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HD-Qualität macht arbeitslos wegen Akne-Narben

Fernsehen HD-Qualität macht arbeitslos wegen Akne-Narben

Sie saßen alle schon bei ihr, die Moderatoren und Sprecher der „Tagesschau“ und der „Tagesthemen“. Ungeschminkt – und vielleicht auch ein wenig angespannt. Schließlich wird ihren Zuschauern nichts mehr entgehen, wenn die Nachrichten in der ARD ab Ende 2012 in der hochauflösenden Qualität der High-Definition-Kameras ausgestrahlt werden: keine Pore, kein Pickel, keine Falte.

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Tagesschau-Sprecher Claus-Erich Boetzkes wird geschminkt – von 2012 an wird auch die Nachrichtensendung in HD-Qualität gesendet.

Quelle: dpa

Hannover. Andrea Mayr konnte ihrem Auftraggeber jedoch Entwarnung geben: „Es war niemand dabei, um den man sich Sorgen machen müsste“, sagt die Maskenbildnerin vom „Team maske berlin“. Im umgekehrten Fall hätte ihre Diagnose möglicherweise das Aus einer Karriere auf dem Bildschirm bedeuten können. Schließlich, sagt Mayr, mussten Nachrichtenmoderatoren in den USA deswegen schon ihren Platz vor der Kamera räumen. Die 30-Jährige und ihre Kollegen gehören hierzulande zu den Pionieren des HD-Make-ups. Schon seit 2002 tüfteln sie in Berlin-Schöneberg zusammen mit Beleuchtern, Kameraleuten und Kostümbildnern an einer Formel für die Maske, die den Anforderungen der hochauflösenden Kameras Rechnung trägt. Seit die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ihren Regelbetrieb im Februar 2010 auf HD-Bildern umstellten, können sie sich vor Anfragen kaum retten.

Ihr Know-how vermittelt Andrea Mayr nicht nur an Studenten von der Universität der Künste in Dresden. Auch TV-Sender wie der NDR gehören zu ihren Auftraggebern. „Die Maske genießt bei uns großes Ansehen“, sagt NDR-Pressesprecher Ralf Plessmann. Dementsprechend viel Wert habe der Muttersender ARD-Nachrichten auf Fortbildungen für seine Maskenbildner gelegt. Die Umstellung auf HD sei vielen nicht leichtgefallen, räumt Plessmann ein. „Am Anfang dachten wir, wir müssten die Moderatoren ordentlich zukleistern. Inzwischen wissen wir: Weniger ist mehr.“

So kann man die Revolution für die Branche auch bezeichnen. Die schöne, neue Welt in HD-Qualität, sie verzeiht keine Schönheitsfehler mehr. Die Maskenbildner stellt das vor neue Herausforderungen. Vorbei die Zeit, da sie Narben oder Leberflecken kaschieren konnten, indem sie das Make-up auf den Problemzonen einfach etwas dicker auftrugen.

Dass solche Tricks nicht mehr funktionieren, hat Andrea Mayr gerade anschaulich auf einer PR-Tour für den Blue-ray-Disc-Hersteller Sony an ein- und demselben Probanden demonstriert: Auf die eine Gesichtshälfte trug sie herkömmliches Make-up und auf die andere Hälfte spezielles HD-Make-up auf. Dann wurde der Kopf von Kameras gefilmt, die Bilder mit einer fünfmal höheren Auflösung lieferten als analoge Standardkameras.

„Der Unterschied fiel sogar Männern auf, die noch keinerlei Schminkerfahrungen hatten“, sagt Mayr. Das herkömmliche Make-up ließ die Haut plötzlich aschgrau und matt erscheinen – eine Folge der Tatsache, dass viele HD-Kameras dazu neigen, das Rot zu schlucken. Entsprechend rotstichig muss das Make-up sein, das Andrea Mayr aufträgt.

Mit HD wird die Lehre von den Farben wichtiger“, sagt sie. Augenschatten sei zum Beispiel nicht gleich Augenschatten. Der eine sei bläulich, der andere lila pigmentiert. Um solche Ränder zu kaschieren, müsse man genau hinschauen. Make-up drauf und abpudern, das funktioniert nicht mehr. Unbarmherzig macht die Kamera jene Schicht sichtbar, die bislang jede Problemzone gnädig verhüllte. In HD lässt das Puder plötzlich sogar jedes einzelne Gesichtshaar erkennen. So demonstrierte es Mayr neulich an ihrem unterschiedlich geschminkten Probanden für Sony. Um die Kamera auszutricksen, habe sie das ölhaltige Make-up durch ölfreies ersetzt, sagt die Maskenbildnerin, die schon Schauspieler in nationalen und internationalen Film- und Fernsehproduktionen betreut hat. Brad Pitt hätte den Test in HD vermutlich nicht bestanden. Wer noch nicht wusste, dass die Haut des Hollywood-Schauspielers so aknezerfurcht ist wie eine Mondkraterlandschaft, dem wäre es spätestens jetzt aufgefallen. In den USA landet Pitt regelmäßig auf den gefürchteten Top-10-Listen jener Stars, die im Licht der neuen Technik besonders schlecht wegkommen, neben dem schönheitsoperierten Burt Reynolds oder John Travolta, der angeblich ein Toupet tragen soll.

Auch hierzulande geht die Angst um, die mikroskopisch scharfen Augen der HD-Kameras könnten Darsteller ihrer großporigen Haut oder anderer dunkler Geheimnisse überführen – und am Ende sogar arbeitslos machen. So jedenfalls heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Bundesverbands der Film- und Fernsehschauspieler. (BFFS), dem größten Interessenverband dieses Industriezweiges.

Persönlich gefalle ihr das dezentere HD-Make-up zwar besser, sagt die Schauspielerin Julia Beerhold („Der letzte Bulle“), die sich im Vorstand des BFFS engagiert. „Man kann damit nach dem Dreh einfach auf die Straße gehen.“ Allerdings sehe man jetzt auch Dinge, die man vorher nicht gesehen habe. Zum Beispiel die Narbe auf ihrer Nase. Mit einem ebenmäßigen Gesicht könnten nur noch Kollegen punkten, die nicht älter als zwanzig Jahre sind.

Für die Frauen in ihrer Branche, prophezeit Beerhold, Jahrgang 1970, werde es in Zukunft wohl noch schwieriger werden, Rollen zu bekommen. „Sie hatten schon immer damit zu kämpfen, dass Rollen eher jung besetzt werden, weil ihnen ab einem gewissen Alter keine Sexualität mehr zugeschrieben wird. Durch HD und die verschärfte Sicht auf das Alter wird dieser Effekt noch verstärkt.“

Antje Hildebrandt

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