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Ende eines großen Missverständnisses

Günther Jauch beendet ARD-Talkshow Ende eines großen Missverständnisses

Am Sonntag moderiert Günther Jauch seinen letzten ARD-Sonntagstalk – niemand ist darüber glücklicher als er selbst. Eine Analyse über einen Entertainer, der als Inquisitor völlig falsch besetzt war. Eine Analyse von Imre Grimm.

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"Im Fernsehen ist alles leichter als im Leben": Bei "Günther Jauch" sah es selten so aus.

Quelle: Imago (Archiv)

Berlin. Selbst einer wie Günther Jauch braucht mal einen Joker. Einen, der die Antwort kennt, wenn der Kandidat nicht weiterweiß. Zum Beispiel bei der Eine-Million-Euro-Frage, ob es eine gute Idee ist, nach dem "Tatort" eine Talkshow zu moderieren. 2007 war das, die ARD hatte lange und gründlich an Jauch herumgebaggert, die Verträge lagen unterschriftsreif auf dem Tisch, aber Jauch zögerte. Die Gremien, die Reinquatscher, machten ihm Sorgen. Was tun? Jauchs Telefonjoker hieß Loriot. Vicco von Bülow, damals 84, hatte einen heißen Tipp, wie Jauch später erzählte: "Er meinte, man solle erst unterschreiben und sich dann nicht daran halten."

Die Sache platzte dann doch. Jauch sah sich als "Spielball absurder Interessen", hatte keine Lust darauf, "dass sich regelmäßig zehn ARD-Chefredakteure über jeden Satz gebeugt hätten". Seine "Gremien voller Gremlins" sind als geflügeltes Wort in die deutsche Mediengeschichte eingegangen.

Und auch die Sache mit den Archivöffnungszeiten hatte ihn zermürbt. "Da sollte ich für eine aktuelle Sonntagabendsendung akzeptieren, dass ab Freitagnachmittag wegen fehlender Planstellen kein Filmmaterial mehr abrufbar sei." Bürokratenbande!

156-mal durch die Sendung geführt

Der Zorn verrauchte. Vier Jahre später wurde man handelseinig. 2011 verdrängte Jauch Anne Will. An diesem Sonntag moderiert Günther Jauch zum letzten Mal die Talkrunde, die seinen Namen trägt. 156-mal hat er dann durch die Sendung geführt. Oder besser: hätte er führen sollen.

Denn das erweist sich als größte Schwäche des Mannes, der zwar heftige Zweifel am ARD-internen Pluralismus hegte, nicht aber an seinen Fähigkeiten als politischer Journalist. Lange Zeit galt Jauch – Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München – als "ernsthafter" Journalist, den das Schicksal und die Überredungskünste seines Kumpels Thomas Gottschalk ins Unterhaltungsfach verschlagen hatten.

Sonntags 21.45  Uhr war dann für jeden sichtbar, dass es sich genau umgekehrt verhielt: Hier saß ein Entertainer, der als Inquisitor völlig falsch besetzt war. Die Beine verknotet. Der Oberkörper verkrampft. Die Karten zum Schutz vor den Bauch gepresst. So saß er da, der ganze Jauch ein menschliches Fragezeichen.

"Freunde, wir lassen das."

"Der hat Nehmerqualitäten", hat Jauch mal über Oliver Pocher gestaunt. "Der hat jahrelang so viel auf die Nuss gekriegt und scheint das einfach weggesteckt zu haben. Diese Fähigkeit geht mir völlig ab. Ich würde relativ schnell sagen: Freunde, wir lassen das."

Freunde, wir lassen das. So ähnlich wird es sich angehört haben, als Jauch im Juni in seiner Firma i&u TV das Aus seines Sonntagstalks verkündete, trotz eines neuen Vertragsangebotes der ARD. Er wollte nicht mehr.

Er hat keine Lust darauf, dass die Transparenz-Offensive von ARD und ZDF dazu führt, dass sein Gehalt öffentlich wird. Und er hat die Nase voll vom Bekritteltwerden, vom Genörgel bei Twitter, wo Tausende in einem großen Gesellschaftsspiel Woche für Woche erst den "Tatort" und dann den "Jauch" zerlegen.

Jauch, der Zuschauerliebling

Jauch ist es gewohnt, dass man ihn liebt. Umfragen sehen ihn regelmäßig als Bundeskanzler, Bundespräsidenten, beliebtesten Moderator – nur das Papstamt war noch nicht im Gespräch. In der Blüte seines RTL-Quiz versammelte er in einer Woche 30 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher.

"Der Günther vermittelt dem Publikum den Eindruck, dass er eigentlich gar nicht ins Fernsehen gehört", sagte Gottschalk mal. "Aber weil er schon mal da ist, nimmt er das Kreuz halt auf sich. Dafür lieben ihn die Leute."

Am Ende wirkte es, als sei Jauch auch deshalb mit falschen Erwartungen in die ARD-Sendung gegangen. Als habe er gedacht: Ein bisschen wärmendes Palaver für die bettschwere, zum Umschalten zu faule Krimi-Kundschaft – das kriegst du locker hin!

Botschafter der Behaglichkeit

Gelegentlich schien es, als habe sich Jauch in seinem Berliner Gasometer gedanklich komplett aus seiner eigenen Show abgemeldet. Und wenn er denn da war, vorgebeugt, Expertise ausstrahlend, dann durfte kein Misston die Harmonie stören, keine strenge Frage. Jauch war ein Botschafter der Behaglichkeit, der lieber nach dem Befinden fragte als nach den Fakten.

Er galt immer als großer Versöhner der Milieus. Einer, der die Hausmusikfraktion in Hamburg-Harvestehude ebenso erreichte wie die Plastiktütenträger in den Einkaufszentren. Aber Jauch fragte selten als Jauch, flüchtete sich in politische Scharaden ("Ich bin jetzt mal Euro-Skeptiker ...").

Er wirkte wie ein saturierter Junker, der keinen Anlass sieht, die Verhältnisse infrage zu stellen. Nur ist Konfrontationsverweigerung keine Schlüsselkompetenz für Talkmaster.

Kritik vom Rivalen Plasberg

"Du kannst nicht der gefühlte Bundespräsident sein und ein kantiger ernster Journalist", sagt einer, der ARD-intern zu Jauchs schärfsten Rivalen gehörte: Frank Plasberg ("Hart aber fair"). "Ich beneide Günther Jauch. Diese Reflexe, dieser Dackelblick, dem kann keiner böse sein. Aber das lässt sich eben nicht vereinen mit der Aufgabe eines konsequenten Fragers."

Das Problem: Jauchs Erwartungen an sich selbst waren andere. "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker!", sagte er dem "Zeit-Magazin". "Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Bei Jauch landete der Ball auf der Tribüne, an der Latte, beim Gegner – aber selten im Tor.

AfD-Mann entblößt Jauchs Schwächen

Meist ließ er laufen, das war fatal. Etwa, als er sich im Oktober von AfD-Mann Björn Höcke abkochen ließ. Schweigend, staunend, hörte Jauch zu, wie Anja Reschke, eigentlich Talkgast, plötzlich Notmoderatorin, den Deutschlandfähnchen schwenkenden Höcke ("Das Volk hat Angst") zurechtwies. Mit Negativität kann er nicht umgehen. Er ist zu Schmerzen nicht aufgelegt.

"Im Fernsehen ist alles leichter als im Leben", hat er mal gesagt. Menscheln allein aber reicht nicht, sonntags im Ersten. Jauch ist, kein Zweifel, ein hochsympathischer, politisch interessierter Mensch, ein Virtuose des richtigen Tons. Als politischer Journalist aber ist er ein großes Missverständnis. Die Sonntagsrunde im Ersten – 1998 von Sabine Christiansen etabliert – wirkt ja, als existiere sie seit kurz nach dem Krieg. Das verleitet dazu, sich auf die Macht der Gewohnheit zu verlassen. Wird schon einer gucken.

Talkfernsehen in einer neuen Dimension

Aber die Ansprüche an das Talkfernsehen haben sich verändert. Es konkurriert mit Hunderten, teils hochspezialisierten Quellen und ist nur erfolgreich, wenn es die Balance zwischen Präzision, Strenge, Relevanz und Unterhaltung schafft. Präzision war nicht die Stärke von "Günther Jauch" – etwa, als die Redaktion das Mittelfinger-Video des damaligen griechischen Finanzministers Gianis ­Varoufakis aus dem Kontext riss oder Jauch Gerüchte aus dem Vorleben von Bettina Wulff kolportierte.

Jauch macht Platz für Will

Dass er sich nun auf seine Weinberge  an der Saar und auf RTL konzentriert, ist konsequent. Ernsthaft bedauern wird es niemand. Schon gar nicht Anne Will, die auf ihren angestammten Sendeplatz zurückkehrt. "Auch RTL ist eine attraktive Frau", hat Jauch mal gesagt, "manchmal mit etwas zu knappem Rock, zu viel Rouge auf den Wangen. Aber die lässt mich wenigstens frei arbeiten."

 

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