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Fernsehen Schafft den Bambi endlich ab!
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21:40 14.11.2011
Von Imre Grimm
Immer gleiche Preisträger, unnötige "Skandale", willkürliche Kategorien, gesunkene Relevanz: Ein Plädoyer für den Abschied von einer allzu staatstragenden Werbeveranstaltung. Quelle: dpa
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Nina Eichinger konnte kaum fassen, was sie da sah. Und das will etwas heißen, denn es gibt Menschen, die können Nina Eichinger selbst kaum fassen. Da hetzte Yvonne Catterfeld pseudoverspätet zur Eröffnung der „Bambi“-Gala 2011 und sang dazu eine deutsche Version von „Beautiful Day“, die klang wie aus einem Kreuzfahrt-Musical von 1984 („Heut’ Nacht ist die Nacht / Da werden Stars zu Helden gemacht / Glamour pur / Tolle Menschen seh’ ich nur“). Als all die wackeligen Endreime und Rockerposen endlich ausgestanden waren, fasste Nina Eichinger den Vorgang in einem Wort zusammen, abzulesen an ihren Lippen: „Schlimm.“

Wer wollte ihr widersprechen? Wenn es noch eines Beweises bedurft hatte für die Schrecklichkeit dieser Veranstaltung, mit der sich das private Medienunternehmen Burda Jahr für Jahr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen feiern darf – hier war er.

Und der „Bambi“ ist nicht allein. Die „Goldene Kamera“ von Springers „Hörzu“, der „Deutsche Fernsehpreis“; sie alle wirken wie aus der Zeit gefallen, versackt in der Irrelevanz, doch man macht unverdrossen weiter, als sei für alle Zeiten 1988. Die deutsche Fernsehgala als solche ist ein steifes, in Pathos ersaufendes Nicht-Event, dem das einzige Element fehlt, mit dem man die Sache noch retten könnte: Witz. Humor. Schärfe. Politische Unkorrektheit. Mumm. Die Fähigkeit, die Sehnsucht nach Glamour mal zum selbstironischen Running Gag eines Abends zu machen. Nicht in Deutschland. Hier gibt es lieber Krokodilstränen zu Kinderelend, und dann singt „Der Graf“ von Unheilig mit den Knödeltenören von Adoro und einem Schülerchor „Geboren um zu leben“.

Wir nennen die sechs größten Probleme des „Bambi“ und seiner Geschwister:

1. Schwache Moderation
Seit der Schockstarre über das Debakel mit Tom Bartels und Katarina Witt (2009) versuchen es Burda und die ARD mit Mietglamour aus Hollywood: 2010 stolzierte Sarah Jessica Parker durch die Show, in diesem Jahr Gwyneth Paltrow in frischem Froschgrün. Natürlich hält man einen „Spontan-Bambi“ für die Damen bereit („Huch! Überraschung!“).

2. Immer gleiche Preisträger
Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? Otto hat schon vier. Franz Beckenbauer hat fünf. Thomas Gottschalk auch. Sophia Loren hat neun. Die Klitschkos zusammen vier. Und auch die Rettungshundestaffel Augsburg e. V. hat schon einen Bambi. Und so sind’s dann halt wieder Heinz Hoenig oder Veronica Ferres. 749 Prominente haben seit 1948 einen oder mehrere Bambis erhalten. Man könnte auch sagen: Die Sache ist durch.

3. Unnötige „Skandale“
Kein gutes Zeichen, wenn man eine Show mit einem kalkuliert „umstrittenen“ Preis an einen (Ex?)-Frauenfeind und Schwulenhasser aufmotzen muss. Der eigentliche „Bambi“-Aufreger 2011 aber war nicht das „Integrations“-Reh für einen in Deutschland aufgewachsenen Deutschen – und schon gar nicht die künstliche Empörung, mit der Volkssänger Heino seinen Bambi, den er irgendwann kurz nach dem Krieg bekommen hatte, mit Abscheu und kostenloser „Bild“-Publicity „zurückgab“ –; der eigentliche Aufreger war die „Dankesrede“ von Anis Mohamed Youssef Ferchichi alias Bushido in der rhetorischen Tradition eines Edmund Stoiber („Ist das Toleranz, ist das Integration, wenn man mich nicht, als vielleicht jemand, der Kontakt zu Menschen hat, die Sie vielleicht in Ihrem Leben noch nie gesehen haben, einfach nicht benutzt wird, beziehungsweise nicht eingebunden wird in die Bemühungen, einfach ein besseres Deutschland zu schaffen?“). Das war dann doch noch ein bisschen peinlicher als 2007 Frank Schirrmachers Laudatio auf den Scientologen Tom Cruise, ausgezeichnet in der Kategorie „Courage“, weil er es gewagt hatte, in einem 50-Millionen-Dollar-Film den Hitler-Attentäter Stauffenberg zu spielen. Teufelskerl, dieser Cruise.

4. Gesunkene Relevanz
Es ist schon sehr lange her, dass Springers „Hörzu“ mal Leitmedium in Sachen Fernsehen war oder Burdas „Bunte“ alleiniges Zentralorgan der deutschen Schickeria. Längst ist es ein Anachronismus, dass Hubert Burda, Patricia Riekel („Bunte“-Chefin seit 1997, als Diana starb und TicTacToe einen Nummer-eins-Hit hatten) und die Chefredakteure der Burda-Blätter Jahr für Jahr die „Menschen mit Visionen und Kreativität“ auswählen, „die das deutsche Publikum berührt und begeistert haben“. In Wahrheit ist der „Bambi“ vor allem Contentgenerator für Burdas Klatschmaschinerie. Mal ehrlich: Wie relevant kann eine Veranstaltung sein, die gleichzeitig Helmut Schmidt und Justin Bieber ehrt? Und warum muss über Stefan Raabs „Wok-WM“ „Dauerwerbesendung“ stehen und über dem „Bambi“ nicht?

5. Willkürliche Kategorien
Wer hat gerade Zeit? Für den „Bambi“ gilt: Erst die Preisträger – dann die Kategorie. Und so gibt’s den Bambi für die „Beste Verkehrssendung“ („Der 7. Sinn“, 1973), den „Unsere Erde“-Bambi (nur echt mit Ovationen im Stehen) oder gleich den „Millenniums-Bambi“ (Genscher, 2010). In der (offiziellen!) Kategorie „Ältester Schauspieler und Entertainer der Welt“ legt derzeit Johannes „Jopi“ Heesters eine beispiellose Siegesserie hin: 1967, 1987, 1990, 1997, 2003, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011.

6. Konservative Machart
Ritualisiertes Fernsehen ist nichts Schlimmes. Menschen verlangen nach Verlässlichem, das zeigt die Diskussion um „Wetten, dass ...?“. Der „Bambi“ aber wirkt teils lächerlich in seiner staatstragenden Gewichtigkeit. Produziert wird das Hochfest der Selbstweihe – wie auch der „Fernsehpreis“ – seit 22 Jahren von Werner Kimmig aus dem Schwarzwald-Städtchen Oberkirch, nur 16 Kilometer vom Burda-Stammsitz Offenburg entfernt. Kimmig lernte einst bei Burda Verlagskaufmann. Man kennt sich. Man schätzt sich. Und die ARD macht mit. Warum eigentlich? Anruf bei der Programmdirektion in München. Knappe Antwort: „Weil es einen Vertrag mit Burda gibt.“ Federführend ist ausgerechnet der MDR, dessen Neigung zum Filz in Unterhaltungsfragen inzwischen die Staatsanwaltschaft beschäftigt.

Nur sechs von vielen Problemen von „Bambi“ & Co. Und dennoch: Es wird natürlich weitergehen, immer weiter. Zu gern sieht man sich im Fernsehen. Zu wohlig ist der Schauer der eigenen Bedeutung, der unterm Smoking über den Rücken huscht. Am 4. Februar 2012 verleiht die „Hörzu“ ihre „Goldene Kamera“. Sie werden wieder da sein. Alle. Live im ZDF.

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