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So düster ist der Tatort mit Heike Makatsch

Schroffe Schmerzensfrau So düster ist der Tatort mit Heike Makatsch

Der neue Tatort aus Freiburg präsentiert ein bedrückendes Milieudrama. Mittendrin: Kommissarin Ellen Berlinger (Heike Makatsch) als einsame Wölfin im Breisgau - mit einem echten Babybauch. 

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„Wollen Sie mich fertigmachen?“ – „Nur, wenn ich muss“: Hauptkommissarin Ellen Berlinger (Heike Makatsch) macht‘s kurz.

Quelle: ARD

Freiburg. Nein, nicht jeder Feiertags-Event-„Tatort“ muss zwingend ein Partykrimi sein. Da haben die herumfrotzelnden Ehegatten Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar oder der herumballernde Minimacho Til Schweiger in Hamburg möglicherweise falsche Erwartungen geweckt. Das geht schon in Ordnung, wenn mit der wachsenden Prominenz des „Tatort“-Personals nicht zwingend auch die Kalauerdichte im Drehbuch steigt. Aber muss es gleich so rätselhaft, so 100-prozentig humorfrei zugehen wie in diesem Trauer-Fall? Von der Düsternis dieses Krimis könnte ein halbes Dutzend ARD-Mittwochsfilme mühelos leben.

Es ist, als trage Heike Makatsch als Freiburger Kommissarin Ellen Berlinger nicht nur einen (echten) Babybauch mit sich herum, sondern gleich auch noch die Last der ganzen Welt. Es ist ein Irrsinnsballast aus Schicksalsschlägen und geplatzten Träumen, der auf ihren Schultern lasten muss, so grenzenlos traurig wirkt ihr Blick, so gebrochen-elegisch schleppt sie sich durch ein dunkles Freiburg fernab vom Butzenscheibenklischee. Weiter weg vom klebrigen Viva-Girlie-Image geht es kaum. „Sissi pappte an mir wie Grießbrei“, hat Romy Schneider mal gesagt. An Heike Makatsch pappte das Fräuleinwunder vom Musikfernsehen. „Alle haben eine Meinung zu dir, alle projizieren etwas in dich, das wenig mit dir zu tun hat“, sagte sie gerade dem „Stern“. Dass sie eine formidable Schauspielerin wurde, war ihre Flucht nach vorn.

Nun also: der „Tatort“. Und noch nie - nicht in „Hilde“, nicht in „About a Girl“ - war die Makatsch ein so bedrücktes Wesen wie in ihrem ersten Sonntagskrimi. 14 Jahre hat Ermittlerin Berlinger beim Bundeskriminalamt in London gearbeitet, nun kehrt sie zurück in die badische Heimat, wo sie ihre Tochter Nina (Emilia Bernsdorf) bei ihrer Mutter Edelgard (Angela Winkler) geparkt hat. Sie soll den Fall eines Jobcenter-Mitarbeiters aufklären, der mit einem Kabelbinder um den Hals tot an seinem Schreibtisch saß. Sein Zuständigkeitsbereich: Vermittlung von Sozialwohnungen. Gerade wollte er die Miete für Cornelia Mai (Julika Jenkins) und ihre 16-jährigen Tochter Melinda (stark: Rosemarie Röse) überweisen.

Nun droht beiden der Rausschmiss. Ihre Ermittlungen führen Berlinger tief ins Freiburger Prekariat, wo die Angst vor Miethaien, Behördenwillkür und Gentrifizierung umgeht. Der durchgeknallte Professor Kurani malt Fische an die Wand. Frau Mai tut wirklich alles, um nicht rauszufliegen, und eine pseudocoole Jugendgang schießt sich mit Würgespielchen ins Jenseits, um den ganzen Mist mal für fünf Minuten auszuhalten. Ausführlich erklärt der „Tatort“ das hochgefährliche „Biokiffen“, bei dem das absichtliche Wegdrücken des Sauerstoffs im Hirn einen kurzen Rausch auslöst. Mittendrin: Berlingers 16-jährige Tochter.

Es geht um Staatsversagen, Eifersucht, Abstiegsangst und „Realitätsverluscht“. Der Film von Regisseurin Katrin Gebbe („Tore tanzt“) ist sichtlich bemüht, Erwartungen zu brechen - tut mit Wackelkamera, blassem Graublau-Filter, dräuendem Synthesizern und dem ersten „Tatort“-Assistenten im Rollstuhl (Hendrick Koch als Max Thommes) aber avantgardistischer als er ist.

Makatsch trägt die eher konventionelle Story mühelos - als einsame Breisgauer Wölfin am Limit. Ihre undurchschaubare Kommissarin („Wollen Sie mich fertigmachen?“ - „Nur, wenn es sein muss“) ist eine starke Figur. Warum sie aber derart mit unaufgeklärtem Leid überfrachtet sein muss, klärt der Film nicht auf. Der SWR hat noch nicht entschieden, ob es einen zweiten Fall mit Ellen Berlinger geben wird. Sicher ist, dass er nicht in Freiburg angesiedelt wäre - dort übernehmen 2017 Eva Löbau, Hans-Joachim Wagner und Harald Schmidt.

„Tatort: Fünf Minuten Himmel“: Ostermontag, 20.15 Uhr, ARD.

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Heike Makatsch als Komissarin Ellen Berlinger.

Der Freiburger Feiertags-Tatort ist am Ostermontag bei der Netzgemeinde trotz einer überzeugenden Heike Makatsch und angeregten Diskussionen über die gedächtnissteigernde Wirkung von Marihuana durchgefallen. Besonders in einem Punkt sind sich die User auf Twitter einig: Sherlock entschädigt.

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