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Fernsehen So wird der „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg
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18:41 12.02.2017
Szene aus „Polizeiruf 110: Dünnes Eis“: Köhler (Matthias Matschke) folgt Jost´s Spur.  Quelle: MDR/Frédéric Batier
Magdeburg

 Eine Frau rennt übers Feld, sie schreit, weiß nicht, wohin mit ihrer Angst, sie läuft zur Leiche, die da hinten unterm Tuch verborgen liegt. „Meine Tochter!“, schreit sie, fast ist sie da. Doch dann baut sich die Polizistin vor ihr auf. Nein, die Mutter kommt nicht durch. Die Kamera wendet sich ab.

Neues Bild, aber ein alter Tag: „30 Stunden vorher“, solche Einblendungen ziehen sich durch diese Folge „Dünnes Eis“ des „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg (ab 20.15, Das Erste). Die Zeitangaben sollen Dampf machen – die Uhr läuft runter und das Leben dieser jungen Frau läuft ab, so knapp und radikal lässt sich der Countdown deuten.

Harte Arbeit, eng am seelische Abgrund

Die Regie (Jochen Alexander Freydank, Buch: Eoin Moore und Anika Wangard) arbeitet in der erstes Hälfte dieses Krimis angenehm konventionell, sie setzt auf Spannung, nicht auf Mätzchen. Denn es geht hier zunächst wirklich konzentriert um Kim (Lucie Hollmann), die Tochter, 23 Jahre. Ihre Entführung wird gezeigt. Keine Ablenkung, nirgendwo privater Schnickschnack aus Ermittlerkreisen. Kein kleines Kind der Kommissarin, das in den Kindergarten muss und gerade ziemlich bockig ist, weil es nicht weiß, ob es jetzt lieber eine Hose oder einen Rock anzieht.

Die Kommissare weisen nach, dass sie ihr Geld mit harter Arbeit, eng am seelischen Abgrund, verdienen. Wobei nicht deutlich wird, ob Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) mit Schmerzensgeld oder Gehalt bezahlt wird, denn ihr Gesichtsausdruck liegt im Bereich des Permafrostes. Kühl, abweisend und fatalistisch hängt sie sich mit ihrem Motorrad ins Fahrwasser der Observierten.

Tochter fährt los – und kommt nicht an

Die Rolle orientiert sich eng an Lara Croft, der toughen Videospielfigur mit ihrem grimmig ausstaffierten Sex-Appeal. Vor der Entführung wirkte alles noch auf aufreizende Weise gut gelaunt bei Kim und ihrer Mutter (Christina Große), die künstlich ausgestellte Friedlichkeit indes weckte schon wieder dunkle Fantasien.

Die Mama spricht vom Erbe, 100.000 Euro habe ihr die Mutter hinterlassen, auch das Materielle also scheint geregelt in der seelisch unstabilen Sippe. Der Vater des Kindes sei tot, sagt die Mutter, und der Schwiegervater habe eine Neue. Doch Kim, die Tochter, wirft das nicht aus der Bahn.

Kim fährt auf dem Rad zur Arbeit, doch kommt nicht an. Sie ruft die Mutter an, heulend, schreiend, ein Ton, der etabliert, außer bei Kommissarin Brasch. Sie raunt, und eigentlich lästert sie sogar: „Mit 23 lebt die noch bei ihrer Mutter?“ Brasch selbst hat ein Kind, das nichts mehr von ihr wissen will.

Die erste Geldübergabe scheitert

Kim ruft über Skype: „Die Entführer wollen 100.000 Euro!“ Und das von einer Altenpflegerin. Den Ermittlern, neben Brasch der bärtige, sonst eigenschaftslose Köhler (Matthias Matschke), wird klar: Da ist einer am Werk, der die Familie und ihre finanziellen Verhältnisse kennt.

Die erste Geldübergabe scheitert. Leider fängt es damit auch an, kompliziert zu werden – nicht etwa. weil hilfreich Psychologie eingebaut würde. Die Macher vertrauen vielmehr auf die Schlagkraft des Thriller-Holzhammers. Eine Psychose wird jetzt platziert, eine die stark und gewalttätig ausufert.

Vermutlich reicht im Sonntagskrimi diese alte Frage „Wer war’s?“ schon lange nicht mehr. Sie lautet jetzt: „Wer hat die ausgeprägteste seelische Störung?“ In Magdeburg zerschießen sich die „Polizeiruf“-Macher mit dem Hang zur Übersteigerung ein Fundament, das in der ersten Stunde noch stabil gewirkt hat.

Der Film nimmt sich zum Ende hin den letzten Wind aus seinen Segeln. Dabei hatte er so gut begonnen, mit erzählerisch dichtem Stakkato. Wie ein Sturm.

Von RND/Lars Grote

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