Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Orient trifft Obazda

„Tatort"-Kritik Orient trifft Obazda

Im neuen „Tatort" aus München haben es die Kommissare Batic und Leitmayr schwer: Bei der Suche nach einem Mörder bekommen sie es mit einem unter Immunität stehenden Verdächtigen zu tun. Das erwartet Sie heute im „Tatort – Wüstensohn":

Voriger Artikel
Neue Show-Ideen zünden nicht
Nächster Artikel
RTL zieht die Notbremse

Leitmeyr und Batic (v. l.) ermitteln gegen den Sohn eines Emirs – der jedoch Immunität genießt.

Quelle: dpa

Die Wüste hat ihre eigenen Gesetze, sie ist faszinierend und Furcht einflößend zugleich. In diesen Tagen denkt man beim Wort „Wüste“ unwillkürlich an die Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS), die mordend durch den Irak ziehen. Und auch wenn der aktuelle „Tatort“ namens „Der Wüstensohn“ sich nicht direkt um Terrorismus oder Islamismus dreht, so handelt er doch auch von einer Sphäre, in der eigene Regeln gelten: Nasir al Yasaf, der fünfte Sohn des Emirs von Kumar, führt in München ein glamouröses Partyleben. Er darf sogar in seinem schicken Sportwagen durch die Innenstadt rasen, ohne dass die Polizei einschreitet. Die Drehbuchschreiber ließen sich hier offenbar von der realen Geschichte um Gaddafis Sohn Saif al-Arab inspirieren: Während sein Vater in Libyen als Diktator herrschte, lebte er ausschweifend in München und unterhielt gute Beziehungen zur örtlichen Justiz. Eine Einladung des Polizeipräsidenten in ein Luxusrestaurant wurde zum Skandal.

Im Film wird Nasirs Freund Karim ermordet – den Ermittlern Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sind die Hände gebunden. Sie dürfen nicht einmal den Auffindeort der Leiche untersuchen – das Diplomatenfahrzeug ist exterritoriales Gebiet. Eine schöne Ausgangssituation, um die gegensätzlichen Charaktere des Münchener „Tatort“-Duos zur Geltung zu bringen: Während Leitmayr zur Besonnenheit mahnt, platzt Batic schnell der Kragen. Dem Sohn des Emirs imponiert das aufbrausende Machogehabe, er nennt den Polizisten geradezu liebevoll „Falke“ und will ihn mit der Aussicht auf Reichtümer für die Polizei in Kumar abwerben.

Die ambivalente Beziehung zwischen dem jungen Tatverdächtigen und den Ermittlern erscheint reizvoll. Hat Nasir seinen Freund aus Eifersucht umgebracht, weil der mit seiner Ex Michaela (Morgane Ferru) anbandelte? Als Batic und Leitmayr herausfinden, dass über den Teppichladen „Wüstensohn“, den der Sohn des Emirs gemeinsam mit dem Generalkonsul betreibt, illegale Geschäfte abgewickelt werden, machen sie sich mächtige Feinde in Wirtschaft, Politik und Justiz.

In dem atmosphärisch dichten Film von Rainer Kaufmann trifft „Tausendundeine Nacht“ auf das Münchener Nachtleben und Drogenmilieu. In einer Nebenrolle überzeugt Wilson Gonzalez Ochsenknecht als Schnorrer Henk, der sich von Nasir als Yasaf seine Drogensucht finanzieren lässt. Das alte Motiv des goldenen Käfigs wird auf originelle Weise variiert: Aller Luxus, die schönsten Frauen und die schnellsten Autos befreien Nasir nicht von der Übermacht seines Vaters, dessen Porträtfoto allgegenwärtig ist. Die Lossagung von den Eltern spielt letztlich in allen Kulturen eine große Rolle, das verdeutlicht dieser „Tatort“. Der Schauspieler Yasin el Harrouk macht diese Identitätskrise für den Zuschauer sichtbar, indem er von einem Moment zum anderen zwischen großspurigem Privilegiertem und unsicherem Jüngelchen wechselt. Der Film zeigt im Übrigen auch, wie schnell Frustration in Gewalt umschlagen kann.

Die spannungsgeladenen Rhythmen von Martin Probst erscheinen wie ein musikalisches Porträt dieses Wüstensohns. Regisseur Kaufmann übertreibt es jedoch zum Glück nicht mit der Orientromantik, Batic und Leitmayr sorgen für bajuwarische Bodenhaftung. Die Drehbuchautoren Alexander Buresch und Matthias Pacht lassen die Kulturen nicht reibungsfrei aufeinandertreffen: Insbesondere Batic kann sich den ein oder anderen fremdenfeindlichen Spruch („Die Scheichs dürfen aber auch alles!“) nicht verkneifen. Damit thematisieren die Filmemacher auch die Furcht, unter der Oberfläche unserer Gesellschaft könne sich eine von anderen Werten geprägte Subordnung entwickeln. Eine ähnliche Angst wird dieser Tage geschürt, wenn eine selbst ernannte „Schariah-Polizei“ durch Wuppertal streift. Und plötzlich erscheint die Wüste dann doch erschreckend nah.

Von Nina Mey

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Vier weitere Folgen
Foto: Vier weitere Jahre, vier weitere Folgen: Til Schweiger bleibt „Tatort“-Kommissar.

Til Schweiger bleibt dem „Tatort“ treu. Vier weitere Folgen als Kommissar Nick Tschiller will der deutsche Schauspieler drehen. Der Vertrag ist bereits unterschrieben. Womöglich sind die Krimis bald auch im Kino zu sehen.

mehr
Mehr aus Fernsehen
So schön ist "Pokémon Go" in Hannover

Schon bevor Pokémon Go in Deutschland offiziell erschienen war, ist auch in Hannover das Pokémon-Fieber ausgebrochen. In einer Bildergalerie zeigen wir Ihnen, wo welche Pokémon bereits gesehen wurden und welche Pokéstops einen Besuch Wert sind. Sie haben Tipps und Tricks für uns? Dann schicken Sie uns doch einfach Ihre Hinweise. Dann aktualisieren wir die Galerie. 

Anzeige
Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen