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Können Sie loslassen, Herr Geißendörfer?

Wechsel bei der Lindenstraße Können Sie loslassen, Herr Geißendörfer?

Es bleibt in der Familie: Produzent und Regisseur Hans W. Geißendörfer gibt die "Lindenstraße" nach 30 Jahren an Tochter Hana ab. Da er noch ein paar Kinofilme verwirklichen will, fällt ihm der Generationenwechsel nicht allzu schwer. Ulrike Simon sprach mit ihm und seiner Tochter.

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Generationswechsel bei der "Lindenstraße": Hans W. Geißendörfer und seine Tochter Hana.

Quelle: ARD

Herr Geißendörfer, dafür, dass Sie politisch links verortet sind, denken Sie ganz schön dynastisch.
Hans W. Geißendörfer: Warum?

Die "Lindenstraße" bleibt in der Familie. Sie haben die Produktion der Serie an Ihre Tochter Hana vererbt.
Hans W. Geißendörfer: Auch Linke haben das Bedürfnis das, was sie lieben, dem weiterzureichen, dem sie vertrauen. Ich habe Hana gefragt, ob sie Lust dazu hat, und sie hat Ja gesagt.

Hana, hatten Sie überhaupt eine Wahl?
Hans W. Geißendörfer: Ha! Auf die Antwort bin ich gespannt.
Hana Geißendörfer: Ob ich eine Wahl hatte? Absolut. Er hat mich eben irgendwann gefragt,…

… in einer Mail im Jahr 2008…
Hana Geißendörfer: … und da dachte ich. Ja, warum nicht? Von da an habe ich in der "Lindenstraße" hospitiert, bin von Abteilung zu Abteilung, hab‘ überall reingeschnuppert und wollte dann irgendwann auch gar nicht mehr weg.

Es gibt zwei weitere Töchter, Herr Geißendörfer. Warum Hana?
Hans W. Geißendörfer: Kreativ sind sie alle drei. Lilli, die Große, ist Produzentin am Theater, Jessica produziert Werbefilme. Und Hana hätte natürlich die Wahl gehabt, ihr Handwerk als selbständige Filmemacherin umzusetzen.

Das hat sie ja auch. Der Film "Der Bunker" lief bei der diesjährigen Berlinale …
Hana Geißendörfer: … und ich will das auch zukünftig machen. Das ist eine Zeitfrage. Die Priorität hat momentan ganz klar die "Lindenstraße".
Hans W. Geißendörfer: Ich habe ja auch nebenbei Kinofilme gemacht.

In 30 Jahren "Lindenstraße" hat man einige Schauspieler von Kindesbeinen aufwachsen sehen, mit anderen ist man gealtert. Sie waren anderthalb, als die erste Folge lief. Wie wächst man als Tochter des Produzenten mit der "Lindenstraße" auf?
Hana Geißendörfer: Die ersten sechs Jahre bin ich auf Rhodos aufgewachsen, später sind wir nach London. Ich muss zugeben, dass die "Lindenstraße" für mich nie etwas anderes war als das, was mein Vater beruflich macht. Das Interesse kam erst mit meinem eigenen beruflichen Wunsch, Filme machen zu wollen.
Hans W. Geißendörfer: Mir wäre nicht eingefallen, in England am Sonntagnachmittag "Lindenstraße" zu schauen. Man geht ja in ein anderes Land, um die Kultur dort zu leben.

Vor unserem Gespräch machten Sie sich darüber lustig, dass Fernsehchef Jörg Schönenborn mehrfach vom "Powerhaus WDR" sprach. Sie taten, als hätten Sie ihn nicht richtig verstanden. "Wie bitte? Brauhaus WDR?", fragten Sie.
Hans W. Geißendörfer: Ach, das müssen wir hier nicht vertiefen.

Doch.
Hans W. Geißendörfer: Herr Schönenborn ist als Fernsehchef des WDR von allein auf die Idee gekommen, uns im Studio einen Besuch abzustatten. Das kann ich nicht von jedem behaupten.

Es ist bekannt, dass Sie mit Volker Herres, dem ARD-Programmchef, immer wieder Auseinandersetzungen haben. Mal wird die "Lindenstraße" später ausgestrahlt, dann fällt sie ganz aus, einmal wurde angekündigt, sie beginne wegen der Tour de France um 19.30 Uhr statt um 18.50 Uhr, tatsächlich kam sie kurz vor Mitternacht…
Hans W. Geißendörfer: … und die Rechnung der ARD ging nicht auf. Das Radrennen erzielte weniger Quote als normalerweise die "Lindenstraße".

Sind solche Respektlosigkeiten der Anfang vom Ende?
Hans W. Geißendörfer: Ich würde mir wünschen, die "Lindenstraße" würde ab und zu besser behandelt. Aber ich glaube, Herr Herres erkennt, was es hieße, den Zuschauern diese Sendung wegzunehmen. Im Übrigen bin ich mir sicher, dass die ARD aus den Fehlern mit "Verbotene Liebe" und "Marienhof" gelernt hat. Den Sendeplatz willkürlich zu verschieben oder völlig neue Kulissen zu bauen, kann keiner Serie nutzen.

Ich habe gehört, das Produktionsbudget für die "Lindenstraße" sei seit vielen Jahren nicht gestiegen.
Hans W. Geißendörfer: Das haben Sie richtig gehört. Und jedes Mal geht es wieder um die Frage, ob wir nicht mit weniger auskämen. Nein, kämen wir nicht, nicht, wenn ich elf Monate im Jahr drehe und verhindern will, dass die Mitarbeiter in die Klapsmühle kommen.

Im nächsten Frühjahr müssen nun Sie, Hana, mit der ARD über die Vertragsverlängerung verhandeln?
Hana Geißendörfer: Nein, das machen wir zusammen. Da muss ich noch einiges lernen.
Hans W. Geißendörfer: Um das Finanzielle kümmere ich mich noch.

Können Sie überhaupt loslassen?
Hans W. Geißendörfer: Ich werde mit meiner Arbeit bei Geißendörfer Film nicht aufhören, solange es nicht sein muss. Ich mache den Job wahnsinnig gern. Meine Familie würde mich nicht ertragen, wäre ich die ganze Zeit zu Hause. Dann säße ich den ganzen Tag am Meer, und meine Frau Jane mit einigem Sicherheitsabstand hinter einem Felsen.

Was haben Sie der "Lindenstraße" zu verdanken?
Hans W. Geißendörfer: Die Bank gibt mir einen Kredit, wenn ich einen brauche.

War Sie auch Last?
Hans W. Geißendörfer: Nein, aber sie bedeutet Verantwortung. Für die Mitarbeiter, die Schauspieler. Deshalb bin ich ja froh, dass es Hana gibt. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich noch ein paar Kinofilme machen möchte, bevor es zu spät wird.

Und eine Dokumentation über die Ozeane.
Hans W. Geißendörfer: Ja, da bin ich dran. Die Finanzierung ist sehr ungewöhnlich. Das Geld kommt, wie ich hoffe, weitgehend von der Industrie. Die, die das Meer zerstört haben, sollen gefälligst für diesen Film blechen.

Sie sind keiner, der sich verbiegen lässt. Würde ein Typ wie Sie heute noch einmal diesen Erfolg landen?
Hans W. Geißendörfer: Das ist schwierig zu beantworten. Wir waren mit der "Lindenstraße" einfach die Ersten. So etwas gab es bis dahin nicht. Natürlich besaß ich schon damals den Willen, möglichst viele Zuschauer zu erreichen, weil ich etwas mitzuteilen habe. Aber glauben Sie bloß nicht, ich hätte damals die "Lindenstraße" wegen ihres inhaltlichen Konzepts an die ARD verkauft. Das war den hohen Herren völlig wurscht. Verkauft bekommen habe ich die "Lindenstraße", weil ich den Verantwortlichen klarmachen konnte, dass eine wöchentliche Dauerserie schon aus technischen Gründen kostengünstiger ist als eine normale Produktion.

Hana, ist Ihnen bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Sie die "Lindenstraße" eines Tages zu Grabe tragen?
Hana Geißendörfer: Darüber nachgedacht habe ich, ja.
Hans W. Geißendörfer: Wie bitte? Du meinst, Du machst das jetzt ein paar Jahre, bis ich weg bin, und dann ist Schluss?
Hana Geißendörfer: Nein, Papa. Aber es kann alles passieren. Ich würde dann aber sagen können, dass ich es versucht und mein Bestes gegeben habe.

Sie haben in der "Lindenstraße" schon ein paar Wohnungen und den Friseursalon renoviert, es gibt schnellere Schnitte …
Hana Geißendörfer: … und auch der Supermarkt sieht nicht mehr aus wie ein Konsum der Achtzigerjahre. All das ändert nichts daran, dass die "Lindenstraße" bodenständig, menschennah und ehrlich bleibt. Am Geist, an ihrer Seele werde ich nichts ändern.

Macht nicht vielmehr die Haltung zu Tagesaktuellem die Seele aus? ... Ihr Vater nickt gerade. Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen, so politisch, wie es Ihr Vater ist?
Hana Geißendörfer: Ich bin kein Altachtundsechziger. Und ich bin auch nicht so politisch aktiv wie das mein Vater war.
Hans W. Geißendörfer: Wir waren damals mehr ideologisch als politisch aktiv. Wir haben vor allem viel Luft erzeugt. Und zum SDS,…

… dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund…
Hans W. Geißendörfer: … bin ich Wahrheit ja aus ganz anderen Gründen gegangen.

Die da waren?
Hans W. Geißendörfer: Ich war Anfang der 1960er Gründungsmitglied des SDS in Marburg an der Lahn, wo ich studiert habe. Und schuld war natürlich eine Frau. Ich weiß es noch wie heute. Es war im Schwarzen Walfisch, der einzigen Kneipe, die auch um vier Uhr früh noch offen hatte. Ich war da Stammgast. Leo, ein Schauspieler, der sein Studium abgebrochen hatte, hat dort gekellnert. In der Ecke saß fast jeden Abend eine Gruppe von sechs oder acht Leuten, die auf mich sehr interessant wirkten, vor allem die eine Frau. Leo hat mir dann erklärt, dass das eine politische Gruppe ist. Irgendwann fand er heraus, dass sie jemanden suchen, der eine 16-Millimeter-Kamera besitzt.

Und das waren Sie.
Hans W. Geißendörfer: Ich bin dann hin und fragte, was sie planen. Es ging um einen Agitationsfilm über Kurden. Ja, klar, hab ich da geantwortet. Da saß ja diese Frau. Wir sind dann noch am selben Abend miteinander nach Hause gegangen. Ich hatte ihr gesagt, die Kamera sei in meiner Wohnung.
Hana Geißendörfer: Ich dachte, die Kamera hättest du dir erst später gekauft?
Hans W. Geißendörfer: Vierzehn Tage später, ja, in Nürnberg.

Ach so, Sie haben die Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Hause gelockt?
Hans W. Geißendörfer: Sie hat sich dann sowieso nicht mehr für die Kamera interessiert.
Hana Geißendörfer: Aaaah, Papa, bitte!

War das Hanas Mutter?
Hans W. Geißendörfer: Nein, das war lange Zeit davor.

Interview: Ulrike Simon

Zur Person

So lange lebt keine andere Serie hierzulande. Am 8. Dezember läuft die "Lindenstraße" seit 30 Jahren im Ersten. Mehr als 250 Hauptrollen gab es seither im Reich von Produzent Hans Wilhelm Geißendörfer (74), zudem 2100 Gastrollen, 31 Hochzeiten, 17 Geburten – und im TV-Restaurant Akropolis wurden mehr als 19.000 Essen serviert.

1990 brach Geißendörfer am heiligen ARD-Sonntagnachmittag ein Tabu, als die schwule Figur Carsten Flöter ihr männliches Gegenüber innig küsste – was dem Schauspieler Georg Uecker in einer damals noch weit weniger toleranten Bundesrepublik Morddrohungen einbrachte.

Dass deutsche Fernsehzuschauer es immer mal wieder schwer haben, Wirkliches von Erfundenem zu trennen, zeigte sich schon 1988, als Mitschüler die Kinder des "Lindenstraßen"-Darstellers Bernd Tauber auf dem Schulweg beschimpften. Sie glaubten, Tauber sei HIV-positiv wie die von ihm verkörperte Figur des Benno Zimmermann. Tauber trat vor die Klasse, erklärte den Schülern, was Schauspielkunst bedeute und dass er überdies völlig gesund sei. Stoff zum Nachdenken auch für die damals in ihren Anfängen befindliche Aids-Aufklärung.

Geißendörfers Markenzeichen ist sein schwarzes Käppi, Ausdruck linker Überzeugungen, die der Germanistikstudent in der Protestbewegung von 1968 gewann. Politisch war schon sein erster Film, "Jonathan" von 1970: ein Horrorstreifen, in dem tyrannische Vampire im Licht der Sonne wandelten, bis aus ihrem unterdrückten Volk ein Held erwuchs.

Geißendörfer drehte fortan fürs Kino und fürs Fernsehen. Berühmt wurden die Patricia-Highsmith-Verfilmung "Die gläserne Zelle" (1979 für den Oscar nominiert), sein finsteres Bauerndrama "Sternsteinhof" (1976) nach Ludwig Anzengruber und seine Verfilmung von Thomas Manns "Zauberberg" mit Rod Steiger von 1982.

1971 wurde Geißendörfer, Sohn einer Pfarrersfamilie, zum Mitbegründer des Filmverlags der Autoren, der den künstlerisch anspruchsvollen jungen Film unterstützen wollte, was allerdings nicht wirklich gelang.

Zur "Lindenstraße" wurde er durch seine Kindheit in Neustadt an der Aisch inspiriert. Der Dauerbrenner deutscher Popkultur wurde zunächst von der Kritik und einstigen Weggefährten verspottet, was endete, als die Serie 2001 mit dem Grimme-Preis in Gold in ausgezeichnet wurde.

Geißendörfer focht der Hohn nie an, für ihn war das Ideal erreicht, das Publikum zu unterhalten und ihm zugleich ernsthafte Themen wie Integration, Atompolitik und Neonazis zu vermitteln. Auf dem Höhepunkt, 1987, saßen 14,93 Millionen Menschen vorm Bildschirm, im August 2015 nur noch 1,91 Millionen – der bisherige Tiefststand. Tendenz seither: flach steigend.

Geißendörfer ist seit 1978 mit seiner Frau Jane, einer Britin, verheiratet, mit der er drei Töchter hat. Die mittlere, Hana Geißendörfer (31), studierte Volkswirtschaft an der Universität Bristol und absolvierte ein Regiestudium an der Internationalen Filmschule in Paris.

Vor der Übernahme des Kreativbereichs der "Lindenstraße" im Februar 2015 war sie dort schon Regieassistentin und Drehbuchautorin. Im Gegensatz zum Vater liebt sie Serien, vor allem Jane Campions "Top of the Lake", das Frauengefängnis von "Orange IS the New Black", den Thriller "The Killing" und die Transgender-Dramedy "Transparent" mit Jeffrey Tambor.

big

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