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„Die Amerikaner kennen deutsches Fernsehen nicht“

Interview mit "Deutschland 83"-Autorin „Die Amerikaner kennen deutsches Fernsehen nicht“

In den USA ist "Deutschland '83" schon ein Erfolg, Donnerstag kommt die Serie über einen jungen Soldaten zwischen den Fronten von BRD und DDR auch ins deutsche Fernsehen. Ein Gespräch mit der Autorin Anna Winger.

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Zwischen zwei Welten: Jonas Nay gilt als Protagonist von "Deutschland '83" als neue deutsche Serienhoffnung.

Quelle: RTL

Nach Jonathan Franzen erklärt uns mit Ihnen dieses Jahr erneut ein Autor aus den USA die DDR. Wie kommt es zum fremden Blick aufs Vertraute?

Unsere Perspektive ist neutraler als bei einem Ost- oder Westdeutschen.Aber so fremd fühle ich mich schon längst nicht mehr. Ich lebe hier seit 2002, zahle brav Steuern, mein Mann und meine zwei Kinder sind Deutsche, ich schreibe also über eine Welt, die ich mein halbes erwachsenes Leben bewohne.

Das erklärt Ihr Interesse am Deutschland der Gegenwart. Woher rührt das historische?

Mich interessiert generell, wie es ist, seine Heimat zu verlieren, ohne sie zu verlassen, was ich mal in einer Geschichte mit deutschen Protagonisten ohne Hakenkreuz und Judenstern erzählen wollte. Hinzu kam, dass mein Mann und ich mal mit Hans Otto Bräutigam geredet haben, damals Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Als er uns erzählte, Milliardenkredite und Friedensbewegung hätten 1983 erstmals die theoretische Möglichkeit einer Wiedervereinigung angedeutet, wurde das Datum konkreter.

Sie erzählen, wie der Protagonist innerhalb weniger Wochen vom NVA-Soldaten zum 007-Agenten trainiert wird, ohne auch nur zu schwitzen. Ist das Realität oder Märchen?

Weil er eben doch schwitzt und oft scheitert, ist es kein Märchen, zumal die DDR in den Achtzigerjahren schon so darniederlag, dass sie mit geringsten Mitteln Erfolge erzielen wollte. Ich frage mal zurück: Würde ein Mafiaboss wie in den „Sopranos“ einer Psychiaterin sein Innerstes öffnen? Auch das ist ein wenig realistisches, aber theoretisch denkbares Set-Up für eine grandiose Serie. Wir erhoffen uns dasselbe mit dem Spionagethema.

Sorgt das für Anschlussfähigkeit auf dem amerikanischen, action-affinen Markt?

Schon, Amerikaner haben deutsche Geschichte nicht nur im Kalten Krieg als eigene empfunden. Dazu gehört sicher auch Geheimdiensttätigkeit. Schon weil sie so viel visuell und sprachlich vermitteltes Insiderwissen über beide Deutschlands vor 30 Jahren aufweist, wurde die Serie aber dennoch eindeutig für den deutschen Markt konzipiert.

Welchen Ruf hat deutsches Fernsehen in den USA?

Im Grunde gar keinen Ruf. Von „Deutschland 83“ abgesehen haben viele vermutlich noch nie etwas gesehen. Die einzige Ausnahme ist „Wetten, dass …“, aber nur, weil es von amerikanischen Gästen schon mal lautstark durch den Kakao gezogen wurde. Ansonsten habe ich nichts übers deutsche Fernsehen in amerikanischen Medien gehört.

Umso erstaunlicher, dass „Deutschland 83 „erfolgreich beim Sundance Channel lief.

Und zwar untertitelt, was amerikanische Zuschauer selten akzeptieren. Das lag daran, dass es auf der Berlinale von den richtigen Leuten gesehen wurde, aber auch an der Hauptfigur Martin: einem normalen Jungen mit normalem Leben in einem Abenteuer. Das Gewöhnliche im aufrechten Kampf mit dem Außergewöhnlichen - so funktionieren gute Serien. Amerikaner lieben solche Charaktere!

Von denen es hierzulande noch immer zu wenige gibt.

Weil sie ihren Charakteren nicht erlauben, sich zu entfalten; weil Handlung bloß Beiwerk der Dialoge ist, weil man sich für Action oder Drama oder Leidenschaft oder History entscheidet, anstatt alles miteinander zu verbinden, wie wir es versuchen.

Wollen Sie den Zuschauer vornehmlich unterhalten oder geschichtlich aufklären?

Beides, auch um die Gegenwart besser zu verstehen. Die Zeit vor dem Fall der Mauer ist für viele Jüngere ein geradezu abstrakter Raum. Dennoch sind wir ein Unterhaltungs-, kein Bildungsformat. „Deutschland 83“ ist weniger Infotainment als Alice im Wunderland mit viel Politik.

Interview: Jan Freitag

Das ist Anna Winger

Anna LeVine Winger, 1970 geboren in Massachusetts, aufgewachsen in Kenia und Mexiko, kam 1999 erstmals nach Deutschland und zog drei Jahre später nach Berlin, wo sie mit ihrem Mann Jörg und den zwei gemeinsamen Kindern wohnt.
Die gelernte Journalistin schreibt nicht nur für renommierte Medien wie die „New York Times“ und die „FAZ“, sondern auch Romane und Drehbücher, unter anderem für den „Tatort“. Inspiriert von der dänischen Politikserie „Borgen“, haben Anna und Jörg Winger nun die Agentenserie „Deutschland 83“ mit Jonas Nay als NVA-Soldat Martin entworfen, der für die DDR vermeintliche Angriffspläne der Nato ausspionieren soll – ein Projekt, das seither international für Furore sorgt. Die Serie läuft ab morgen wöchentlich um 20.15 Uhr bei RTL.

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Nach Erfolg in den USA
Foto: Martin (Jonas Nay) kollabiert in "Deutschland 83" angesichts der Warenwelt des Kapitalismus.

Das Jahr 1983: Es die Zeit des "Kalten Krieges" und der Geheimagenten. Die Potsdamer-Produktion "Deutschland 83" versucht diese Epoche fürs Fernsehen wiederzubeleben – in den USA bereits mit Erfolg.Beim Zusammentreffen von Fiktion und Historie knirscht es allerdings. Jetzt kommt die Serie ins deutsche Fernsehen.

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