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Fernsehen Judith Holofernes führt bei arte durch die Reihe „Summer of Girls“
Nachrichten Medien Fernsehen Judith Holofernes führt bei arte durch die Reihe „Summer of Girls“
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18:37 03.07.2011
Judith Holofernes wurde mit ihrer Band Wir sind Helden vor acht Jahren mit dem Hit „Guten Tag“ bekannt. Ab Dienstag moderiert sie im Kulturkanal arte. Quelle: dpa
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Frau Holofernes, der „Summer of Girls“ handelt nicht von Mädchen, sondern erwachsenen Musikerinnen. Wie reagieren Sie selbst auf die Bezeichnung „Girl“?
Mit Protest! Aber auch, weil Girl so nach neunziger klingt. Damals glaubten ja selbst Feministinnen, es sei okay, Frauen Girls zu nennen, solange es mit fünf „r“ geschrieben wird.

Sind Sie denn Feministin?
Ich fühle mich einer feministischen Tradition verbunden, nenne mich deshalb aber nicht Feministin. Das klingt, als sei es das Einzige, was mich definiert, wie ein Beruf. Das Wichtigste ist, dass Frauen nicht denken, Feminismus betreffe sie nicht; gerade in meinem Metier ist das Geschlecht alles andere als egal. Das zeigt sich besonders, wenn Musikerinnen, die sich für unfassbar emanzipiert halten, in alte Verhaltensmuster zurückfallen, sobald Kinder kommen.

Bei Ihnen auch?
Ja, Kinder zu kriegen macht unsichtbare Grenzen sichtbar. Mein Mann und ich sind gleichberechtigt, wie überhaupt möglich, da sogar unser Arbeitsplatz identisch ist. Trotzdem erntet Pola …

Ihr Mann und Schlagzeuger.
… ständig Schulterklopfen für identische Erziehungsarbeit, die mir folglich vom Konto abgezogen wird, als würde ich mich drücken. Wenn einer von uns ein Interview gibt und nebenan schreit unser Baby beim anderen an der Schulter, werde nur ich gefragt, wie ich mich dabei fühle. Da fehlt jede Anerkennung eines stinknormalen Zustandes zweier moderner Menschen, die sich arbeitsteilig um den Nachwuchs kümmern. Gespräche mit Fremden über mein Leben beginnen stets damit, wie besonders es sei.

Insbesondere im Pop. Wie oberflächlich ist der insgesamt?
Solange Oberfläche kreativ und selbstbestimmt ist, finde ich das großartig. Aber Frauen lernen eben eher als Männer ihre Grenzen kennen, sobald sie mit Inhalten über die Oberfläche hinauszugehen versuchen.

Besonders in den Medien.
Wo ich für eine Talkshow viel länger in der Maske sitze als Männer. Ich könnte zwar die Einzige sein, die sich da verweigert, aber natürlich aussehen zu wollen, heißt in diesem Kontext, beschissen auszusehen. Unter den Hochglanzfassaden der anderen Gäste entspräche ungeschminkte Normalität in der Digitalbildsprache totaler Verwilderung.

Und deshalb verweigern auch Sie sich nicht?
Doch, im Rahmen des Möglichen. Wenn ich für eine Sendung meine Lieblingsorte in Berlin zeigen soll, setze ich schon durch, dass ich nicht an jedem ein anderes Kleid anhabe, dass Inhalte im Vordergrund stehen. Dafür musste ich erst mal lernen, anderen Schwierigkeiten machen zu können. Aber das war ein langer Weg.

Wäre der für Wir sind Helden so erfolgreich verlaufen, wenn die schöne Frontfrau nicht am Mikro stehen, sondern hinterm Schlagzeug sitzen würde?
Dazu fällt mir ein Beispiel ein. Unter befreundeten Musikern merke ich immer wieder, dass die sich unsere Erfolgsdifferenz schön saufen über die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Nur so halten das einige Männer aus. Dabei gibt es auch sehr erfolgreiche Männerbands, deren Erfolg vom Aussehen herrührt. Pop funktioniert mit attraktiven Merkmalen nun mal besser. Es gibt zwar Ablenkungsmanöver wie die Gossip-Sängerin Beth Ditto, aber so ein dickes Feigenblatt hat sich Pop schon immer gehalten. Ein Problem hat er mit Frauen, die ganz normal aussehen.

So wie Sie?
In gewisser Weise, aber man betrachtet mich nicht so. Vier Wochen nach der Geburt meines Sohns war ich auf der Aftershowparty vom „Echo“, also zu einem Zeitpunkt, wo Heidi Klum längst wieder Unterwäsche präsentiert. Ich dagegen hatte ein Sackkleid an, in dem gar nichts von mir zu sehen war – auch nicht die 15 Kilo Mehrgewicht. Da fragte mich ein Journalist, wie ich es geschafft hätte, schon wieder so schlank zu sein. Ich hab gesagt: komm mit auf’s Klo, ich zeig dir meinen Kängurubauch – und dass er genau von dem schreiben soll, weil ich auf keinen Fall an diesem Mythos beteiligt sein will, Frauen müssten nach der Geburt aussehen, als hätte ihr Kind im Blumentopf gekeimt.

Und, hat er’s geschrieben?
Nein! Das zeigt, wie groß der Wille zum übermenschlichen Ideal ist. Ich definiere mich mehrheitlich über das, was ich tue, nicht das, was ich darstelle; zu erleben, wie schlecht ich mich dennoch fühle, wenn ich zwischendurch aussehe, als hätte ich zwei Kinder gekriegt, hat mich wirklich erschreckt.

Und zwei Jahre nach der letzten Geburt macht arte Sie zur Moderatorin. Wegen Ihrer Kompetenz oder doch eher der Optik?
Gerade, weil arte ein so toller Sender ist, hab ich mich auch gefragt, ob da nur jemand dachte: ,Die ist doch so jung und … peppig.‘ Ich hoffe aber, sie fanden, dass ich für ein interessanteres Frauenbild stehe als viele, die sonst so moderieren.

Wird Moderieren jetzt Ihr zweites Standbein?
Im Gegenteil. Wenn ich was anderes machen wollen würde, als diesen schwerfälligen Musikzirkus, in dem jeder Schritt immense Anschubenergie braucht, werde ich mir gewiss nicht das Fernsehen aussuchen, das noch viel schwerfälliger ist, wo noch mehr Oberfläche regiert. Da wird schon eine neue Klappe nötig, wenn bloß ein Haar absteht.

Interview: Jan Freitag

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