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So gut ist der "Tatort" am Sonntag

"Auf einen Schlag" aus Dresden So gut ist der "Tatort" am Sonntag

Die ARD zeigt am Sonntag den ersten "Tatort" von Sachsens neuem Ermittlerteam: Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Jella Haase müssen einen Mord in der Welt der Volksmusik aufklären. Das Einschalten lohnt sich: Der neue "Tatort" aus Dresden ist stark, komplex und überraschend selbstironisch.

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Das ist das neue "Tatort"-Ermittlerteam aus Dresden: Martin Brambach (v.l.n.r.), Karin Hanczewski, Alwara Höfels und Jella Haase.

Quelle: Bernd Settnik/dpa

Dresden. Nein, es ist nicht alles heil in der heilen Volksmusikwelt. Das ahnt jeder, der mal beim "Adventsfest der 100.000 Lichter" backstage war. Es ist nicht so, dass dort zerzauste Altstars in Alkoholpfützen herumlägen. Aber eine gewisse  Scheißfreundlichkeit, Missgunst und Lästerfreude ist weitverbreitet im Silbereisen-Universum.

Kann der MDR Selbstironie?

Große Fallhöhe, absurde Kulisse, heftiges Pathos – ein perfektes Szenario also für eine Krimikomödie. Aber kann das gut gehen, wenn der MDR selbst die Sache in die Hand nimmt, der letzte deutsche Volksmusiksender? Kann der Sender Selbstironie? Wenige Jahre nach dem Betrugsskandal um den ehemaligen Unterhaltungschef Udo Foht, der im MDR ungestört einen fast mafiösen Staat im Staate errichten konnte?

"Tatort: Auf einen Schlag"
Mit Alwara Höfels, Karin Hanczewski, Jella Haase
und Martin Brambach
ARD | Sonntag, 20.15 Uhr
Bewertung: 4 von 5 Sternen

Auftritt Henni, Karin und Maria (Alwara Höfels, Karin Hanczewski und "Fack ju Göhte"-Star Jella Haase) – die neuen "Tatort"-Ermittlerinnen in Dresden. Henni ist die halbtaffe Oberkommissarin mit Mutterwunsch und Schluffi-Freund. Karin ist die kühle, alleinerziehende Perfektionistin mit heftig pubertierendem Sohn. Maria ist die ehrgeizige Polizeianwärterin mit großem Herzen.

Großer Bahnhof im Zwinger

Ihr Gegenpol ist Kommissariatsleiter Peter Schnabel (Martin Brambach), ein spießiger Soja-Latte-Skeptiker vom alten Schlag, der seine drei Engel offensichtlich für Zwölfjährige mit Lernschwäche hält und aus einer Welt kommt, in der Männer "Komplimente" und Frauen Kaffee machen.

Der Fall: großer Bahnhof im Zwinger. Hinter den Kulissen der Schlagershow "Hier spielt die Musik" hat es den Toni zerrissen, Ex-DDR-Kinderstar und eine Hälfte des Volksmusikduos Toni & Tina. Er liegt tot im Dreck. Seine Tina (Alexandra Finder) ist gar nicht mal so untröstlich, sein Manager Rollo Marquard (Hilmar Eichhorn) dagegen trauert um alte Zeiten und volle Konten.

Dresdner "Tatort"-Team ist eine Bereicherung

Rollo fetzt sich regelmäßig mit dem abgezockten Jungmanager Maik Pschorrek (Andreas Guenther), der in Schlagerfans vor allem naive Goldesel sieht ("Hier sitzt das Geld! Hier sind die Fans, die nicht wissen, wie man rippt, streamt oder runterlädt! Die kaufen sogar noch CDs!"). Ging’s um Geld? Eifersucht? Erfolge? Und welche Rolle spielt der einfältige Volksmusikfan und Mamasohn Walther Ungerland, der Rollo seit Jahren hinterherreist?

Temporeich spielen sich die Ermittlerinnen die Bälle zu. Das neue Dresden-Team ist eine echte Bereicherung im "Tatort"-Personaltableau: nicht klamaukig, nicht moralinsauer, sondern klar gezeichnet, psychologisch komplex und glaubwürdig. Ein feines Spiel mit Schein und Sein. Ist doch tröstlich, dass der MDR mit Absicht lustig sein kann.

Widersprüchlichkeiten eines Bundeslandes

Verantwortlich fürs Drehbuch ist "Stromberg"-Autor Ralf Husmann. Und der traut sich was. Der plötzliche Gewalteinbruch in einer bunten Zuckerwattewelt, die alle Probleme üblicherweise wegjodelt – das war es, was ihn an der Story reizte. Zwischen den typischen husmannschen Sprüchen ("Rollo? Der glaubt auch, dass das Internet sonntags zu hat!") geht’s um die Widersprüchlichkeiten eines Bundeslandes, über das derzeit die Republik diskutiert.

16 Jahre ist es her, dass Peter Sodann als Dresdner Kommissar Ehrlicher nach Leipzig gerufen wurde. 45-mal ermittelte er – gemächlich, betulich, verlässlich. Nun kehrt der MDR-"Tatort" nach Dresden zurück. Mit einem zeitgemäßen Team, das den Ton radikal verändert, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern.

Die Volksmusikaffäre hätte der MDR damit medial abgearbeitet. Im nächsten Dresden-"Tatort" müsste es dann konsequenterweise um den Kika-Skandal gehen. Dann wäre man mit der Nabelschau erst mal durch.

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