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„Jetzt kommt eh nichts mehr, also – abschalten“

Abschied von Peter Lustig „Jetzt kommt eh nichts mehr, also – abschalten“

Welterklärer und Kindheitsbegleiter: Der frühere „Löwenzahn“-Moderator Peter Lustig ist tot. Ein Nachruf auf einen Mann, der nicht mehr brauchte als eine Latzhose, einen Bauwagen und ein großes Herz, um zur Marke zu werden.

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Im Alter von 78 Jahren gestorben: Peter Lustig.

Quelle: ZDF/Wolfgang Lehmann

Mainz. In einer großen Stadt im Norden Deutschlands lebt ein Radiomensch, der sich dienstlich Mr. Happy nennt. Mr. Happy verfügt über einen himmelblauen Anzug und jene sonnengebräunte Überdrehtheit, die Radiomenschen oft so anstrengend macht. An Mr. Happy ist fast alles falsch. Der Name. Der Anzug. Die Laune. Es gibt sehr viele Mr. Happys in dieser Welt.

Mit Latzhose und Nickelbrille hat er mehrere Generationen von Kindern begeistert. Jetzt ist der "Löwenzahn"-Moderator Peter Lustig im Alter von 78 Jahren gestorben.

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An Peter Lustig dagegen war nichts falsch. Er brauchte keinen mopsfidelen Künstlernamen. Keine blauen Anzüge. Keine aufgesetzte Ekstase und künstliche Juvenilität. Peter Lustig hieß genau so: Peter Fritz Willi Lustig. Er trug Nickelbrille und Latzhose, mit Kulis vorne drin. Und es gab wenig im deutschen Fernsehen, was so echt und so liebenswürdig war wie die geduldige Freundlichkeit, mit der Peter Lustig in seinem blauen Bauwagen Generationen von Zuschauern die Mysterien der Welt erklärte. Singend. Brummelnd. Sinnierend. Immer neugierig. Peter Lustig war das Gegenteil aller Mr. Happys dieser Welt.

Er hinterlässt vier Kinder, neun Enkel und Millionen Fühl-Enkel

Am Dienstag ist er in seinem Haus in Husum gestorben. Lungenkrebs. Seit 1984 hatte er nur noch einen Lungenflügel. Ohne seinen Spazierstock mit Silberknauf kam er seit Jahren nicht voran. Er hinterlässt vier Kinder, neun Enkel – und Millionen Fühl-Enkel, die um einen Kindheitsbegleiter, Welterklärer und Kumpanen trauern. „Ich habe immer versucht, die Figur Peter Lustig in Deckung zu bringen mit mir selbst“, hat er mal gesagt. „Ich kann ja nur den Lustig.“

Die Gesetzmäßigkeiten des Fernsehens sind eine Herausforderung an jede Persönlichkeit. Das Medium fordert seinen Tribut, es zwingt zur Anpassung an bestimmte Parameter. Umso dankbarer  muss man sein für jeden Menschen, der sich diesem Konformitätszwang verweigert. Zyniker konnten sich leicht erheben über die rumpelige Altachtundsechziger-Idylle in Peter Lustigs verhutzeltem Gärtchen im fiktiven Bärstadt im Taunus (in Wahrheit stand der Bauwagen in Berlin). Über diesen vermeintlichen Alt-Öko mit seinen putzigen Naturidealen, der exakt in jenem Jahr in seine Butze zog, in dem die Grünen gegründet wurden. Das war natürlich kein Zufall. Peter Lustig spiegelte die Rückbesinnung der Gesellschaft auf den Reichtum und die Bedürfnisse der Natur. Er versöhnte in seiner Sendung mit dieser soghaften Trösterstimme die Träumer mit den Technikern, die Humanisten mit den Naturwissenschaftlern. Ein Aussteiger und Müsli-Maniac aber war er nie.

Zum Vorsprechen kam er in Latzhose

Ein paar Jahre reparierte Lustig, 1937 in Breslau geboren, als gelernter Rundfunktechniker Fernsehgeräte, bevor er beim US-Radiosender AFN als Toningenieur anfing. Als John F. Kennedy im Juni 1963 seine berühmte Rede hielt („Ich bin ein Berliner“), war Peter Lustig der verantwortliche Tontechniker. 1973 begann er, mit dem Robotervogel Atze in der „Sendung mit der Maus“ Technik zu erklären („Peter und Atze“), bevor ihn das ZDF 1979 für die Kindersendung „Pusteblume“ engagierte, die ab 1980 „Löwenzahn“ hieß. Schon zur ersten Vorbesprechung kam er in Latzhose.

Peter Lustigs Geheimnis war, stets so zu klingen, als ereile auch ihn selbst die Erkenntnis erst im Moment des Erklärens – also exakt parallel zu seinen kleinen Zuschauern. „Das hier ist die Hand des Affen, hmm? Die Hand war sein Hammer, ne? Und seine Zange“, murmelte er. „Ja, und überhaupt – diese ganzen Knöchelchen, wisst ihr, das ist doch ein Wunder der Technik, ne? Also: der Natur.“ Man dürfe sich bei Kindern nicht einschmeicheln, das war sein Credo. „Das merken Kinder schneller als Erwachsene.

In zweiter Ehe war er mit Elfie Donnelly verheiratet, der Erfinderin von „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“. Zur Hochzeit trug er eine schwarze Latzhose. „Kinder stören und sind klebrig“, sagte er 2002 mal, Ursprung der hartnäckigen Legende, er möge in Wahrheit keine Kinder. Gemeint war: Bei der Arbeit wünsche er Ruhe.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die legendäre Langsamkeit von „Löwenzahn“ sei „ein Ergebnis meiner Dickköpfigkeit“, sagte Lustig. Rundherum poppte grelles, globalisiertes Kinderfernsehen auf, während Lustig weiter in dieser gutmütigen Märchenonkelhaftigkeit mit seinem Nachbarn Hermann Paschulke (Helmut Krauss) palaverte, dem spießigen Gegenhelden mit akkurat gestutztem Rasen neben dem wuchernden Wunschgarten des Latzhosentüftlers. Zweimal gab’s dafür den Grimme-Preis, bis sich Lustig 2005, nach 25 Jahren, mit schmerzendem Körper zurückzog. 2006 übernahm Guido Hammesfahr alias Fritz Fuchs.

Lustigs „Löwenzahn“ war behutsames, kindgerechtes, unschuldiges Fernsehen, im besten Sinne aus der Zeit gefallen. Legendär seine Verabschiedung in jeder Sendung: „Und jetzt: Abschalten!“ Warum hat ein Hund vier Beine? Was ist Glück? Warum gibt es Gewitter? Warum ist Peter Lustig tot? Es gäbe noch so viel zu erklären.

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