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Die Schatten der Vergangenheit

Polizeiruf 110 Die Schatten der Vergangenheit

Vier Ermittler, zwei Städte, ein Fall: Der „Polizeiruf“ wird zur Geschichtsstunde - und kommt in einer Doppelfolge daher. Diese entwirft weniger ein Zeitbild der frühen Neunzigerjahre, sondern versucht eher, die Folgen damaliger Mauscheleien auszuleuchten. Eine TV-Kritik zum "Polizeiruf-Experiment".

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Auge in Auge: Drexler (Sylvester Groth, links) und Frey (Cornelius Obonya, rechts) treffen aufeinander. 

Quelle: ARD

Es war ein Kraftakt - und ein Marathonlauf. Vier große Schreibboards füllten einen ganzen Raum. Auf denen skizzierten Regisseur Eoin Moore und Buchautorin Anika Wangard Erzählstränge und Verflechtungen der Geschichte - für die bessere Übersicht. „Was ich da aufgezeichnet habe, sieht aus wie ein wildes wissenschaftliches Experiment“, sagt Eoin Moore („Conamara“), der 46-jährige Ire, der 1988 nach Deutschland kam und fünf der bisherigen zwölf Rostocker „Polizeirufe“ drehte.

Er hat den Ermittlern an der Küste das gegeben, was sie inzwischen so einzigartig macht: die raue Ruppigkeit von Bukow, dem poltrigen Ermittler mit kriminellem Vater, der immer verschwitzt und wie unter Druck in Milieu und Mittelstand unterwegs ist, und die geheimnisvolle LKA-Frau König, die ständig zwischen kühler Unnahbarkeit und purer Verletztheit pendelt.

Mit diesem Duo aus Vollrüpel und Halbromantikerin kommen aus Rostock jene Asphaltkrimis, die sich in den besten Fällen am klassischen Detektivkino anlehnen. Da sind sie so ganz anders als die ungleichen zwei, die seit 2013 in Magdeburg für den MDR-„Polizeiruf“ ermitteln: Drexler, der Pedant und Paragrafenreiter, Alleingänger und Schweiger, sowie Doreen Brasch, Bikerin mit Hang zu kollektiver Arbeit, stiller Nachdenklichkeit und einfühlender Wärme. Das Erzähltempo an der Küste ist natürlich auch ganz anders, schneller, zupackender, robuster als das geruhsame Ausbreiten an der Elbe.

Wie also bringt man diese so unterschiedlichen Stile in einem „Polizeiruf“-Experiment zusammen, das seinen Fall kühn über zwei Folgen treibt? Regisseur Eoin Moore: „Ich musste aufpassen, dass es nicht ein Abwasch wird - und dass jede Figur mit ihren Besonderheiten zu ihrem Recht kommt.“ Na ja, aber mit einem genauen, behutsamen Ausbalancieren ist da nicht viel zu machen. So hat sich Eoin Moore also fürs Anpassen entschieden. Also wird in „Polizeiruf 110: Wendemanöver“ Magdeburg auf Trab gebracht, während die Rostocker ihr altes Tempo ein wenig herunterfahren.

Der Anfang hetzt in harten Sprüngen hin und her zwischen Rostock und Magdeburg. Im Warnemünder Hotel „Neptun“ wird Wirtschaftsprüfer Jansen erschossen. Sein letzter Anruf ging an Astrid Richter, Frau des Juniorchefs einer Magdeburger Firma, die auch fürs Militär arbeitet. Nun aber ist Astrid Richter ebenfalls tot, gestorben bei einem Brandanschlag auf das Firmenbüro. Sie hatten eine Affäre miteinander, doch zu den Morden gehört die nicht. Die führen vielmehr zurück in die wilde Goldgräberzeit der Treuhand-Anfangsmonate, zu illegalen Geschäften mit Transferrubeln, Firmenkäufen und Weiterverkäufen, in die auch Stasi-Leute einstiegen.

Damals war Jochen Drexler, der Magdeburger Kommissar, bei der Abteilung für Vereinigungskriminalität, zusammen mit Ferdinand Frey, einem Kollegen, mit dem ihn eine schwule Liebe verband. Frey aber kam damals wegen angeblicher Vergewaltigung für 16 Jahre hinter Gitter. Nun taucht er plötzlich wieder auf - und will sich rächen. Er glaubt, er wurde damals in eine Falle gelockt.

Damit öffnet sich der Wer-war-es-Zweiteiler nicht nur einmal privat. Dass eines der Rätsel, die an Drexler hingen, mit der aufgeflogenen Affäre hinüber ist, macht nichts, Sylvester Groth ist mittlerweile - unzufrieden mit den Büchern - ohnehin aus dem „Polizeiruf“ ausgestiegen. Doch nicht nur Drexler bekommt seine persönlichen Schleifen (allerdings ist seine die stärkste). Auch Bukow ist wieder raubeinig allein unterwegs. Er wird nach einem lauten Auftritt bei der Psychologin suspendiert, ermittelt aber - mithilfe seines zwielichtigen Vaters - weiter. Bis er unter Mordverdacht gerät. Einer, der weiß, wer Jansen erschossen hat, stirbt nachts neben ihm im Auto. Ein Elektroschocker hatte Bukow zuvor lahmgelegt. Den Toten versteckt er in einer Garage.

Unterdessen küsst Ermittlerin König einen Öko-Unternehmer und Zeugen, während Kommissarin Brasch emotionalen Zugang zur widerborstigen Enkelin des Patriarchen Herbert Richter sucht.

Alles ist irgendwie miteinander verwickelt, die Schatten der Vergangenheit sind lang und die unschuldigen Söhne erben die Schuld der Väter. Das meint wohl dieses „Wendemanöver“, das weniger ein Zeitbild der frühen Neunzigerjahre entwirft, sondern eher versucht, die Folgen damaliger Mauscheleien auszuleuchten. Aber vielleicht bürdet man der Geschichte damit viel zu viel auf.

„Wendemanöver“, der „Polizeiruf 110“ mit Sylvester Groth, läuft diesen und kommenden Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

von Norbert Wehrstedt

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