Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
„Polizeruf 110“ wird 40 Jahre alt

Krimireihe „Polizeruf 110“ wird 40 Jahre alt

Der erste Krimi „Der Fall Lisa Murnau“ handelte von einem Postamtüberfall, jetzt wird der „Polizeruf 110“ 40 Jahre alt. 320 Fälle der einstigen DDR-Krimireihe sind bis heute ausgestrahlt worden - und sollten dem „Tatort“ Konkurrenz machen.

Voriger Artikel
Erstmals alle WM-Spiele live im Fernsehen
Nächster Artikel
Jauch rechnet mit Fehlern im neuen Sonntags-Talk

Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause) leitet im Beisein der verängstigten Erzieherin (Sinja Dieks) die Suche nach dem verschwundenen Kind.

Quelle: ARD

Ein Foto von Erich Honecker hing stets gut sichtbar in der TV-Amtsstube. Hinter dem Rücken von Oberleutnant Peter Fuchs wurde es gelegentlich ins Bild gerückt. Manchmal zerschnitt die Kamera dem DDR-Staatsratsvorsitzenden aber auch schnöde das Gesicht. Ob da ein Hauch von Systemkritik im Spiel war?

Honecker persönlich war der Initiator der ostdeutschen Krimireihe „Polizeiruf 110“ – eine „gewisse Langeweile“ hatte er im DDR-Fernsehen diagnostiziert. Die neue Reihe sollte mit dem kurz zuvor erfundenen westdeutschen „Tatort“ konkurrieren. Das war Kalter Krieg kurios: Der Anspruch der DDR, ein eigenständiger Staat zu sein, führte dazu, auch eine eigenständige Krimireihe zu produzieren. Am 27. Juni vor 40 Jahren ging der erste Krimi „Der Fall Lisa Murnau“ über einen Postamtüberfall auf Sendung.

Die DDR-Fernsehmacher standen alsbald vor Problemen. Ein Krimi verlangt nach Tätern, bösen Menschen, am besten Mördern, damit’s spannend wird. Durften solch staatsfeindliche Elemente überhaupt in den Reihen der Arbeiter und Werktätigen zu finden sein?

Im Zweifelsfall nahm das DDR-Innenministerium den Regisseuren die Verantwortung ab. „Fachberater“ aus der Behörde wachten über die Produktionen und entschieden über die Drehbücher. Zum Dank schickte das Ministerium Hundertschaften und Hubschrauber an den TV-Tatort Ost. Es konnte solche Vergünstigung aber auch wieder entziehen, wie das Beispiel um die damals verbotene Sendung „Im Alter von ...“ zeigt, die am Donnerstag im MDR Fernsehen mit dreieinhalb Jahrzehnten Verspätung gezeigt wurde.

Die diensttuende Ermittlergruppe Fuchs (Peter Borgelt) operierte stets im Kollektiv und kannte keine Extravaganzen à la Schimanski. Die Täter fanden die Ermittler bevorzugt unter jenen, die sich nicht in die Arbeiterklasse einzufügen vermochten – das machte Verbrecherrollen für Darsteller wie den jungen Henry Hübchen interessant. Leutnant Vera Arndt, die erste deutsche Kommissarin in Ost wie West (Sigrid Göhler), stöhnte dagegen: „Die Schattenseiten des Lebens, das ist meins. Gestrauchelte, Asoziale, menschliches Versagen, Diebe, Egoisten, Schwächlinge, Ewiggestrige.“

Der „Polizeiruf“ schaffte nach 1989 den Sprung ins gesamtdeutsche Fernsehen

Doch brachte der „Polizeiruf“ immer auch DDR-Lebenswirklichkeit auf den Bildschirm. Die Reihe entwickelte sich zum Straßenfeger und darüber hinaus zum Exportschlager in die sozialistischen Bruderländer. Mehr noch als im „Tatort“ wurde von den menschlichen Dramen hinter den Verbrechen erzählt.

Als eine von ganz wenigen DDR-Sendungen schaffte der „Polizeiruf“ nach 1989 den Sprung ins gesamtdeutsche Fernsehen (so wie auch „Das Sandmännchen“). 320 Fälle sind bis heute ausgestrahlt worden. Anders als in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung bildet die Reihe heute keine ostdeutschen Besonderheiten mehr ab. Auch der Bayerische Rundfunk schickt inzwischen Kommissare los. Von August an ermittelt das neue Team Matthias Brandt und Anna Maria Sturm.

So versucht jeder „Polizeiruf“, sich innerhalb der Reihe zu positionieren. In der Geburtstagssendung „Die verlorene Tochter“ (Regie und Buch: Bernd Böhlich) hat das weniger gut funktioniert – und das liegt nicht am wunderlichen Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause), auch nicht an seiner neuen, zupackenden Chefin Olga Lenski (Maria Simon), die es aus der großen weiten Welt ins Brandenburgische verschlägt und die nun ihren Platz in der Provinz sucht.

Die Geschichte um ein vermisstes Kind, einen auf Freigang verschwundenen Häftling (Tom Schilling) und einen karrierebesessenen Astrophysiker (Burghart Klaußner) ist angestrengt tragisch, erreicht aber nie die nötige Fallhöhe – und erscheint fürchterlich konstruiert. Auch die Dienstauffassung des neuen Teams ist eigenartig: Es verhält sich so leichtsinnig, als hätte es einen Karnickeldieb und keinen Kindesentführer vor sich, der anderen ein Messer an die Kehle hält. Am Ende haben sich der alte Polizist und die junge Kommissarin immerhin zusammengerauft. Jetzt kann’s besser werden.

„Die verlorene Tochter“ | ARD

Krimi aus der Reihe „Polizeiruf 110“ Sonntag, 20.15 Uhr

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.