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Warum wir das Dschungelcamp jetzt dringend brauchen

RTL-Show startet Warum wir das Dschungelcamp jetzt dringend brauchen

Das Dschungelcamp startet am Freitagabend bei RTL – und kommt zum perfekten Zeitpunkt. Deutschland befindet sich im permanenten Ausnahmezustand - nun gibt es eine Atempause, auf die sich alle einigen können. Ablenkung mit Känguru-Hoden tut uns gerade gut, meint unser Medienkritiker Imre Grimm.

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Quelle: dpa/RTL/Montage

Ein Land am Siedepunkt. Ausnahmezustand. Fremde drängen herein, begehren Einlass ins Paradies. Harte Worte, grelle Szenen. Millionen taxieren argwöhnisch, ob sich die Neuen den mannigfaltigen Prüfungen in der ungewohnten Umgebung als würdig erweisen oder nicht. Goldene Zeiten für Gerüchte, Ängste und Vorurteile. Wird die Integration gelingen? Oder werden Feindseligkeit, Streit und Stress die strapazierte Gemeinschaft ins Nirwana stürzen?

So ist das eben, wenn zwölf deutsche C-Promis in Australien einfallen. Wenn sie lernen müssen, sich bei Reis und Bohnen den Spielregeln des RTL-Dschungels zu unterwerfen. Heute startet das zehnte Dschungelcamp. Ausnahmezustand in der deutschen Medienöffentlichkeit, die sich sauber spaltet in Freund („endlich geht’s los“) und Feind („lass mich mit dem Quatsch in Ruhe“).

Natürlich – wir müssten eigentlich über Flüchtlinge sprechen. Über Migration, Provokation, Edukation. Über die Folgen der Kölner Silvesternacht. Über die Risse im Firnis der Zivilisation. Über Alternativen zur Alternative für Deutschland. Über die schleichende Zersetzung von Anstand und Sitte, die schmerzhafte Häutung, die dieses Land zur Zeit erlebt. Über Pegida, Legida, Hagida, Bagida, Kögida, Bogida. So wie seit Tagen, Wochen, Monaten.

Wer wird die größte Nervensäge im RTL-Dschungelcamp 2016? Ein Quartett der Kandidaten von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus".

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Aber irgendwann ist mal der Punkt erreicht, an dem der ganz reale Wahnsinn das Publikum erschöpft hat. An dem keine frischen Argumente mehr kommen, sich nationale Debatten im Kreis zu drehen beginnen und immer lauter und rüpeliger werden wie Horst Seehofer auf der Suche nach dem nächsten Aufreger. Spätestens, wenn sogar Uschi Glas sich zur Flüchtlingskrise geäußert hat („Unsere Werte sind nicht verhandelbar“), ist es höchste Zeit für eine Zäsur. Ein mediales Laudanum, das auf die erhitzten Gemüter wirkt. So gesehen kommt das Dschungelcamp 2016 zum perfekten Zeitpunkt. Der reale Irrsinn ist so schlimm, dass die Flucht ins Surreale eine echte Option wird. Die Dschungelsause als Atempause.

Aber ist das zulässig? Darf man sich ermattet vom Dauerfeuer des Wahnsinns guten Gewissens dem gehobenen Blödsinn hingeben? Die heilsame Kraft der Ablenkung ist in der Depressionstherapie ein bewährtes Werkzeug. Ablenkung aber gilt in aufgeklärten Gesellschaften als Teufelszeug zur Unterschichtensedierung. Brot und Spiele, bevor hier noch einer aufmuckt. Sich ohne Niveaudünkel darauf einzulassen wiederspricht bildungsbürgerlichen Reflexen. Aber erstens entstammen Dschungel-Gucker einem erstaunlich gebildeten Soziotop. Und zweitens kennt jeder, der je einem Kind den Schmerz vom Finger gepustet hat, diese lindernde Wirkung eines emotionalen Placebos. Zwei Wochen RTL als Pflaster für die deutsche Seele.

Das sozialpsychologische Gesellschaftsspiel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (IBES) liefert kollektive Erlebnismomente jenseits von Tod, Terror und Krieg – es kommtdamit  gerade recht für das verwirrte Land. Sich über alle soziale Schichten, Nationen, Schulabschlüsse und Schicksale hinweg gemeinsam über die zwölf armen Hascherl im Busch zu erregen richtet jedenfalls weitaus weniger sozialen Schaden an als die völlig aus dem Lot geratene Schreierei über „Krieg“ („Spiegel“), „Weltkrieg“ („Frankfurter Allgemeine“) beziehungsweise „Weltkrieg III.“ („Handelsblatt“). Der Dschungel bietet klares Schwarzweiß, klare Schubladen („Die Zicke“, „der Spinner“, „die Sexbombe“, „der alte Sack“) statt unklarer Lage in Nahost und anderswo.

Mitte Januar startet auf RTL die nächste Staffel der Ekelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Offiziell sind nur wenige Informationen über die künftigen Teilnehmer bestätigt. Folgenden Kandidaten sind nach Medienberichten aber dabei.

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Stefan Gärtner konstatierte gerade in „Titanic“ eine „heimliche deutsche Freude am Ausnahmezustand“. Durs Grünbein schrieb mal von dem „erotischen Moment, wenn der Staat die Nerven verliert“. Die langjährige emotionale Nulllinie der Merkeljahre aber spricht eine andere Sprache: Das deutsche Publikum hält Unverbindlichkeit nicht lange aus. Es sehnt sich schnell nach Gemeinsamkeiten.

Tratschen ist ein evolutionäres Erbe

Das hat Gründe. Klatsch – das Wort kommt vom Geräusch, das nasse Wäsche am Zuber von tratschenden Waschweibern macht – ist essenziell für jedes soziale Gefüge. Menschen sind soziale Schwarmwesen. Sie brauchen zum inneren Datenabgleich so viele Informationen über ihre Artgenossen wie möglich. Denn erst der Konsens über den allgemeinen Moralkodex einer Wertegemeinschaft sichert deren Zusammenhalt. Oder kurz: Klatsch ist sozialer Klebstoff.

Die Lust am Tratschen ist also ein evolutionäres Erbe. Keine schlechte Ausrede, um sich mit den brathähnchenfarbenen „Playboy“-Fotos von Jenny Elvers, den lyrischen Bemühungen von Thorsten Legat („Da habe ich mich beirren lassen von meiner Kompetenz“) oder den wahrlich surrealen Brüsten von Sophia Wollersheim zu beschäftigen.

Biologen und Physiker versuchen, das große Ganze stets aus den Wechselwirkungen seiner kleinsten Teilchen zu erklären. Die zwölf kleinen Teilchen im Busch jedenfalls sollen nach dem Langweiler-Camp 2015 wieder Feuer unterm Dach machen. „Das war Arbeitsverweigerung“, schimpfte Dschungel-Autor Jens Oliver Haas – Ehemann von Moderatorin Sonja Zietlow – über die schnarchnasige neunte Staffel. Das größte Potenzial in diesem Jahr habe Legat, sagt er: „Was der mit der deutschen Sprache anstellt, dafür geht ein Gebrauchtwagenhändler in den Knast.“

Die RTL-Werbeplätze sind ausgebucht. Ein 30-Sekunden-Spot kostet bis zu 120 000 Euro. Zweifellos werden sechs bis acht Millionen Zuschauer dranbleiben. Nicht der Känguruhoden wegen – die Ekelprüfungen sind ohnehin zum zweitrangigen Ritual geronnen. Sondern der Gelegenheit wegen, 14 Tage lang wenigstens zwischen 22.15 und 23.15 Uhr der fiebrigen Ratlosigkeit ringsum zu entfliehen. Der Wahnsinn der Welt ist nicht mehr normal. Also bitte her mit dem ganz normalen Wahnsinn. Danach diskutieren wir weiter.

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