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„Für Böses gibt es kein Erbarmen“

Lars Eidinger im Interview „Für Böses gibt es kein Erbarmen“

Den meisten TV-Zuschauern ist er als „Tatort“-Mörder oder als Transvestit im „Polizeiruf 110“ bekannt. Lars Eidinger im Interview über den heutigen ARD-Film „Der Prediger“, Doppelmoral und Neid.

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Lars Eidinger im ARD-Film "Der Prediger".

Quelle: ARD

Lars Eidingergilt als Experte für extreme und abgründige Charaktere. Als „Hamlet“ sorgte der 38-Jährige auf der Theaterbühne für Furore, sein Durchbruch gelang ihm mit dem Kinofilm „Alle Anderen“. Den meisten TV-Zuschauern ist er als „Tatort“-Mörder oder als Transvestit im „Polizeiruf 110“ bekannt. Im heutigen ARD-Film „Der Prediger“ spielt Eidinger den Frauenmörder Jan-Josef Geissler, der im Gefängnis die Nähe zu Gott gefunden hat und Theologie studieren will. Ein Film über Schuld, Vergebung und die Bedeutung von Religion und Glauben.

„Der Prediger“ ist ein sehr ernsthafter Film, der sich mit religiösen Kategorien wie Schuld und Vergebung befasst. Wie oft kommt es vor, dass man Dreh­bücher dieser Qualität bekommt?
Meistens werden diese Fragen nur an der Oberfläche touchiert. In „Der Prediger“ hatten wir Spielszenen, die über neun Minuten gingen. So etwas muss man sich als Filmemacher und als Produzent erst mal trauen – gerade im Fernsehen, wo alle Angst haben, dass der Zuschauer sofort wegzappt, wenn kein Schnitt kommt.

Der Film beruht auf einer realen Geschichte. Haben Sie sich damit im Vorfeld beschäftigt?
Ich habe das nicht recherchiert. Grundsätzlich versuche ich mich als Spieler davon frei zu machen. Bei so abgründigen Charakteren versuche ich eher, der Boshaftigkeit in mir selber nachzuspüren.

Ist Geissler denn ein abgrundtief böser Mensch? Vor dieser Frage steht der Zuschauer ja die ganze Zeit.
Dazu passt ein Satz aus Hamlet: „Es gibt nichts Gutes oder Böses, es sei denn, das Denken macht es dazu.“ Aus meinem Unrechtsbewusstsein heraus ist aber jemand, der eine Frau von der Klippe schubst, eindeutig böse. Viel wichtiger als die Schuldfrage ist deshalb die Frage, die Geissler am Ende stellt: „Könnten Sie mir verzeihen, wenn ich Ihre Tochter umgebracht hätte?“ An diesem Punkt kommt der Glaube ins Spiel.

Welche Rolle spielen Gott und Glauben in Ihrem Leben?
Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil mir das alles zu bigott war. Wobei ich mich nicht ausnehmen möchte. Nur kann ich mich nicht guten Gewissens in eine Kirche setzen und so tun, als wäre alles in Ordnung und ich mit mir im Reinen. Denn das bin ich nicht. Die Diskrepanz zwischen theoretischer und praktischer Religion finde ich eklatant und eigentlich nicht auszuhalten. Das ging mir etwa so, als ich vor einiger Zeit im Petersdom war. Auf dem Weg dorthin kriechen die Bettler vor mir rum, und die Geistlichen steigen über sie hinweg. Dann steht man ehrfurchtsvoll im Dom, und das Gold klebt an der Decke. Wer setzt sich da schon hin und betet für etwas Uneigennütziges wie den Weltfrieden? Die meisten beten doch nur für ihre nächste Gehaltserhöhung.

Die Schlüsselfrage im Film lautet: „Darf ein verurteilter Mörder Pfarrer werden?“ Was meinen Sie?
Auf keinen Fall.

Warum nicht?
Weil er alles, was mit Milde zu tun hat, verloren hat. Leute, die andere umbringen und Familien ins Unglück stürzen, gehören eingesperrt. Wenn man Scheiße baut, muss man dafür bestraft werden. Das fühlt sich für mich am gerechtesten an. Alles andere weicht das nur auf. Natürlich gibt es Zwänge oder Ängste, die Leute dazu treiben, Böses zu tun. Aber das ist nicht mehr als eine Erklärung und keine Entschuldigung.

Das Gerede über den lieben Gott, der jedes Schäfchen zu sich holt, ist also die eigentliche Doppelmoral der Kirche?
Deswegen bin ich ausgetreten. Wenn man sich das Alte Testament anguckt, heißt es: „Wehe euch, die ihr jetzt reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ Und wer Böses tut, der wird bestraft – da gibt es kein Erbarmen. Der strafende Gott aus dem Alten Testament ist mir auf jeden Fall näher, weil er keine Erklärung braucht und sich über moralische Maßstäbe hinwegsetzt. Es gibt Grenzen, die man nicht unterschreiten darf, sonst muss man die Konsequenzen tragen.

Stellt das Fernsehen zu wenig ernsthafte Fragen?
Zumindest ist es leider sehr selten, dass man sich gewissen Themen auch mit einer entsprechenden Ernsthaftigkeit widmet. Die gängige Form ist ja, dass man sich ernsten Stoffen mit Zynismus oder Ironie nähert. Das stößt mir immer mehr auf, auch wenn ich über den Quatsch natürlich lachen kann. Aber letztlich machen wir uns doch viel zu selten bewusst, wie viel Schuld auch wir im Alltag auf uns laden – ich nehme mich da gar nicht aus.

Für den „Prediger“ standen Sie mit Devid Striesow vor der Kamera. Wie war die Zusammenarbeit?
Ich tue mich schwer damit, wenn ich zur Lobhudelei aufgefordert werde. Aber Devid finde ich großartig. Es gibt viele Kollegen, die finde ich überschätzt, oder ich bin eifersüchtig. Bei Devid war das nie so.

Sie sind noch neidisch?
Klar doch. Also, ich bin nicht rasend eifersüchtig, aber Daniel Brühl beneide ich sehr um seine Golden-Globe-Nominierung. Obwohl ich ihn sehr schätze, denke ich: „Wie, kriegt der jetzt einen Oscar!?“

Da können Sie ruhig schlafen, den bekommt er ja nicht.
Ich weiß (lacht). Aber das ist doch ein sehr menschliches Gefühl.

Interview: Nora Lysk

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