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Wer braucht eigentlich noch den ESC?

Nach Debakel mit Xavier Naidoo Wer braucht eigentlich noch den ESC?

Xavier Naidoo ist raus. Und wer soll nun Deutschland beim ESC 2016 in Schweden vertreten? Und wozu brauchen wir das quietschbunte Popspektakel eigentlich? Autor Imre Grimm gibt Antworten auf die zehn drängendsten Fragen.

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Mans Zelmerlöw holte 2015 für Schweden den Titel, Ann Sophie blieb für Deutschland erfolglos. Wer aber tritt nächstes Jahr beim ESC an?

Quelle: dpa

Hannover . Wundenlecken beim Sender, Feixen beim Publikum und hektische Betriebsamkeit: Zwei Tage, vier Stunden und 55 Minuten war Xavier Naidoo der deutsche Kandidat für den Eurovision Song Contest. Nach dem Drama um seine Nominierung schraubt die ARD an Plan B – und hat dafür kaum mehr Zeit als eine ukrainische Trickkleid-Diva für den Kostümwechsel. Anlass für ein paar Grundsatzfragen rund um den schillerndsten Kindergeburtstag Europas:

Wem hat das Xavier-Naidoo-Debakel am meisten geschadet?
Wo beginnen? Beim Sender, der sehenden Auges ins Verderben lief und nun als Fähnlein im Winde dasteht, getrieben von schnappatmenden Netzwerken? Bei Naidoo selbst, dessen tapsige Ausflüge auf den politischen Holzweg spätestens jetzt auch der allerletzte Deutsche kennt? Bei der hiesigen Debattenkultur, die reflexhaft dem ersten Gedanken folgt und keinen Raum mehr lässt für Komplexität, Zwischentöne, Widersprüche? Oder beim ESC-Team innerhalb der ARD, das hausintern kein Meinungsbild einholte, bevor es den vermeintlichen Scoop bekannt gab? Es gibt nur Verlierer.

Muss der NDR die Verantwortlichkeit für den ESC abgeben?

An wen denn? Die ARD-Schwestersender waren heilfroh, als der NDR den Job 1996 vom MDR übernahm. Mit Guildo Horn gelang dann eine spektakuläre Reanimation des plüschigen Schlager-Events, das damals so spannend war wie eine DDR-Volkskammersitzung (in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren war der Hessische Rundfunk dran, 1979 bis 1991 der Bayerische). In ESC-Fragen duckt sich die ARD-Familie weg wie Grundschüler beim Tafelputzen. Musikalisch war Naidoo ja keine schlechte Idee. Einen derart engagierten Star, der sich auf ein ihm unbekanntes Lied einlässt, findet der NDR so schnell nicht wieder.
Wer braucht den ESC überhaupt?
Äußerlich ist die Sause nur ein grellbunter Blumenstrauß von Unmöglichkeiten. Jenseits von Windmaschine und vokalreichen Refrains aber ist sie das kulturelle Spiegelbild des europäischen Einigungsprozesses, erwachsen aus der Freude am Nationenvergleich. Wenn die EU der steife Bürokrat mit Aktenmäppchen ist, dann ist der ESC sein schwuler Cousin mit Federboa und Schampusflöte – eine gigantische Soap, ein Gesellschaftsspiel für eine europäische Öffentlichkeit von Portugal bis Finnland, vom Atlantik bis zum Ural, die sonst über wenig Synchronerlebnisse verfügt. Das größte Musikfest der Welt ist ein spielerisches Druckventil für Vorurteile, eine schräge, aber hochsympathische Nabelschau des paneuropäischen Popgeschmacks.
Interessiert das noch jemanden?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2008 sahen 106 Millionen Europäer zu. 2014 waren es schon 195 Millionen. In Deutschland sahen 8,1 Millionen Menschen den ESC 2015. Nicht zuletzt zeigt auch der Naidoo-Komplex das öffentliche Interesse. „Der ESC ist abseits vom Sport das größte TV-Event der Welt“, sagt NDR-Sprecherin Iris Bents. „Das Finale ist die beliebteste und erfolgreichste Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen.“

Aber ist der ESC nicht eine gigantische Geldverschwendung?
Nein. Nur für das Veranstalterland. Die Ausrichtung kostet rund 25 Millionen Euro. Wer die Show dagegen bloß überträgt, macht ein Schnäppchen. Deutschland zahlt für den ESC 2016 knapp unter 400 000 Euro – für acht Stunden Fernsehen inklusive Halbfinale. Der sogenannte Sockelbetrag als Beitragszahler der Europäischen Rundfunkunion ist eingerechnet. Für diesen Preis gibt’s keine herkömmliche Unterhaltungsshow und keinen „Tatort“ (Kosten für 90 Minuten: ab 1,2 Millionen Euro). Der Vorentscheid ist nicht teurer als ein Johannes-B.-Kerner-Quiz.
Wie geht’s jetzt weiter? Was plant die ARD?
Backstage glühen die Drähte, es liegen mehrere Konzepte auf dem Tisch. Sicher ist, dass der nächste Schuss ein Treffer sein muss. Das weiß auch ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.
Ist es nicht völlig wurscht, wer zum ESC fährt, weil Deutschland sowieso verliert?
Dieses Land suhlt sich gern in der eigenen Erfolglosigkeit. Statistisch aber ist Deutschland das sechsterfolgreichste Land beim ESC. Erst vor fünf Jahren begrüßten 40 000 Menschen Siegerin Lena in Hannover. Die Nach-Lena-Jahre freilich waren hart: Cascada (2013, Platz 21 von 26), Elaiza (2014, 18/26) und Ann Sophie (2015, 27/27) stürzten das Land zurück in die ESC-Depression der Prä-Raab-Ära. Das weitverbreitete Vorurteil „Der Westen zahlt, der Osten feiert“ allerdings wird von den Fakten nicht gestützt. Jeder Sieger der Vorjahre brauchte und bekam aus allen Lagern Punkte. Niemand hat uns lieb? Falsch. Auch Deutschland ist erfolgreich – wenn es denn Qualität abliefert und den Zeitgeist trifft, wie 2010 und 2011 bei Lena und 2012 bei Roman Lob.
Wer könnte denn fahren?
Tja, wer? Starruhm allein ist keine Erfolgsgarantie. Helene Fischer? Braucht diese Bühne nicht. Die Punk-Krawallcombo Die Kassierer? Ein netter Votingspaß, aber keine echte Option. Lena? Ist mit dem Thema durch. Rammstein? Würde sich eher in einem schwarzen Gummiboot nackt auf dem Pazifik aussetzen lassen. „Dann fahr’ ich halt wieder“, schrieb Ann Sophie bei Facebook und Twitter. Nun ja. Sicher ist, dass ein alter Kastenteufel des ESC Morgenluft wittert: Grand-Prix-Dinosaurier Ralph Siegel – seit Jahren als Pop-Emigrant in Malta und San Marino aktiv – erinnerte ohne große Demut vorsichtshalber schon mal an seine goldenen Jahre kurz nach dem Krieg: „In alten Tagen waren die Erfolge von Deutschland unübersehbar weitaus größer, auch wenn ein Klamauk-Sänger wie Guildo Horn unverschämterweise von ‚dunklen Siegel-Zeiten‘ spricht“, zürnte er. Siegels Comeback aber wäre endgültig eine kreative Bankrotterklärung.
Muss das Publikum an der Kandidatenauswahl beteiligt werden?
Das deutsche Grundgesetz sieht nichts dergleichen vor. Auch Jogi Löw nominiert seine Nationalspieler ohne Rücksprache mit dem Publikum oder mit „Sport Bild“. Schon aus Gründen von Deeskalation und Kosmetik aber wäre es klug, den Gebührenzahlern beim neuen Konzept ein Mitspracherecht über die Songauswahl hinaus zuzugestehen.
Wer könnte jetzt helfen?
Nur ein Mann. Aber der wird es nicht tun. Dieser Mann wird am 14. Mai 2016 feixend in ein Mettbrötchen beißen und die ersten fünf Monate seiner Rente hinter sich haben. Stefan Raab ist raus.

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