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Eine neue Stimme für Homer

Tod von Synchronschauspieler Eine neue Stimme für Homer

Pro7 sucht einen neuen Sprecher für das Familienoberhaupt der "Simpsons". Die Suche kann zur Zerreißprobe werden. Ein Blick in die skurrile Szene der Synchronschaupieler.

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Kult-Figur Homer Simpson braucht eine neue deutsche Stimme.

Quelle: dpa

Hannover. Sie sind die Nachtschattengewächse im Filmdschungel. Von Cineasten verachtet, vom Publikum ignoriert, führen Synchronsprecher ein Leben im Off. Jeder kennt ihre Stimmen, niemand ihre Gesichter. Aber sie sind Hollywoods entscheidende Zweitstimmen, und ohne sie würde das Milliardengeschäft nicht funktionieren – jedenfalls nicht in Deutschland, wo Synchronisation nach alter Väter Sitte noch immer das Mittel der Wahl ist.

Synchronschauspieler, nicht "Sprecher"

Ist Synchronisation Kunst? Oder doch "die späte Rache an den Alliierten", wie Robert Lembke mal sagte? Fest steht: Es ist ein ziemlich deutsches Geschäft. Bereitwillig wird das spezifische französische, amerikanische, schwedische Gesprächsklima der unbedingten Lippensynchronität geopfert. Während sich dem skandinavischen Publikum das Wesen des Originals dank steter Untertitelung leichter erschließt, dolmetscht Deutschland notorisch.

Niemand sonst betreibt das Geschäft mit solcher Akkuratesse. Die Mitglieder der Branche selbst, in der jeder jeden kennt, nennen sich Synchronschauspieler. Nicht "Sprecher". Das klingt so nach "Tagesschau". "Da muss man jedes Mal für ein paar Sekunden aus dem Nichts losheulen oder prusten vor Lachen. Das können nur Schauspieler", sagt Regina Lemnitz, die Stimme von Whoopi Goldberg, Kathy Bates und Roseanne Barr.

Mindestens eine TV-Serie gibt es, deren Übersetzung dem Original durchaus das Wasser reichen kann: "Die Simpsons". Nun aber ist die Pro7-Version von Matt Groenings genialem Comic-Epos in Gefahr: Denn Homer Simpsons Stimme Norbert Gastell ist tot, Nachfolge ungeklärt, welch ein Jammer – verlieh er der Hauptfigur doch auch mit 86 Jahren ein Timbre mit respektvollem Eigensinn.

Auch Marge hat eine neue Stimme

Während Dan Castellaneta im US-Original den cholerischen Mittelklasseverlierer Homer aus der Tiefe des Bauchs belebt (und bis zu 400.000 Dollar pro Folge verdient), verlieh ihm Gastell eine unverwechselbare, hysterische Androgynität.

Umso pikanter ist die Frage, durch wen ihn der Sender künftig ersetzt. "Simpsons"-Fans sind da sehr empfindlich. Als Anke Engelke zehn Jahre zuvor die verstorbene Elisabeth Volkmann als Homers Frau Marge ablöste, hagelte es herbe Kritik – die sich jedoch rasch in Wohlwollen auflöste. Engelkes Geheimnis: weder billige Kopie noch radikaler Bruch. Beides wäre dem Publikum heute auch nur noch schwer vermittelbar.

Während ein Louis de Funès von insgesamt 17 Sprechern synchronisiert wurde und James Stewart allein für Hitchcocks "Vertigo" von dreien, wäre der Shit-storm gewaltig, spräche jemand anderes als Daniela Hoffmann Julia Roberts. Sie synchronisiert Roberts seit "Pretty Woman". "Ich spiele Mittelrollen und bin mittelbekannt", sagte Hoffman vor ein paar Jahren. "Deshalb kann ich mit meinen Kindern unerkannt bei Aldi einkaufen. Damit kann ich sehr gut leben."

Ein Schaupieler synchronisiert mehrere US-Stars

Die deutschen Synchronschauspieler sind meist nicht an einen auswärtigen Kollegen gebunden. Hoffmann etwa leiht auch Jamie Lee Curtis und Calista Flockhart ihre Lippen – was nichts im Vergleich zu Rolf Schult ist, der Robert Redford, Marlon Brando, Clint Eastwood und viele mehr synchronisierte.

Kevin Costner hatte fünf verschiedene Sprecher (darunter Heiner Lauterbach in "The Untouchables"), Alec Baldwin hatte zwölf (auch darunter Heiner Lauterbach). Gérard Dépardieu hatte elf (darunter – na? – Heiner Lauterbach). Und selbst Tom Hanks hatte in seinen ersten vier Filmen vier verschiedene Sprecher. Erst dann kam Arne Elsholtz zum Zug ("Mein Name ist Forrest. Forrest Gump!").

Ist ein synchronisierter Film also authentisch? Nicht weniger als ein übersetztes Buch, ein fotografiertes Gemälde oder ein gecoverter Popsong. Immer handelt es sich um die Interpretation eines Kunstwerkes. "Ein Drama!", schimpfte einst Ben Kingsley, "sie nehmen mir meine Stimme weg! Und ein Glück: Denn sie geben mir die von Peter Matiç. Ich habe mein Gesicht – er hat meine Stimme. Ein Drama! Aber weil es Schauspieler wie ihn gibt, gibt es im Unglück auch ein Glück."

Von Jan Freitag und Imre Grimm

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