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20:37 29.06.2011
Von Imre Grimm
Film-Dreharbeiten! In Hannover! Doch, tatsächlich, es kommt gelegentlich vor. Hier zur Oper „Das Rheingold“. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Wer in Hannover lebt, hält Hannover in der Regel für eine behagliche Insel des Glücks voller Kunst und Kultur, auf der schöne Mädchen in Bikinis bunte Cocktails trinken. Wer nicht in Hannover lebt, hält Hannover in der Regel für eine Betonwüste mit dem Charme einer ukrainischen Plattenbausiedlung, in der alte Männer in Kartoffelsäcken Knackwurst essen. Beides ist falsch. Film und Fernsehen könnten helfen, solche Missverständnisse auszuräumen. Hannover aber ist selten zu sehen in Kino- und Fernsehproduktionen: Von den etwa 350 TV-Neuproduktionen im Jahr 2010 spielten laut „TV Spielfilm“ 47 in Berlin, 29 in München, 25 in Hamburg, 20 in Köln, acht in Frankfurt, sechs in Stuttgart, fünf in Lübeck und ganze drei (!) in Hannover – zwei davon waren „Tatorte“ mit Maria Furtwängler. Keine Kamera, nirgends.

Mal ohne Jammern – woran liegt’s? Sehen die anderen einfach besser aus? Sind die alle schöner, cooler, filmtauglicher, newyorkischer als wir? Nicht doch. Es gibt handfestere Gründe.

Kommunen sind ganz wild darauf, dass Filmteams die Schmankerln der Region auf die Kinoleinwände und TV-Bildschirme Europas bringen. Die Gesellschaft Nordmedia in Hannover, in deren Händen seit 2001 die Filmförderung in Niedersachsen und Bremen liegt, hat eigens eine Broschüre für interessierte Stadt­väter erstellt (Titel: „Meine Kommune wird Drehort!“). „Dreharbeiten bieten einer Kommune die Chance, als Schauplatz Aufmerksamkeit zu erlangen“, heißt es darin. Und dann wird’s streng: „Bitte beachten Sie, dass renommierte Schauspieler einen hohen Standard bei Hotels gewohnt sind.“ Außerdem könne – etwa bei lästigen Straßensperrungen – ein klares Wort der Gemeinde dem Filmteam im Umgang mit dem „Unmut einzelner Anwohner helfen“. Im Klartext: Wenn einer meckert, kommt der Bürgermeister.

Es liegt einfach am Geld

Auch Hannover sperrte 1998 bereitwillig die alte Aegi-Hochbrücke für den Dreh von Hans-Christian Schmids Hackerdrama „23“. Das Problem: Man muss überhaupt erst einmal gefragt werden. Hannover ist eben nicht New York (wo eine wegen Dreharbeiten abgesperrte Brücke ungefähr so aufregend ist wie ein kaputter Hydrant). Warum aber ist Hannover so viel seltener Drehort als Köln, Hamburg oder Berlin? Oder Lübeck?

Kurz gesagt: Es liegt am Geld. Produktionen gehen dahin, wo das Geld sitzt und die Infrastruktur stimmt. Erstens: TV-Macher drehen gern an den klassischen Medienstandorten oder an der Nordseeküste und im Voralpen-Idyll. Zweitens: Film- und Serienproduktion ist in Deutschland – anders als in den USA – ein Subventionsgeschäft. Das Land ist zu klein für eine kostendeckende Freivermarktung. Deshalb entscheidet faktisch vor allem die staatliche Filmförderung darüber, wo ein Film gedreht wird. Denn sie verpflichtet die Macher, für jeden Euro Fördergeld 1,50 Euro direkt vor Ort auszugeben – für Kameraleute, Cutter, Kulissenbauer, Catering. Wer dann etwa aus Niedersachsen Geld bekommt (wie Dieter Wedel für „Gier“ oder Christian Petzold für „Yella“), muss seinen Film auch in Teilen in Niedersachsen produzieren. Das soll die örtliche Filmwirtschaft stärken und Touristen anlocken.

Das Problem: Die deutsche Filmförderung ist verzettelt und bürokratisch. „Die Filmförderung funktioniert nicht“, sagte jüngst Michael Verhoeven (72), Filmemacher („Tatort“, „Bloch“, „Mutters Courage“) und Ehemann von Senta Berger. „Man stelle sich einmal vor, man wolle eine Oper produzieren und müsse einer Institution vorher erklären, wer da singen wird, wer dirigiert und so weiter – aua.“

In Deutschland machen sowohl der Bund (mit jährlich 97 Millionen Euro) als auch die Länder mit sechs Gesellschaften (mit rund 150 Millionen Euro) Standortpolitik mit Filmfördergeldern. Warum gleich beide? Weil Film eben beides ist: Kultur – also Ländersache – und Wirtschaft – also auch Bundessache. Die Fördersummen sind jedoch höchst unterschiedlich: Bayern konnte 2010 rund 28 Millionen Euro in Filmprojekte stecken.

Ohne Filmförderung geht's nicht

Das chronisch klamme Berlin kratzte sogar 30,86 Millionen Euro zusammen – Image ist alles. Hamburg und Schleswig-Holstein kamen zusammen auf 14,56 Millionen. Nordrhein-Westfalen dagegen ließ sich den Spaß 39,6 Millionen Euro kosten – etwa viermal so viel wie Niedersachsen. In Hannover standen der Nordmedia (Gesellschafter: Niedersachsen, Bremen, der NDR und Radio Bremen) im Jahr 2010 für beide Bundesländer gerade einmal 10,22 Millionen Euro zur Verfügung – letzter Platz bei den Fördersummen.

„Natürlich: Je mehr Geld man reinsteckt, desto mehr ist man im Fernsehen“, sagt Jochen Coldewey, Leiter der Förderabteilung der Nordmedia. „Wir wären sehr froh, wenn wir mehr Fördergelder hätten. Aber wir müssen uns nicht bitter beklagen.“ Hannover sei nun mal kein großer Medienstandort – und die Nordmedia müsse sich eben auch um die Fläche kümmern. Die Geldjungs geben also den Filmjungs vor, wo sie drehen sollen. Das ist der schlichte Grund, warum Hannover so selten im Fernsehen auftaucht.

Mit der Filmförderung ist es wie in einer Hassliebe – ohne geht’s nicht, mit aber auch nicht. Der Standortwettbewerb der Filmförderer hat Auswirkungen auf das künstlerische Ergebnis, klagen Filme­macher. Tourismuswerbung ist nicht das Kerngeschäft von Filmerzählern. Wenn Ökonomie wichtiger wird als die Kunst, wenn die erhoffte Profilierung der eigenen Region die künstlerische Vision überlagert, dann wird ein Film vielleicht „hamburgischer“, aber nicht „besser“. Und Hannover? Bleiben wir gelassen. Denken wir an das feine Arno-Schmidt-Bonmot: „Was soll ich in New York – ich war schon zweimal in Hannover.“

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