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Fernsehen „Auslöschung“ – Sci-Fi-Hit bei Netflix
Nachrichten Medien Fernsehen „Auslöschung“ – Sci-Fi-Hit bei Netflix
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18:46 08.03.2018
Schockierende Zahnsituation: Biologin Lena (Natalie Portman) untersucht einen mutierten Alligator.  Quelle: Foto: Netflix
Los Gatos

 Es ist die klassische Ankunft des Unheils auf Erden in Science-fiction-Filmen. Etwas stürzt vom Himmel, in den Farben des Regenbogens schlägt das nicht näher definierte Ding in einem Leuchtturm ein. Der Anfang des „Schimmers“, eines irisierenden Phänomens, das sich stetig ausbreitet.

 Militärische Expeditionen in sein Inneres scheitern, niemand kehrt von dort zurück, bis schließlich doch einer wieder auftaucht, der Ehemann der Biologin Lena. Jeber Kane erscheint aus dem Nichts, hat kaum Erinnerungen, ein zerrütteter Geist, ein traumverlorenes Wesen in einem schwer verletzten Körper. Dass er einen Auftrag hat, weiß niemand, auch er selbst nicht.

Fünf Gezeichnete durchqueren die Area X

Lena (Natalie Portman) begibt sich mit vier Frauen in die Area X, um sie zu durchqueren und zu ergründen, was ihrem Mann (Oscar Isaac) widerfahren ist. Unter Führung der Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh) begeben sich die Physikerin Josie Radek (Tessa Thompson), die Geomorphologin Cass Sheppard (Tuva Novotny) und die Sanitäterin Anya Thorensen (Gina Rodriguez) in die verbotene Zone. Alle fünf Frauen sind von seelischen und körperlichen Wunden, von Verlusten und Traumata Gezeichnete, die in Kauf nehmen, dass ihre Wissenschaftsmission zu einer Reise ohne Wiederkehr werden könnte.

Der britische Regisseur Alex Garland hat den ersten Band von Jeff VanderMeers „Southern Reach“-Romantrilogie verfilmt. Das Skript entstand vor den Fortsetzungen des Buchs, Garland hat sich Freiheiten mit dem Stoff erlaubt, die seiner filmischen Umsetzung frommen und nicht (unbedingt) auf eine Fortsetzung abzielen. In den USA lief der Film Ende Februar in den Kinos an, in China ist ein Kinoeinsatz geplant, im Rest der Welt aber braucht man ein Netflix-Abo, um ihn sehen zu können. Das Studio Paramount hat die internationalen Rechte an den Streamingdienst verkauft. Kaum zu glauben.

Netflix hat mit „Auslöschung“ ein Genre-Juwel im Programm

Denn waren Netflix‘ filmische Eigenproduktionen bislang eher vom Starrummel befeuerte Events der erzählerischen Geht-so-Klasse, schimmert hier ein echtes Genre-Juwel, ein potenzieller Klassiker der Science-Fiction. Der Regisseur und Autor, der 2014 das Künstliche-Intelligenz-Drama „Ex Machina“ in die Kinos brachte, schildert in seinem zweiten Film eine neue Variante des Themas einer unheimlichen Begegnung der dritten Art.

Glaubt man dem Fachblatt „The Hollywood Reporter“, erweckten Testvorführungen im vorigen Sommer den Eindruck, der Film könne „zu intellektuell“ für ein Massenpublikum sein. Gute Story, gute Dialoge, gute Schauspielleistungen – zu viel Qualität fürs gemeine Volk? Ein Glück für Stanley Kubrick, dass man dasselbe 1968 nicht mit seinem Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ veranstaltete – probeweise nachzuschauen, wie‘s denn die Popcorn-Grenadiere unter den Filmfreunden wohl goutieren.

„Auslöschung“ spielt in der „2001“-Klasse

In der „2001“-Klasse spielt „Auslöschung“ denn auch und nicht etwa in der Sparte „gute Unterhaltung in fantastischen Welten“, wie sie „Star Wars“, „Star Trek“ und ähnliche Filme bieten, von den debileren Kassenmagneten des Genres wie „Transformers“ und „Pacific Rim“ zu schweigen.

Dabei wird dem Sci-Fi-Fan, der auf der Leinwand ja immer gern Dinge erblickt, die kein menschliches Auge je gesehen hat, durchaus einiges geboten. Von dem Moment an, in dem ein riesiger Albino-Alligator mit mutiertem Gebiss eine der Frauen in eine halb im Fluss versunkene Fischerhütte zerrt, sind die Zuschauer mit den Heldinnen in einem der beunruhigendsten Horrorlande der Filmgeschichte.

Alle Verbindungen nach außen sind gekappt, die Kompassnadel tanzt Schwanensee und überall lauern Gefahren. Das Monströse nimmt dabei betörende und verstörende Gestalt an. Als die Frauen dann auf einer Lichtung auf Büsche in Menschenform treffen, dämmert ihnen die Größenordnung der Bedrohung. „Würden wir diese Pflanzen untersuchen, würden wir im Genpool menschliche Hox-Gene finden“, mutmaßt eine der Frauen. Jene Gene, die für die Gestalt verantwortlich sind, die ein Lebewesen annimmt.

Zwei Spezies, die einander nicht begreifen können

Wie am Ende von „2001“ sieht sich der menschliche Verstand auch in „Auslöschung“ mit einer Macht konfrontiert, die über seine bisherigen Verstandesgrenzen hinausgeht. Die Annäherung an das Fremde ist so unmöglich, als wolle eine Stubenfliege den Menschen begreifen.

Das nichthumanoide, gestaltlose Alien in Garlands Film erscheint allerdings weniger als möglicher Gott wie bei Kubrick. Man neigt eher dazu, es sich wie ein neugieriges Sternenkind vorzustellen, das nicht in der Lage ist, die niederen Menschen und das Prinzip Individuum nachzuvollziehen. Man kann es weder gut noch böse nennen, vielmehr scheint das Fremde im Versuch, sich auf alles einen Reim zu machen, mit seiner DNA-Jonglage alles durcheinander zu bringen.

Ein Film, in dem der Regisseur nicht mehr weiß als seine Protagonisten und in dem auch der Zuschauer auf beider Höhe bleibt und bleiben muss. Das Ende ist für die Menschheit dann nur vermeintlich happy, es lässt einen mit einem unangenehmen Gefühl zurück. Ein neuer biblischer Morgen zieht herauf und man ahnt, dass es für die alte führende Spezies des Planeten fünf Sekunden vor zwölf ist.

Von Matthias Halbig / RND

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