Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 9 ° heiter

Navigation:
Im Schatten von arte

3sat feiert 30-jähriges Jubiläum Im Schatten von arte

Mit 3sat ist es wie mit McDonald’s, nur umgekehrt: Finden alle prima, dass es das gibt, aber kaum einer guckt zu. 3sat tut sich schwer, sich von seinem Ruf als Fernseh-Feigenblatt zu lösen. Eine Kritik von Imre Grimm.

Voriger Artikel
Als der Bürgerkrieg nach Oldenburg kam
Nächster Artikel
Dschungelcamp, Tannbach und Schuld

3sat-Moderatoren der ersten Stunde waren Mitte der achtziger Jahre (v. l.) Helmuth Bendt (ZDF), Dagmar Wacker (SRG) und Vera Russwurm (ORF).

Quelle: 3sat

Hannover. Das Gezeter ist inzwischen ein Stück Fernsehgeschichte. Und natürlich möchte jeder gern Teil der Fernsehgeschichte sein, auch der Kultursender 3sat, aber doch bitte nicht so: Da schimpfte also Marcel Reich-Ranicki beim Deutschen Fernsehpreis 2010 über die Frechheit, ihn als Preisträger in eine Reihe zu stellen mit all diesen „Köchen, Köchen, Köchen“, und maulte mit guten Argumenten: „Ich nehme diesen Preis nicht an!“ Er habe ja nichts gegen Fernsehen an sich, sagte Reich-Ranicki, 90 Jahre alt. Man könne zum Beispiel bei arte „manchmal sehr schöne, wichtige Sachen sehen. Ich habe auch früher häufig Wichtiges im 3sat-Programm gesehen - aber das hat sich jetzt geändert. Meist kommen da schwache Sachen.“

Schwache Sachen. Die tödliche Kritik des Großkritikers hält sich seitdem über dem Kultursender wie eine hartnäckige Schlechtwetterfront. Heute wird 3sat 30 Jahre alt. Und hat weiterhin zu kämpfen mit seinem Image als verplombtes Bildungsbiotop. Das Beste an 3sat, hat Tote-Hosen-Sänger Campino mal gesagt, sei die Wiederholung des ZDF-„Sportstudios“ in der Nacht zum Sonntag. Das ist ziemlich fies. Aber es deutet schon mal an, was für den kleinen Kultursender Fluch und Segen zugleich ist: 3sat sendet konsequent an der breiten Masse vorbei. Das ist so gewollt, führt aber eben doch dazu, dass die meiste Zeit quotenmäßig, nun ja, tote Hose herrscht.

Es gibt einen Begriff aus der Mathematik, der heißt „3-SAT“. Es handelt sich um - Achtung, Konzentration, bitte! - „eine Variante des Erfüllbarkeitsproblems der Aussagenlogik“, die sich mit der Frage beschäftigt, „ob eine in konjunktiver Normalform vorliegende aussagenlogische Formel F, die höchstens drei Literale pro Klausel erhält, erfüllbar ist“. So weit klar? Nicht? Dann geht’s Ihnen wie den meisten Menschen. Genau wie 3sat bleibt „3-SAT“ ein Mysterium, selbst für 3sat-Zuschauer. Dabei sind die wahrlich an randständige Wissensfragen aus den entlegenen Grenzregionen der Wissenschaft gewöhnt - von kaspischen Seegurkentauchern über balinesische Schamanen bis zu italienischer Betonbaukunst der Gegenwart.

Muss Kulturfernsehen zwingend Nischenfernsehen sein?

Mit 3sat ist es wie mit McDonald’s, nur umgekehrt: Finden alle prima, dass es das gibt, aber kaum einer guckt zu. Naturgemäß klingt das bei Geschäftsführer Gottfried Langenstein ganz anders, der von 3sat als einer „europäischen Plattform der Kultur und des Wissens“ schwärmt, die „so erfolgreich ist wie noch nie“. Richtig ist, dass es Programmspezialitäten gibt: die „Kulturzeit“ etwa, das einzige tägliche Kulturmagazin im deutschsprachigen Fernsehen, dazu gelegentlich hübsche Dokus und rare Spielfilme, das 3satfestival und „Puffpaffs Happy Hour“, eine der wagemutigsten und erfreulichsten Kabarettplattformen im deutschen Fernsehen. Tatsächlich aber wird vielen die Existenz von 3sat immer erst wieder bewusst, wenn der Sender einen seiner 24-Stunden-Popmarathons veranstaltet. 3sat wolle „denjenigen, die sich den ganzen Tag lang aus dem Internet Bild- und Zahlenmaterial reingeschaufelt haben, am Abend die Möglichkeit geben, das auszuarbeiten und einzuordnen“, sagte Langenstein vor fünf Jahren zum 25. Geburtstag. Heute klingt er etwas digitaler: „Die Internet-Generation ist ausgesprochen neugierig und sucht das ,Abenteuer Denken’“, lobt (beziehungsweise hofft) er. Aber der 3sat-Motor stottert. Österreich kürzte seinen Finanzanteil 2013 um schmerzhafte 40 Prozent. Die ARD dachte 2004 sogar über einen kompletten Ausstieg nach.

3sat tut sich schwer, sich im Schatten von arte von seinem Ruf als Fernseh-Feigenblatt zu lösen. Das Bildungsbürgertum rechtfertigt mit der gelegentlichen Wahrnehmung des arte- und 3sat-Programms gern Besitz und Verwendung eines (igitt!) Fernsehgerätes. Und ARD und ZDF verweisen kühl auf die Kulturableger, wenn mal wieder jemand jammert, sie würden ihren Kulturauftrag vernachlässigen. Was wollt ihr denn?, heißt es dann. 3sat zeigt sogar Oper und Theater. Und Tanz! Und Ballett! Wo gibt’s denn das noch? Man könnte allerdings genauso gut fragen: Warum?

Muss Kulturfernsehen zwingend Nischenfernsehen sein? Ist es nur dann „gültig“? Liegt es wirklich daran, dass sich so wenig Menschen für Kultur interessieren? Oder daran, dass 3sat vielleicht doch nicht der beste denkbare Kultursender ist? Zwar arbeitet man an der Modernisierung des eigenen Kulturbegriffs, hat erkannt, dass nicht nur Ingeborg-Bachmann-Preis, Rezitativ und Verdi dazugehören, sondern auch Pop, Comics, Szene und Poetry Slam. Doch während arte sich erfolgreich um Niedrigschwelligkeit bemüht, ohne seinen Anspruch zu verlieren, fehlt 3sat die Ausstrahlung von fröhlicher Kultur-Nerdigkeit. Wo bleibt das zeitgemäße, junge Wissensmagazin? Welcher 3sat-Macher kippt mal den Götzen Theater? Welche 3sat-Show nimmt Pop mal so ernst wie Klassik? Und wann hört 3sat damit auf, nur diejenigen zu umwerben, die eigentlich gar nicht fernsehen wollen?

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
Das waren die MTV Video Music Awards 2016

US-Superstar Beyoncé räumt den Hauptpreis ab, auch Rihanna freut sich über den begehrten "Monnman" und Britney Spears feiert ein gelungenes Comeback – die besten Bilder von den MTV Video Music Awards sehen Sie hier.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen