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"Is' egal, lassen Sie ihn"

Pegida-Talk bei Jauch "Is' egal, lassen Sie ihn"

Mit Deutschland-Fahne über dem Stuhl: Beim ARD-Talk von Günther Jauch am Sonntagabend provozierte vor allem der AfD-Politiker Björn Höcke mit rechten Äußerungen und Verständnis für Pegida-Hetze. Die anderen Gäste hielten bemüht dagegen - nur Jauch blieb still. Dirk Schmaler hat die Sendung gesehen.

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In Günther Jauchs ARD-Talk zum Thema "Pöbeln, hetzen, drohen – wird der Hass gesellschaftsfähig?" ging es heiß her – vor allem wegen der skandalösen Beiträge von AfD-Mann Björn Höcke.

Quelle: Karlheinz Schindler/dpa

Berlin. Nach wenigen Minuten hatte Björn Höcke seinen großen Auftritt. Gerade durfte der AfD-Politiker aus Erfurt vor dem Millionenpublikum in der ARD erklären, dass er ein „deutscher Patriot“ sei und längst „das Volk“ repräsentiere, da griff der 43-Jährige in seine Jackettasche und holte eine sorgfältig gefaltete Deutschlandfahne heraus. Er zeigte sie triumphierend in die Kamera und legte sie gut sichtbar auf seine Armlehne.

„Ich möchte Farbe hier an diesen historischen Ort in Berlin bringen“, erklärte er dem verdutzten Moderator Günther Jauch. Heiko Maas (SPD, Bundesjustizminister), Anja Reschke (Moderatorin des NDR-Magazins „Panorama") und Klaus Bouillon (CDU-Innenminister des Saarlands) blicken ungläubig auf die Szenerie. Es ist nun tatsächlich einen Moment sehr still in dem Berliner Studio im Gasometer. Zusammengefunden hatte sich die Runde zum Thema: "Pöbeln, hetzen, drohen - wird der Hass gesellschaftsfähig?".

Die anderen Gäste blicken ungläubig auf die Szenerie

Es war der Beginn einer mitunter hitzigen Günther-Jauch-Sendung am Sonntagabend, die sich ein Jahr nach den ersten Pegida-Aufmärschen in Dresden den fremdenfeindlichen Tendenzen in Deutschland widmete. Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag und führender Kopf des nationalkonservativen Flügels der Rechtspopulisten, hatte daran durchaus seinen Anteil. Er schimpfte über das angebliche „Allparteienkartell“, und realitätsferne Politiker.

Es ist nicht das erste Mal, dass die ARD-Sendung Günther Jauch einem Sprecher aus dem Pegida-Umfeld ein Millionenpublikum bietet. Erst zu Jahresbeginn verfolgten mehr als fünf Millionen Zuschauer die Debatte mit "Pegida"-Sprecherin Kathrin Oertel. Als "normale Frau aus dem Volk" versuchte sich Oertel in der ARD darzustellen. Zwar traten Oertel und andere kurz nach dem Auftritt zurück, das Gesicht allerdings ist seitdem deutschlandweit bekannt.Vor allem Bundesjustizminister Maas fühlte sich am Abend sichtbar unwohl neben dem AfD-Politiker aus Thüringen, der streckenweise gut demonstrierte, wie man ohne direkt gegen Strafgesetze zu verstoßen, Nazi-Parolen vom 1000-jährigen Deutschland und der angeblichen Angst der deutschen Frauen vor vergewaltigenden Ausländern unters Volk bringen kann. „Das ist widerlich“, entfuhr es dem Bundesjustizminister, nachdem Jauch einen Ausschnitt einiger von Höckes fremdenfeindlicher Reden gezeigt hatte.

Und später legte Maas mit Blick auf Höcke nach: „Ich finde, dass Neonazis und Rechtsradikale in Deutschland nicht integriert sind.“ Höcke warf Maas daraufhin mehrfach vor, lieber die Sozialistische Internationale als die Nationalhymne zu singen und entgegnete auf den Hinweis des SPD-Politikers, man dürfe als verantwortungsvoller Politiker doch nicht nur hetzen und Ängste schüren, sondern müsse auch gegen fremdenfeindliche Stimmungen ankämpfen, unwirsch: „Sie haben eine rosarote Brille auf, Herr Maas.“  

Höcke, der die Gesetze der Talkshow-Arena durchaus für sich zu nutzen verstand, gab sich alle Mühe, sein Publikum zu bedienen. „Dieses Volk hat Angst“, sagte der AfD-Politiker und fügte hinzu: „Wir geben einer wachsenden Anzahl von Deutschen, die Angst haben, eine Stimme. Darauf bin ich stolz.“ NDR-Moderatorin Raschke, die vor kurzem mit einem persönlichen Tagesthemen-Kommentar zu Hetze gegen Medien Aufsehen erregt hatte und ebenfalls ins Schöneberger Gasometer eingeladen war, entgegnete durchaus angefasst. „Nein, das ärgert mich. Man kann nicht immer sagen 'Wir sind das Volk'.“

Jauch bleibt Zuschauer - seine Gäste moderieren

Jauch blieb bei all dem Trubel in seiner Sendung zumeist in der Zuschauerrolle, sodass er in den sozialen Netzwerken Dutzendfach aufgefordert wurde, härter nachzufragen. Dies überließ der Moderator jedoch meist seinen Gästen selbst – wohl auch, weil er sichtbar darauf hoffte, der streitbare Gast vom rechten Rand werde sich schon selbst entlarven. Erst am Ende erklärte der Moderator, dass auch ihm immer wieder in Zuschauerbriefen unterstellt werde, dass er von fremden Mächten gesteuert werde, um dann festzustellen, dass das natürlich nicht stimme. Höcke nickte verständnisvoll, um dann einzuwerfen, Jauch habe sich bereits „selbst konditioniert“ – und brauche demnach wohl keine Kontrolle mehr. Jauch will noch einmal nachfassen, aber dann ist es Justizminister Maas, der offenbar den Spaß am Debattieren verloren hat. Er schneidet dem Moderator kurzerhand das Wort ab und sagt: „Ist egal, lassen Sie ihn.“ Es hat ihm niemand mehr widersprochen.

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