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09:46 30.01.2013
Und von der Wand lächelt Ulbricht: Major Stefan Witt (Florian Panzner, l.), Staatsanwalt Liebers (Godehard Giese, M.) und Hauptmann Heinz Gödicke (Ronald Zehrfeld) befragen Hagedorn. Quelle: ARD
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Berlin

Hagedorn war sehr wahrscheinlich unzurechnungsfähig, doch das interessierte die DDR-Justiz nicht. Er starb am 15. September 1972. Hagedorn war der letzte Zivilist, der auf deutschem Boden nach Verhängung der Todesstrafe hingerichtet wurde.

Stephan Wagners Krimi „Mord in Eberswalde“ rollt den Fall Hagedorn heute fürs ARD-Publikum auf. Sein Film hat Vorläufer: Ein an den Fall angelehnter DDR-„Polizeiruf“ verschwand 1974 im Giftschrank. Ganz am Anfang aber stand ein gespenstischer Lehrfilm, gedreht von Kriminalisten des DDR-Innenministeriums. Dort stellt der gefasste Kindsmörder seine Taten nach. Seine Opfer werden von Kriminalisten-Kindern gemimt. Ruhig und ausführlich gibt Hagedorn Auskunft: „Den Höhepunkt meiner sexuellen Erregung merkte ich aufgrund dessen, dass das Blut aus dem Körper des Jungen herausgeschossen kam.“ Bei seiner Festnahme leistete er keinen Widerstand, bei den Verhören gab er sich auskunftsfreudig, immer in dieser unpersönlichen, höflich-korrekten Sprache.

Hagedorn war ein Sadist. Dutzende Messerstiche verpasste er den Jungen, er wollte sie bluten, er wollte sie leiden sehen. So jemand war den DDR-Ermittlern noch nicht untergekommen. In Wagners Film wollen sie zudem nicht wahrhaben, dass solche Menschen in der DDR existieren: „Es gibt keine homosexuellen Sadisten in Eberswalde – es gibt solche Subjekte im Sozialismus nicht!“, schnarrt der Stasi-Major Stefan Witt (Florian Panzner). Vopo-Hauptmann Heinz Gödicke (Ronald Zehrfeld) macht es sich dagegen nicht so einfach. Gödicke ist ein früher Profiler, er will Hagedorn (Sergius Buckmeier) nachspüren, sich in ihn einfühlen. Doch gegen den Karrieremenschen Witt hat er zunächst keine Chance. „Versuch nicht, mit den großen Hunden um den Block zu ziehen, wenn du nicht hoch genug pinkeln kannst“, schnappt der und löst Gödickes Ermittlungsgruppe auf.

„Mord in Eberswalde“ ist ein moderner Krimi in der Anmutung eines „Polizeirufs“ aus der DDR. Im grünen Wartburg zuckeln Gödicke und Witt, der „gute und der böse Bulle“, durch ein graubraunes Eberswalde. Gedreht wurde in Bautzen und Zittau, und daher wirkt das Film-Eberswalde eher südlich als brandenburgisch. Der „gute Bulle“ Gödicke hat ein Verhältnis mit Witts Freundin Carla (Ulrike C. Tscharre). Sie mögen Fessel-Sex, und einmal zieht Gödicke dabei ein Messer – er will wissen, wie Todesangst in den Augen des Opfers aussieht. Die Dreiecksgeschichte gibt dem Film den nötigen dramaturgischen Kick. Der Kampf Gödicke gegen Witt wurde vom Drehbuch so stark zugespitzt, dass dem historischen Fall Hagedorn unrecht getan wird. Es gibt keine Beweise für solch platte Realitätsverweigerung, noch nicht einmal bei der Stasi. Die suchte gezielt nach einem Sadisten, mit teils abenteuerlichen Methoden. Der Ost-Berliner Gerichtspsychiater Hans Szewczyk hatte die Parallelen zum westdeutschen Fall Jürgen Bartsch aufgezeigt. Bartsch missbrauchte und tötete zwischen 1962 und 1966 vier Schulkinder. Bartsch und Hagedorn haben nicht nur Kinder ermordet, sondern damit auch die Idylle einer sorglosen Kindheit im Nachkriegs-Deutschland zerstört.

Jan Sternberg

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