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19:16 17.01.2016
Ist er der Mörder? Baumann (Karl Markovics, rechts) will Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) überzeugen. Quelle: BR/Wiedemann & Berg
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Er brüllt Zeugen an, betrinkt sich mit billigem Fusel vom Kiosk und zergeht schließlich vor Scham: Hanns von Meuffels (Matthias Brandt), dem sein zehnter „Polizeiruf 110“ wirklich alles abverlangt und der wohl noch nie so neben sich gestanden hat wie hier in „Und vergib uns unsere Schuld“. An den Rand des körperlich-seelischen Zusammenbruchs treibt ihn ausgerechnet ein längst abgeschlossener Fall. Vor neun Jahren, zur Zeit des WM-Sommermärchens, wurde in der bayerischen Provinz ein 16-jähriges Mädchen ermordet, dessen Leiche nie gefunden wurde. Als Täter geriet schnell der örtliche Dorfdepp in Verdacht, der nach anfänglichem Leugnen den Mord gestand. Da auch alle Indizien gegen ihn sprachen, wurde er für die Tat verurteilt.

Nun hat sich dieser vermeintliche Mörder in seiner Zelle aufgehängt – zu seiner Lieblingsmusik, zu Heintjes gruselig-schönem Schlager „Ich bau Dir ein Schloss“. Gezeigt wird dies in einer beängstigenden und merkwürdig komischen Szene, mit der dieser Film dann auch beginnt. Und die dann die Stimmung vorgibt für ein richtig düsteres Krimidrama. Kurz danach wird bei von Meuffels, der damals die Ermittlungen leitete, ein gewisser Jens Baumann (Karl Markovics) vorstellig. Er gesteht dem Kommissar in arg wirren Worten, dass er das Mädchen vor neun Jahren ermordet habe und nun nach dem Tod des irrtümlich Verurteilten nicht mehr mit seiner Schuld leben könne. Von Meuffels hält ihn jedoch für einen Trittbrettfahrer, eben für einen kranken Typen, wie sie regelmäßig im Kommissariat auftauchen. Er weist den Mann daher äußerst wirsch von sich und empfiehlt ihm den Besuch beim Psychiater.

Spannende Parallelhandlung im Rückblick

Doch Baumann lässt nicht locker. Er verfolgt von Meuffels, bedrängt ihn und gesteht immer wieder seine Schuld. Seine unglaubliche Hartnäckigkeit macht den Kommissar schließlich stutzig. Und als Baumann dann auch noch über Dinge spricht, über die bisher nie öffentlich berichtet wurde, beschließt er, die Ermittlungen neu aufzunehmen. Er fährt an den Tatort, spricht mit den Angehörigen der Toten, mit Zeugen, prüft die alten Akten, stößt dabei auf Widersprüche und verhängnisvolle Fehler, die er damals begangen hat. Baumann berichtet ihm immer mehr Details über die Tat, die womöglich grausamer war, als bisher bekannt war.

Erzählt wird dies in zahlreichen Rückblenden, die so kunstvoll in das Geschehen eingebaut sind, dass sie eine spannende, weil durchaus widersprüchliche Parallelhandlung ergeben. Dies mag anfangs verwirrend wirken, fasziniert dann aber zunehmend. Das Ganze wirkt wie ein Puzzle, bei dem einzelne Teile einfach nicht passen wollen. Gleichzeitig verändert sich von Meuffels, äußerlich wie innerlich. Der anfangs noch gewohnt distanziert auftretende Kommissar verliert langsam die Contenance, erscheint zunehmend nervös, wird von Selbstzweifeln gequält. Und ist schließlich wie sein Widerpart Baumann ein von Schuldgefühlen besessener Mensch, der von seinen Kollegen alleingelassen wird. Das alles glaubhaft darzustellen, ist eine wirklich brillante Leistung von Matthias Brandt, die allein diesen Film schon sehenswert macht.

Dennoch verlangt der neue „Polizeiruf“ dem Zuschauer einiges ab. Auf beliebte Dinge, die man sonst auf diesem Sendeplatz vorgesetzt bekommt, wird verzichtet. So fehlt der gern gezeigte Alltag im Kommissariat genauso wie der Flachs unter Kollegen. Stattdessen erlebt man ein von Marco Kreuzpaintner präzis inszeniertes Psychodrama (Drehbuch: Alexander Buresch, Matthias Pacht), das fast schon philosophisch-religiös um Fragen der Schuld, Sühne und Vergebung kreist. Kurzum: Großes Kino am Sonntagabend.

Von Ernst Corinth

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