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Wilde wie wir

„Dschungelkind“ im ARD Wilde wie wir

Der ARD-Familienfilm „Dschungelkind“ beschreibt ein archaisches Leben aus Kinderperspektiv. Gleich vier Autoren – Richard Reitinger, Natalie Scharf, Beth Serlin und Florian Schumacher – waren mit der Adaption der Autobiografie beschäftigt.

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Lernen in der Fremde: Die kleine Sabine Kuegler (Stella Kunkat, r.) beobachtet, wie Männer vom Stamm der Fayu ein Krokodil erlegen.

Quelle: ARD

Auswanderergeschichten haben in den letzten Jahren fast ein Genre für sich gebildet – als Fernsehfilm, Reportage oder Dokusoap. Die ARD-Tochter Degeto hat gleich reihenweise die Schicksale weißer Frauen in Afrika erzählt. „Dschungelkind“ von Roland Suso Richter („Mogadischu“, „Die Spiegel-Affäre“) hat mit diesen Produktionen allerdings kaum etwas gemeinsam –  und das keineswegs bloß, weil sich die Handlung überwiegend in West-Papua zuträgt.
Das Drehbuch dieses verblüffend witzigen Familienfilms basiert auf den gleichnamigen, 2005 erschienenen Kindheitserinnerungen von Sabine Kuegler: Ihre Eltern wollten die Sprache eines Stammes erforschen, der bis dahin keinerlei Kontakt zur Zivilisation hatte. Also zog die Familie in den tiefen Dschungel, wo sie beim Stamm der Fayu heimisch wurde. Gerade die beiden jüngeren Kinder wuchsen wie selbstverständlich zwischen den Einheimischen auf.

Zur Person

Sabine Kuegler, Autorin des Bestsellers „Dschungelkind“ (2005), wuchs in Nepal beim Stamm der Danuwa Rai auf. Nachdem ihre Eltern, die deutschen Missionare und Sprachforscher Klaus-Peter und Doris
Kuegler, 1976 das Land verlassen mussten, ging die Familie zunächst zurück nach Deutschland, später zog die Familie nach Indonesien zum Volk der Fayu, die tief im Dschungel, ohne Kontakt zur Außenwelt leben. Mit 17 Jahren kehrte Kuegler zurück nach Europa. Sie besuchte ein Internat in Montreux. Die westliche Welt empfand sie zunächst als „Kulturschock“. Mit ihrem Ehemann lebte sie immer wieder an verschiedenen Orten, in der Schweiz, Deutschland und auch in Tokio. Inzwischen wohnt die mittlerweile vierfache Mutter in der Nähe von München. 2006 stand Kuegler als Schauspielerin in dem ZDF-Film „Im Himmel schreibt man Liebe anders“ vor der Kamera. Außerdem engagiert sie sich für nachhaltige Entwicklungsarbeit.

Gleich vier Autoren (Richard Reitinger, Natalie Scharf, Beth Serlin, Florian Schumacher) waren mit der Adaption der Autobiografie beschäftigt. Das Ergebnis ist ein sehr episodisch erzählter Film, dessen Einzelteile mitunter aneinandergereiht wirken. Außerdem bringt es die Vielzahl von Ereignissen fast zwangsläufig mit sich, dass manches etwas oberflächlich bleibt. Trotzdem ist Regisseur Richter gerade auch mithilfe des Zusammenspiels von Bildgestaltung (Holly Fink) und Musik (Annette Focks) ein herausragendes Werk gelungen, zumal einige Aufnahmen von bezaubernder Schönheit sind.

Im Unterschied zu vergleichbarer Fernsehware verzichtet der Film, der gegenüber der Leinwandversion rund eine halbe Stunde länger ist, auf Ethnokitsch und Sentimentalitäten. Auch wenn Familie Kuegler nach und nach Freundschaft mit den Eingeborenen schließt, so bleiben diese nicht zuletzt aufgrund ihrer zum Teil durchaus abstoßenden Sitten und Gebräuche dennoch Fremde, zumal sie auch nicht ihrer Sprache beraubt werden. Weil Richter die Geschichte konsequent aus der Perspektive des zu Beginn etwa zehn Jahre alten Mädchens erzählt, betrachtet die Kamera die Mitglieder des Stamms aber buchstäblich nicht von oben herab, sondern mit unvoreingenommener Neugier.

Packend ist „Dschungelkind“ ohnehin, woran wiederum die Dramaturgie großen Anteil hat, weil sie nicht einen großen Spannungsbogen über 165 Minuten aufbaut, sondern viele kleine. Gefahren lauern nicht nur im Urwald, sondern auch direkt vor der Haustür: Die Fayu liegen seit Langem in einem ständigen Krieg mit einem anderen Stamm. Gleich zweimal kommt es vor der Hütte der Kueglers zum rituellen Kampf. Für den roten Faden der Geschichte sorgen einerseits die Figuren, weil gerade die Kinder auf eine Weise miteinander vertraut werden, wie sie Erwachsenen gar nicht möglich ist, und andererseits die subtilen Beeinflussungsversuche der Eltern. Die Kueglers waren auch missionarisch tätig, was Richter jedoch allenfalls andeutet. Im Grunde kann man es nur erkennen, wenn man es weiß. Dass sie mit sanfter Beharrlichkeit versuchen, den Stamm von seinem tödlichen Aberglauben abzubringen, geschieht zudem aus reiner Mitmenschlichkeit: Die Fayu lassen Kranke und Verwundete sterben, weil sie überzeugt sind, auf ihnen liege ein Fluch. Als die Kinder im Dschungel einen kranken Jungen finden, pflegen die Kueglers ihn gesund und nehmen ihn in die Familie auf.

Während Teil eins, der mitunter wie eine anthropologische Studie wirkt und an einstige Kulturfilme erinnert, den Titel „Ankunft“ tragen könnte, geht es in Teil zwei um Abschied. Mit einem einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Übergang lässt Richter aus den ausgelassen im Fluss tobenden Kindern junge Erwachsene werden. Und Sabine muss sich nun zwischen dem Leben im Dschungel und der Rückkehr in die Zivilisation entscheiden. Gerade im Vergleich zu der Lakonie, mit der Richter die Liebesbeziehung zwischen ihr und ihrem Adoptivbruder schildert, ist der letzte Akt allerdings etwas zu lang geworden. Das fällt unterm Strich jedoch ebenso wenig ins Gewicht wie der mitunter etwas überflüssige Erzähltext der Titelheldin, zumal beide Darstellerinnen, Stella Kunkat als Kind und Sina Tkotsch als Jugendliche, ihre Sache ausgezeichnet machen. Gleiches gilt für Nadja Uhl und Thomas Kretschmann als Eltern. Gerade Kretschmann ist dank seines sparsamen Spiels die perfekte Besetzung für den in sich ruhenden Vater, zu dem die Kinder unerschütterliches Vertrauen haben.

Die heute 42-jährige Sabine Kuegler, die mit dem Autorenruhm auch Kritik für die vermeintlich unpolitische Idealisierung „edler Wilder“ in ihrem Buch auszuhalten hatte, war als Beraterin des Filmteams tätig. „Der Film ist sehr europäisch und polarisiert“, sagt sie. „Dass man aber darüber redet, ist gut.“

„Dschungelkind“ | ARD
Mit Nadja Uhl und Thomas Kretschmann
Teil 1+2, heute, 20.15 Uhr

Von Tilmann P. Gangloff

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