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Künstler kämpfen für den Videotext

Neue Ausstellung öffnet Künstler kämpfen für den Videotext

Der Videotext lebt: Das beweisen Künstler aus verschiedenen Ländern mit einer neuen Ausstellung, die der Fernsehzuschauer vom Sofa aus besuchen kann – auf Seite 800 des ARD-Videotextes. Es ist ein Plädoyer für ein veraltetes, aber weiterhin beliebtes Medium.

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Mit den minimalistischen Möglichkeiten des Teletextes programmiert: „Boar 2“ von Max Capacity, „Escape“ von Paula Lehtonen, „TeLenna“ von Ryo Ikeshiro und „Signal“ von Rich Oglesby (im Uhrzeigersinn).

Quelle: ITAF

Berlin. Finnland ist berühmt für seinen Hang zum Schrägen. Nicht nur die Band Leningrad Cowboys stammt von dort, auch den Sport haben die Finnen um eine Disziplin erweitert: den Gummistiefelweitwurf, eine zunehmend beliebter werdende Mannschaftssportart. Nicht minder kreativ sind die finnischen Künstler. Seit 2011 findet alljährlich im Sommer das Internationale Teletext Art Festival (ITAF) statt. Gründer und Kurator ist Juha van Ingen aus Helsinki.

Am heutigen Donnerstag startet das ITAF 2015. Bis 13. September zeigen 15 Künstler aus mehreren Ländern ihre Werke. Geschaffen haben sie sie mit den minimalistischen Möglichkeiten des Videotextes. „Stay Home“ lautet das Motto. Niemand muss die Couch verlassen, geschweige denn Eintritt zahlen oder auf Öffnungszeiten achten, um die Ausstellung zu besuchen. Es genügt, den ARD-Text auf Seite 800 aufrufen.

Elf Millionen Nutzer

Der Videotext, vor 40 Jahren von Briten erfunden, führt in der sogenannten Austastlücke ein inzwischen stiefmütterliches Dasein. Die Technik gilt als veraltet. Neue Fernseher leisten weitaus mehr. Kein Mensch muss heutzutage mit der Fernbedienung den Videotext und dort Seite 333 aufrufen, um zu erfahren, welcher Film gerade läuft. Die Wettervorhersage gibt es als App auf dem Smartphone, die Nachrichten und den Abflugplan vom nächsten Flughafen im Netz.

Doch auch 35 Jahre nach seiner Gründung als damals noch gemeinsames Angebot von ARD und ZDF nutzen nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung täglich elf Millionen Menschen Videotext, ob bei den Öffentlich-Rechtlichen oder den Privaten. Am beliebtesten übrigens ist die Fußballseite auf ARD-Videotext Seite 251. Wie sehr der Dienst nach wie vor zum Alltag vieler Menschen gehört, zeigte sich erst in diesen Tagen wieder, als Markus Beckedahl, der Betreiber des Blogs Netzpolitik.org, erzählte, wie seine Mutter von den Ermittlungen wegen Landesverrats gegen ihn erfahren hat: Sie hatte es im Videotext der ARD gelesen.

Künstler für ein Weiterbestehen

Dennoch droht dem Videotext das Aus. Die BBC hat ihn bereits abgeschaltet. Hierzulande jedoch gibt es ihn noch. Sogar im Netz und mobil ist er abrufbar. 1,7 Millionen Euro lässt sich das Erste den Service kosten. Erstellt wird er in Potsdam unter Federführung des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Nebenbei betreuen die 20 Redakteure auch die Angebote von MDR und SWR. Dazu gehört auch die Untertitelung von Sendungen und Filmen als Service für Gehörlose, was bisweilen auch für Hörende hilfreich ist, zum Beispiel bei nuschelnden Gästen von Live-Talkshows – und manchmal auch beim „Tatort“.

Die ITAF-Künstler verstehen ihre Arbeit auch als Kampf für das Weiterbestehen des Videotextes. Entstanden sind Porträts und Landschaften, Konkretes und Abstraktes, bisweilen erinnert das, was sie mit den wenigen, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln programmiert haben, an Street-Art (Weitere Werke online unter teletextart.com/itafpress). Das Format ist vorgegeben, zur Auswahl stehen lediglich sechs Farben sowie Schwarz und Weiß, jede Seite hat 24 Zeilen und 40 Spalten, und um die Farbe zu ändern oder ein Blinken einzufügen, muss jeweils ein Steuerzeichen gesetzt werden.

Der Charme des Retro-Looks

Die aus einem Jux entstandene Idee des ITAF mag schräg sein, stößt aber auf Interesse. Während der Festivalwochen im vergangenen Jahr riefen allein in Deutschland und Österreich eine Million Zuschauer die entsprechenden Videotext-Seiten auf. In diesem Jahr nehmen neben der ARD und Arte auch der ORF und das Schweizer Fernsehen teil. Der Gewinner des ITAF 2015 wird im September von einer Jury auf der Ars Electronica in Linz gekürt. Inzwischen gibt es sogar ein Museum, wie Juha van Ingen am Montagabend in Berlin erzählt hat. Allerdings handelt es sich nicht um einen Raum an einem konkreten Ort. Das Museum of Teletext Art (MUTA) besteht aus der Videotextseite 805, die YLE, der öffentlich-rechtliche Sender Finnlands, den Künstlern dauerhaft zur Verfügung stellt.

Mag die Optik als veraltet gelten, die Technik sowieso – der Retro-Look hat Charme. Das Medium Videotext sterben zu lassen wäre wie damals, beim Aufkommen der CD, als vielerorts alles Vinyl aus den Regalen verschwand. Inzwischen bereuen es viele. Längst gibt es nicht nur die Leningrad Cowboys als Vinyl zu kaufen. Wie dem aktuellen Kinoprogramm zu entnehmen ist, ist auch Pacman, der Pixel-Held der Achtzigerjahre-Videospiele, nicht unterzukriegen.

Von Ulrike Simon

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