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So ist der neue "Polizeiruf 110"

"Der Preis der
 Freiheit" So ist der neue "Polizeiruf 110"

Der Brandenburger „Polizeiruf 110“ hangelt sich entlang der Oder, leider ohne Orientierung: Es ist ein Spiel mit Klischees, das man dort betreibt, seitdem die Kommissare an der deutsch-polnischen Grenze arbeiten. Geht es so auch in "Der Preis der Freiheit" weiter? Die Kritik zum Film.

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Man wartet darauf, dass sie sich in die Arme fallen: Olga Lenski (Maria Simon) und ihr Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz).

Quelle: ARD/dpa

Frankfurt/Oder. Als sei ein Mord in Osteuropa eine ganz besonders hässliche Geschichte, tragen die Verdächtigen hinter der Oder gerne eine Narbe oder eine eingeschlagene Nase. Es ist das Spiel mit den Klischees, das man im Brandenburger „Polizeiruf 110“ betreibt, seitdem die Kommissare an der deutsch-polnischen Grenze arbeiten. Sie tun das jetzt erst in der zweiten Folge, doch schon stellt sich die bange Frage: Geht das gut? Werden sie nicht Opfer dieser engen Bandbreite, die sie im Drehbuch finden?

Kaum ein Ermittlerteam am Sonntagabend, egal ob „Tatort“ oder „Polizeiruf“, hat sich mental so eng an seine eigene Region gebunden wie die Brandenburger – das klingt nach einem Kompliment oder nach Nähe zu den Menschen, erschöpft sich bislang aber in der Lesart, dass Europas Osten seine krummen Dinger gern garniert mit Mafia-Strukturen, illegalem Boxkampf und sie zumeist in abgerockten Plattenbauten unterbringt.

Der Ton in Frankfurt (Oder) trägt noch nicht. Wenn das so weitergeht, dann strandet dieser gut gemeinte Ansatz, die polnische und deutsche Denkart miteinander kurzzuschließen, im Wachsfigurenkabinett, weil die Geschichten nicht erlebt, sondern nur ausgestellt sind, starr und museal.

Die neue Folge steigt mit einem Autodiebstahl ein. Die Oder liegt im Dunkeln, die weißen Vögel ziehen akkurat im Formationsflug. Nur das nervöse Blaulicht wirft Konturen, man sieht die Tote: eine junge Hospitantin von der Polizei. Sie hat einen geklauten SUV verfolgt, einen Geländewagen aus der Luxusklasse, der plötzlich bremst. Die Hospitantin hinten drauf. Sie war nicht mehr zu retten. Der Fahrer aus dem dicken Wagen flüchtet, der Kollege von der toten Polizistin aber kommt erst eine Viertelstunde später an den Tatort. Warum saß er nicht mit im Dienstfahrzeug? Er sagt, die Hospitantin sei auf eigene Faust gestartet.

Die Tote ist die Tochter des Dienststellenleiters Karol Pawlak (Robert Gonera), einem Mann, der Kraft aus seiner schlechten Laune zieht. Schlechte Laune bei den Chefs, das ist ein Allgemeinplatz bei den Sonntagabendkrimis – im Angesicht der toten Tochter aber dimmt der böse Blick sich runter auf ein resigniertes Flackern in den Augen. Die Trauer findet ihren Ausdruck im Gesicht des Chefs, immerhin dort. Denn alle anderen sind beschäftigt.

Die Kriminalhauptkommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) sind sich in ihrer smarten, städtisch-aufgeklärten Aura viel zu ähnlich, um Spannung aufzubauen. Ihre Streitigkeiten wirken konstruiert, in Wahrheit wartet man darauf, dass sie sich in die Arme fallen, denn Liebe oder Eros stehen ihnen besser als die freihändig entworfene Konkurrenz, die angeblich zwischen den beiden herrscht.

Bleibt der Menschenschlag am Oder-Ufer, der auf deutscher Seite als geduckt und bitter ausgestellt wird, auf der polnischen als hemdsärmelig und seelisch arg zerrüttet. Autodiebe, Bürgerwehr und Polizisten kämpfen im gleichen Revier. Nicht für jeden gibt es hier genug zu fischen, nicht alle werden satt vom Fang, den die Oder bereithält. Das wäre Stoff für ein Sozialstück, und tatsächlich sieht man Ansätze und Absichten, sich einzulassen auf so eine Gattung, in der sich die Verlierer gegenseitig aus dem Ring werfen. Wahrscheinlich aber ist es eben das Problem des Sonntagabends, dass Details im Fernsehen nicht allzu deutlich ausgeleuchtet werden und die Milieus eindeutig unterscheidbar bleiben sollen. Für diese Form der Griffigkeit aber ist die Oder zu tief, ihr Wasser ist zu reißend.

Von Lars Grote

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