Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
„Früher wurde mehr gestritten“

Sandra Maischberger im Interview „Früher wurde mehr gestritten“

TV-Moderatorin Sandra Maischberger spricht im Interview über Tischtennis mit Günter Wallraff, endlose Debatten bis tief in die Nacht – und ihre neue Sendung.

Voriger Artikel
Kein bisschen leise
Nächster Artikel
Brieffreundschaft mit Nazis

Auf jede Antwort eine Nachfrage: Sandra Maischberger spricht zwar gerne über Politik, ihr neues Format dreht sich ausnahmsweise mal nur um ihren prominenten Gast.

Quelle: Jörg Carstensen

Frau Maischberger, es gibt schon viele Gesprächssendungen im Fernsehen. Wieso steuern Sie jetzt noch eine zusätzliche bei?

Das, was wir da tun, gibt es so noch nicht. Es ist wirklich selten im deutschen Fernsehen, dass ein einzelner Gast 60 Minuten Zeit bekommt, um vorgestellt zu werden. Und die Sendung ist sehr abwechslungsreich: Es passieren Dinge, die für den Gast überraschend sind, es kommen Freunde dazu, es kommen Gegner dazu.

„Ich stelle mich“ ist die Neuauflage eines TV-Klassikers mit WDR-Urgestein Claus Hinrich Casdorff, der seinen Gästen Aufgaben stellte. Der damalige Bahnchef Heinz Dürr etwa scheiterte, als er sich am Bahnhof ein Familienticket lösen sollte. Kommen auf Ihre Gäste auch solche fiesen Aktionen zu?

Fies sind die Aufgaben nicht - sie müssen mit der Persönlichkeit zu tun haben. Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt viele Seiten an Günter Wallraff, die man kennt. Was viele nicht wissen, ist seine beinahe manische Passion fürs Tischtennis, er entwickelt darin einen unglaublichen Ehrgeiz. Er hat eine Platte zu Hause, und selbst wenn er Menschen wie Wolf Biermann oder Salman Rushdie bei sich beherbergte oder versteckte, mussten die mit ihm Tischtennis spielen. Wir haben ihm den ehemaligen Profi und aktuellen Bundestrainer Jörg Roßkopf als Gegner hingestellt, gegen den musste er sich beweisen. Für seine 71 Jahre ist er unglaublich sportlich.

Haben Sie mit ihm Tischtennis gespielt?

Nein, dazu reichte die Zeit dann doch nicht. Aber es war schön, Wallraff in einer völlig anderen und auch für den Zuschauer ungewohnten Art zu erleben. Weil Sie mich vorhin fragten, ob ein solches Format nötig ist: Ich habe von Menschen, die ich zu kennen glaubte, Seiten gesehen, die mich überrascht haben. Das ist, glaube ich, das Beste, was man von einer solchen Sendung sagen kann.

Sie führen seit vielen Jahren Interviews. Macht das immer noch Spaß?

Als es losging mit „Ich stelle mich“, hatten mein Team und ich gerade die aktuelle Staffel „Menschen bei Maischberger“ beendet, und ich ging mehr oder weniger auf dem Zahnfleisch. Wir sollten eigentlich in die Sommerpause gehen und haben dann mal eben noch diese vier Folgen gestemmt. Alle waren wirklich erledigt, aber allen hat es richtig viel Spaß gemacht, auch mir.

Fühlen Sie im Privatleben auch anderen Leuten dauernd auf den Zahn, ist das Fragenstellen eine Berufskrankheit geworden?

Nein, ich habe einen kleinen Sohn, der stellt mir Fragen, er hat mich diesbezüglich abgelöst.

Was hat sich geändert, seit Sie in den Achtzigern als TV-Talkerin angefangen haben?

Ganz viel. Um ein Beispiel zu nennen: Als ich damals angefangen habe, gab es sehr viele exzentrische Persönlichkeiten, und überhaupt fühlten sich Fernsehsendungen oft an wie ein Experiment. Die Menschen sind mehr aus sich herausgegangen, sie haben sich mehr getraut, sie haben sich offener gestritten.

Und heute?

Es ist einerseits eine große Zurückhaltung da, weil man weiß, dass jede Aussage in den Social Media und im Internet immer weiter gespielt wird, manchmal auf die Spitze getrieben wird, obwohl man es gar nicht so spitz gemeint hat. Also, es ist sehr viel schwieriger geworden, frische Debatten zu führen oder jemanden zu finden, der frei von der Leber weg von sich erzählt, ohne Angst, dass es zu privat wird. Außerdem gibt es mehr Gesprächssendungen als zu der Zeit, als ich anfing. Damals hat man sich abends nach der Sendung auch mal mit den Gästen zusammengesetzt und den ganzen Abend bis tief in die Nacht gefeiert und gegessen. Das hat sich geändert, weil viele Gäste lieber nach Hause gehen, gerade Leute wie die politischen Gäste, die es gewohnt sind, häufig im Fernsehen zu sein.

Inzwischen hat sogar die ARD gemerkt, dass es zu viele Talkshows gibt: Einem Gerücht zufolge soll die Zahl der Gesprächsformate im Ersten von fünf auf drei pro Woche sinken. Reinhold Beckmann hört demnächst freiwillig auf. Wie sicher ist „Menschen bei Maischberger“?

Das Gerücht kenne ich nicht. Es gab in der Tat den Willen, die Zahl der Talkshows zu reduzieren - von fünf auf vier. Das ist passiert, und jetzt ist es auch gut.

Am 26. August kehrt „Menschen bei Maischberger“ aus der Pause zurück. Planen Sie Änderungen am Konzept?

Ja, wir werden ein bisschen an dem Format schrauben. Wir behaupten uns in der jetzigen Backform schon sehr lange und sehr erfolgreich, dennoch muss man zwischendurch immer mal schauen, ob man kleine Änderungen vornimmt. Aber da sind wir gerade im Diskussionsprozess und noch weit entfernt von Entscheidungen.

Zur Person

Sandra Maischberger gehört zu den erfahrensten Talkprofis im deutschen Fernsehen: Seit Ende der achtziger Jahre spricht sie in wechselnden TV-Shows mit Prominenten und Politikern. Das neueste Projekt der 47-Jährigen ist das Promi-Format „Ich stelle mich“, das in den Sommerwochen immer sonntags um 21.45 Uhr im WDR läuft und die Neuauflage des gleichnamigen Fernsehklassikers mit Claus Hinrich Casdorff ist. Jeweils 60 Minuten lang porträtiert die Fernsehjournalistin Maischberger in Gesprächen, Aktionen und Filmbeiträgen den Gast der Woche – am kommenden Sonntag geht es um den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, es folgen die Politikerin Sahra Wagenknecht und der Journalist Günter Wallraff.

Sandra Maischberger kam 1966 in München zur Welt und machte an der Deutschen Journalistenschule eine Ausbildung zur Redakteurin. Im Fernsehen legte sie nach ersten Gehversuchen als Moderatorin eine Blitzkarriere hin, wurde mit Formaten wie „Talk im Turm“ (SAT.1) bekannt und hatte mit einer Interviewsendung bei Vox ihren Durchbruch. Seit 2003 moderiert sie im Ersten die Talkshow „Menschen bei Maischberger“. Maischberger ist verheiratet und hat einen siebenjährigen Sohn, die Familie lebt in Berlin.

Interview: Cornelia Wystrichowski

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
Highlights aus 60 Jahren "Bravo"

Die "Bravo" feiert ihren 60. Geburtstag. Die größten Highlights der vergangenen Jahrzehnte sehen Sie in unserer Bildgalerie.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen