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Fernsehen Deshalb ändert #verafake nichts am Reality-TV
Nachrichten Medien Fernsehen Deshalb ändert #verafake nichts am Reality-TV
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00:15 28.05.2016
Mit wenig Geld viel Quote: "Schwiegertochter gesucht" (o. l. im Uhrzeigersinn) und "Bauer sucht Frau" (beide RTL), "Schwer verliebt" (Sat1). Quelle: RTL, Sat1
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Hannover

Frau Bleicher, Sie forschen seit Jahren zur Authentizität von Reality-TV. Glauben eigentlich die Zuschauer noch, dass in Shows, wie "Schwiegertochter gesucht" oder "Bauer sucht Frau" die Wirklichkeit abgebildet wird?
Aus meiner Sicht greift da ein Fiktionspakt. Das heißt: Man ist bereit, für die Dauer der Sendung, das, was man da sieht, als real zu akzeptieren. Und das scheint die Haltung der meisten Zuschauer zu sein. Es gibt natürlich einige, die etwa Darsteller in "Frauentausch" auch als dokumentarisch wahrnehmen, wie Anfeindungen gezeigt haben.

Demnach haben Sie die erstaunten Reaktionen auf die Enthüllungen des "Neo Magazins Royale" zu Tricksereien bei "Schwiegertochter gesucht" nicht überrascht?
Die Reaktionen zeugen davon, dass die Sender und Produktionsfirmen natürlich wenig auf Transparenz setzen – damit die Illusion der Zuschauer erhalten bleibt. RTL weiß sehr genau, wie die Sendung produziert wird, und tat sehr überrascht. Dann wechselt man Produktionsteams oder Redaktion aus, um in der gleichen Art und Weise weiterzuarbeiten. Die Produktionsbedingungen haben sich seit Jahren nicht geändert.

Und das, obwohl es durchaus schon Fälle gab, bei denen sich Reality-TV-Kandidaten gewehrt haben.
Es gab einen Prozess um eine Kandidatin aus der Sat.1-Sendung "Schwer verliebt", die auch recht bekam, als sie sich gegen ihre Darstellung in dem Format gewehrt hat. Auch bei "Frauentausch" gab es immer wieder Kontroversen, über die auch berichtet worden ist.

Zur Person

Joan Bleicher (56), Professorin für Medienwissenschaften an der Universität Hamburg, beschäftigt sich seit den 1990er Jahren in Forschungsprojekten mit dem Reality-TV – von "Notruf" über "Big Brother" bis hin zu "Schwer verliebt". Ihrer Meinung nach kann es kein "reales" Erzählen im Fernsehen geben, da im Moment des Filmens immer schon eine Auswahl getroffen wird, welche die Realität verfälscht.

Wenn diese Dinge so bekannt sind – warum ändert sich dann nichts?
Es ist die beste Art, mit ganz wenig Geld viel Quote zu machen. Um Medienethik scheint man sich bei den Produktionsfirmen und bei den Sendeanstalten wenig zu kümmern. Bei der Programmproduktion geht es eher um ökonomische Kriterien.

So läuft das ja auch bei den Knebelverträgen. Die Kandidaten bekommen nur sehr wenig Geld.
Es gibt eine Reihe von Produktionsfirmen, die sogar gar nichts mehr zahlen. Die meisten Leute wollen ins Fernsehen – warum auch immer, das erschließt sich mir nicht. Die Kandidaten lesen dann die Verträge nicht richtig. Wenn die Dreharbeiten beginnen, sind die Bedingungen meist ganz anders, als die Kandidaten sich das vorgestellt haben. Viele Laiendarsteller sind der Überzeugung, dass sie selbst bestimmen können, wie sie sich inszenieren. Wenn sie die Dreharbeiten abbrechen wollen, hält ihnen der Realisator den Vertrag hin – und dann wird sehr schnell deutlich, dass sie bei vorzeitigem Drehabbruch die gesamten Produktionskosten zahlen müssen. Weil ihnen das häufig nicht möglich ist, wird weitergedreht.

Funktionieren alle Realityshows nach dem Grundprinzip "schlichter Kandidat dient als Lästeropfer, über das sich Zuschauer erheben können"?
Es gibt schon Shows, wie "Schwiegertochter gesucht" oder "Schwer verliebt", die nach genau diesem Prinzip verfahren. Andere funktionieren nach anderen Prinzipien – das hängt vom Thema ab. Renovierungssendungen etwa drücken auf die Tränendrüse, da geht es um die tragischen Schicksale. Da macht man sich nicht über die Kandidaten lustig, da weint man über so viel Tragik. Es gibt je nach Show sehr unterschiedliche Emotionen, die adressiert werden.

Wird die Darstellungsweise im Reality-TV in Zukunft noch extremer werden?
Ja, die Sender müssen ja den sinkenden Quoten entgegenwirken. Und auch bei "Frauentausch" haben sie irgendwann gemerkt, dass man mit sogenannten asozialen Familien mehr Quote erreichen kann. Dann wurden die Charaktere zugespitzt. Die dramaturgische Zuspitzung ist notwendig, um den Reizverfall der Formate zu verhindern.

Interview: Lena Modrow

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