiner der fünf mit seiner Meinung hinter dem Berg. Der knorrige Senior Kujat wies Erdogan-Propagandist Zingal in die Schranken. Die Massenproteste gegen den Putsch in der Nacht zum Sonnabend hätten zwar viel mit Mut und Zivilcourage, aber nichts mit Demokratie zu tun. Die nämlich werde weiter von Erdogan zerstört. Die Säuberungen seien die "Reaktion eines totalitären Systems", es komme "zu völlig ungerechtfertigten Exzessen". Norbert Röttgen nannte es "fast schon Zynismus", dass Erdogan den Putsch als ein Gottesgeschenk bezeichnet hat.

Özdemir: Der zivile Putsch folgt dem Militärputsch"

Zingal versuchte seinen Präsidenten zu retten: Das Geschenk sei die Aufdeckung der "Parallelstrukturen" im Machtgefüge gewesen, die er aber auch auf Röttgens und Özdemirs Drängen nicht genau benennen konnte. So glitt die Sendung stellenweise –  aber durch Wills ausnahmsweise tadellose Gesprächsführung wirklich nur kurz – ins Neblig-Verschwörungstheoretische ab. Am Ende waren sich dann aber alle einig, dass der Putschversuch nicht inszeniert war, obwohl alle außer Zingal Erdogan auch das zutrauen würden. "Da muss es doch schon Listen gegeben haben", grübelte Cem Özdemir über die Blitzabsetzungen eines Fünftels der türkischen Richterschaft nach. "Der zivile Putsch folgt dem Militärputsch."

Röttgen: Putsch war nicht inszeniert

Erdogan habe den Putsch "nicht inszeniert, aber geistesgegenwärtig genutzt", meinte Röttgen. Der Herrscher vom Bosporus ordne alles, auch diese zum Scheitern verurteilte Militäraktion, seinem Plan unter, immer mehr Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Dagegen verblasse alles andere. Die EU-Beitrittsgespräche, der Flüchtlingsdeal, auch die Stationierung deutscher Truppen auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik im Anti-IS-Einsatz – all das verblasst hinter dem Machtstreben Erdogans. Und auch in der Sendung verblassten diese Themen etwas. Es war Cem Özdemir zu verdanken, dass er hier ein paar klare Worte fand. Wer die Todesstrafe wieder einführen wolle, "kann nicht Mitglied in der EU werden", rief er aus.  Und wer deutsche Parlamentariern den Besuch in Incirlik verweigere, müsse mit dem Abzug der deutschen Luftwaffe rechnen. "Deutsche Abgeordnete werden nach Incirlik gehen oder unsere Soldaten kommen zurück", sagte Özdemir. Er müsse ja nicht selber mitfahren, um nicht unnötig zu provozieren, nach seiner Zustimmung zur Armenien-Resolution des Bundestages fahre er nicht mehr in die Türkei. Aber ansonsten gelte: Erdogan versteht nur Klartext. Kujat sekundierte: "Es geht auch ohne die Türkei." Im Kampf gegen den IS sei ein amerikanischer Flugzeugträger im Mittelmeer genau so viel wert wie ein türkischer Nato-Flugplatz.

Seyran Ates schüttelte irgendwann nur noch den Kopf über Zingal und dessen unbeirrbare Versuche, Erdogans Säuberungen in ein positives Licht zu rücken. "Wir haben einfach ein unterschiedliches Verständnis von Demokratie", sagte sie dann. "Das ist tragikomisch."

Von Jan Sternberg, RND

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