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Musiksender MTV feiert seinen 30. Geburtstag

Jubiläum Musiksender MTV feiert seinen 30. Geburtstag

Am Montag feiert MTV seinen 30. Geburtstag. Man sieht sich noch immer als Speerspitze der Popkultur, man feiert Jahr für Jahr mit großem Pomp die „MTV Video Music Awards“, doch in ­einer Zeit diversifizierter Geschmäcker, in der Hunderte, wenn nicht Tausende von musikalischen Subkulturen im Netz kleine und kleinste Einheiten bilden, hat die Idee eines musikalischen Zentralkomitees keine große Zukunft mehr.

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„Most Wanted“-Ikone Ray Cokes.

Quelle: Archivbild

Doch, es gab auch für die Generation nach Ilja Richter einen Ilja Richter. Der Mann hieß Ray ­Cokes, und er sah aus wie der kiffende Cousin von Prinz Charles: große Ohren, große Nase, weit aufgerissene Augen. Mitte der neunziger Jahre war Ray ­Cokes mit seiner MTV-Show „Most Wanted“ der König Lustig der popinteressierten Jugend in halb Europa. Mit Steve Blame und Kristiane Backer, der ersten deutschen MTV-Moderatorin beim britischen Ableger des US-Muttersenders, stand Cokes für Spaß, Krawall und Anarchie.

Schnitt. Vor drei Jahren war Cokes sauer. Stinksauer. Und traurig über den Zustand seiner einstigen Fernsehheimat MTV. „Dass die immer mehr von dieser Scheiße produzieren, tut mir in der Seele weh“, polterte er. „MTV stand mal für Kreativität und Revolution. Inzwischen stimmt nichts mehr.“ Aus MTV, schimpfte Cokes, sei „ein kommerzielles Netzwerk ohne Attitüde geworden. Es ist voll von ,Pimp my ride‘“-Formaten und dämlichen Datingshows. Es hat seine Bedeutung verloren.“ MTV hatte sich zu einem billigen Soapsender entwickelt, zur Abspielstation für US-Teenagerquatsch, in dem bronzebraune Highschoolkids mit ungesundem Ego rumturteln („My Super Sweet 16“, „Next“, „Dismissed“).

Am Montag feiert MTV seinen 30. Geburtstag. Man sieht sich noch immer als Speerspitze der Popkultur, man feiert Jahr für Jahr mit großem Pomp die „MTV Video Music Awards“, doch in ­einer Zeit diversifizierter Geschmäcker, in der Hunderte, wenn nicht Tausende von musikalischen Subkulturen im Netz kleine und kleinste Einheiten bilden, hat die Idee eines musikalischen Zentralkomitees keine große Zukunft mehr.

Das war ganz anders, damals, als Michael Nesmith, der Exsänger der „Monkees“, auf einer Promotiontournee durch Australien die Vorteile von Musikvideos erkannte: Bands müssten für TV-Shows nicht um die halbe Welt reisen, wenn sie sich in kurzen Clips selbst in Szene setzen würden. Die Beatles – wer sonst? – hatten den Anfang gemacht, die Musikindustrie witterte ein Geschäft, die frisch gestarteten Kabelkanäle der Medienmultis dürsteten nach Inhalten – Warner griff zu, die Sache war geritzt. „Ladies and gentlemen, rock and roll!“, hieß es am 1. August 1981, und dann war es das legendäre – und provokante – „Video killed the Radio Star“ vom Trevor-Horn-Projekt The Buggles (vom Album „The Age of Plastic“, ausgerechnet), das als erstes MTV-Video über den Sender ging (mit dem deutschen Komponisten Hans Zimmer am Keyboard: im lila Lacksakko!). Gerade einmal 168 Videokassetten hatte MTV im Regal stehen, jede fünfte davon von Rod Stewart (sein „She won’t dance“ war dann das dritte MTV-Video, das zweite war „You Better Run“ von Pat Benatar). Der Markt explodierte: John Landis („Blues Brothers“) schuf Michael Jacksons „Thriller“, Duran Duran verpulverten für „Wild Boys“ mehr als eine Million Dollar, und Mark Knopfler sang sich durch das erste computergenerierte Popvideo „Money for nothing“, in dem er dem Sender ein Denkmal setzte („I want my MTV ...“) – es war 1987 das Premierenvideo auf MTV Europe, das aus London kam.

MTV machte Madonna groß und Bon Jovi, MTV – das war jung und cool, das waren Wackelkameras und schrille Logokunst, das stand für Musik und „Dagegen“ und Underground und visionäre Optiken, auch wenn Kritiker einer globalisierten Popszene einwandten, dass die Clips die Beziehung zwischen Fan und Künstlern zerstörten. Und wirklich: MTV veränderte die Wahrnehmung von Musik, beschleunigte die Imagebildung, sterilisierte und globalisierte den Pop, schuf aber gleichzeitig, etwa mit seiner „Unplugged“-Reihe, neue Trends. Ray Cokes, Kristiane Backer und Steve ­Blame wurden zu Medienstars. MTV Germany ging 1997 auf Sendung. Stefan Raab, Charlotte Roche, Markus Kavka, Heike Makatsch, Matthias Opdenhövel, Sarah Kuttner, Caro Korneli, Nora Tschirner – sie alle starteten ihre Karrieren bei MTV oder (seit 1993) bei der damaligen Konkurrenz von Viva (inzwischen sind beide Viacom-Schwestersender). Zwischenzeitlich war MTV mit 50 regionalen Ablegern in 179 Ländern der Erde zu sehen. Es war eine der stärksten Marken im Pop.

Seit den späten Neunzigern liefen bei MTV immer mehr halb- oder nichtmusikalische Shows: Cartoons wie die Rotzlümmel „Beavis & Butthead“, Action­comedy wie „Jackass“, Realitysoaps wie „The Real World“, dazu „The Osbournes“, „Pimp my ride“ und das „Celebrity Deathmatch“. Christian Ulmen, Christoph Schlingensief und Benjamin von Stuckrad-Barre tobten sich noch einmal aus. Seine kulturelle Bedeutung als Bilderkatalysator aber, als Popmaschine verlor MTV an YouTube und iTunes. 2010 verschwand der Zusatz „Music Tele­vision“ aus dem Logo, zum Jahresbeginn verabschiedete sich MTV aus den Kabelnetzen ins Pay-TV. Die frühere deutsche MTV-Chefin Catherine Mühlemann reagierte empfindlich auf Kritik. Journalisten hätten „keine Ahnung von der Zielgruppe“, das Programm von früher würde „heute keinen Jugendlichen mehr vom Hocker reißen“.

Markus Kavka (44) versucht auf Kabel 1 mit „Number One!“, den Exitus des Musikfernsehens noch einmal hinauszuzögern. Ray Cokes (53) grantelt. Und Kristiane Backer (45) ist inzwischen Homöopathin in London. Sie ist zum Islam übergetreten, schreibt Bücher und moderiert für Firmen. In der New Yorker MTV-Zentrale regieren die Zahlenjungs. Es ist vorbei.

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