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Sat.1 überrascht mit brutalem Krimi

"Mordkommission Berlin 1" Sat.1 überrascht mit brutalem Krimi

Ungewöhnlich und sehenswert: Am Dienstag zeigt Sat.1 den Krimi "Mordkommission Berlin 1", einen der besten Filme des Fernsehjahres. Für Antje Traue sollte damit der Durchbruch gelingen.

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Als Kommissar Paul Lang ermittelt Friedrich Muecke (l.) im Berlin der zwanziger Jahre. Ein Mordfall entwickelt sich zu einem Feldzug gegen seinen Widersacher Immanuel Tauss (Tobias Moretti, r.),

Quelle: Sat.1

Berlin. Sieht man mal von der allerdings auch nicht vollends gelungenen Uli-Hoeneß-Parodie "Die Udo Honig Story" ab, ist Sat.1 seit der Sommerpause in Sachen Fernsehfilm nicht viel gelungen. Dafür beendet der Sender die kreative Durststrecke nun mit einer Überraschung: Allein schon in ästhetischer Hinsicht gehört "Mordkommission Berlin 1" zu den besten Filmen des Fernsehjahres.

Stellenweise ziemlich brutal

Das Projekt verrät Mut. Mit dem letzten Krimi dieser Art, dem Mehrteiler "Blackout" (2006), hat Sat.1 denkbar schlechte Erfahrungen gemacht; der Sender war seiner Zielgruppe schlicht ein paar Jahre voraus. Das Stammpublikum der Dienstagsromanzen dürfte nun allerdings ähnlich verstört reagieren: Die in den Zwanzigerjahren angesiedelte Kriminalgeschichte ist von sinistrer Düsternis und stellenweise ziemlich brutal. Ein besonderer Reiz der Bilder liegt in ihrer fast comichaften Überhöhtheit.

Die Geschichte entspricht dem klassischen Zweikampf zwischen Gut und Böse (Drehbuch: Arndt Stüwe und Benjamin Hessler). Während Tobias Moretti mit großer Hingabe einen bis ins Mark verkommenen Schurken verkörpert, spielt Friedrich Mücke eine deutlich differenziertere Rolle: Kommissar Paul Lang ist ein gebrochener Mann, seit Unterweltkönig Tauss seine Frau und seine Tochter ermordet hat. Auch Lang ist bei dem Bombenanschlag schwer verletzt worden. Die körperlichen Wunden sind verheilt. Trotzdem wird er von Schmerzattacken heimgesucht, die er mit Morphium bekämpft.

Erinnerungen an Sherlock Holmes

Der drogenabhängige Detektiv, der sich bei seinen Recherchen neuester forensischer Methoden bedient, ein skrupelloser, aber hochintelligenter Erzfeind, dazu der Nebel, der immer wieder durch die Bilder wabert: Es wird kein Zufall sein, dass viele Elemente von "Mordkommission Berlin 1" an die klassischen "Sherlock-Holmes"-Filme erinnern.

Einzig der grassierende Hedonismus steht in offenkundigem Widerspruch zum puritanischen viktorianischen London: Die Berliner tanzen sich in den Nachtclubs die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg aus dem Kopf, und selbst Lang erliegt den Verlockungen der schönen Nachtclub-Besitzerin Irma Berger; Antje Traue sollte mit dieser Rolle nach internationalen Produktionen auch in Deutschland der Durchbruch gelingen.

Die Beweislast wird erdrückend

In dieser Grauzone aus Halb- und Unterwelt sucht der Kommissar nach dem Mörder seines besten Freundes: Irgendjemand hat einen Staatsanwalt den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Der Tod sieht zwar wie ein Unfall aus, doch die Allegorie ist unübersehbar, denn Tauss hat seine Gangsterbande "Krokodile" genannt; aber Tauss sitzt im Gefängnis.

Lang ist geradezu obsessiv davon überzeugt, dass der Oberganove auch in Moabit noch immer alle Fäden in der Hand hat; doch dann gerät er durch die Intrige einer schönen Verräterin (Emilia Schüle) selbst unter Mordverdacht. Sogar sein zutiefst loyaler Kollege Ruppert (Frederick Lau) wird unsicher, denn die Beweislast scheint erdrückend.

Ungemein authentisch

Regisseur des Films ist Marvin Kren, der schon mit seinem Zombie-Debüt "Rammbock" (2009) gezeigt hat, dass er ungewöhnliche Geschichten mag. Ein Großteil der zweistündigen Handlung trägt sich im Zwielicht zu. Viele Einstellungen wirken auch dank der digitalen Bildbearbeitung enorm aufwändig; die gelungene Mischung aus Panorama-Aufnahmen, Straßenszenen sowie Dialogen in Nacht- und Boxclubs lassen die Rekonstruktion des Berliner Lebensgefühls jener Jahre ungemein authentisch wirken.

Von Tilmann P. Gangloff

"Mordkommission Berlin 1" | Sat.1
Mit Friedrich Mücke
Dienstag, 20.15 Uhr
Bewertung: Vier von fünf Sterne

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