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So wird der "Tatort" am Sonntag

Vorschau So wird der "Tatort" am Sonntag

Pillen, Psychologen, Polizei – wer kann einem schon wirklich helfen, wenn das Kind verloren geht? Um diese Frage kreist der "Tatort" an diesem Sonntag, der mindestens so sehr Psychodrama wie Krimi sein will. Dabei hält "Hundstage" vor allem auch den Kommissaren selbst den Spiegel vor.

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Dortmunder Kreidekreise: Die „Tatort“-Kommissare zweifeln an sich selbst.

Quelle: ARD/dpa

Die Vergangenheit hat lange Greifarme und oft auch einen langen Atem. Zwischen Bierdosen und Doppelkorn sitzt Kommissar Peter Faber betrunken im dunklen auf dem Boden seines Büros, stiert auf Fotos in seiner Hand und murmelt: „Ich habe mein Kind verloren.“ Er wiederholt es. Dreimal, viermal, noch mal. Faber versucht, sich in Eva Dehlens hineinzuversetzen, deren kleiner Sohn Tommi 14 Jahre zuvor spurlos verschwand und deren Mann Max nun erschossen wurde.

Den Satz spricht Faber aber auch für sich selbst. Bemüht, es endlich zu fühlen. Im Prinzip spricht er ihn für alle Kommissare des Dortmunder Ermittlerquartetts: Martina Bönisch, die im damaligen Vermisstenfall befangen war, weil sie um ihren eigenen Sohn bangte, der inzwischen beim Vater lebt; Nora Dalay und Daniel Kossik durch Dalays Abtreibung des gemeinsamen Kindes. Und Faber, dessen Frau und Kind bei einem Autounfall umkamen und den die Frage, warum er Polizist geworden ist, plötzlich völlig irremacht.

„Was soll ich tun? Gibt es irgendeine Vorschrift, an die ich mich halten kann?“, fragt Eva Dehlens im Leichenschauhaus und gesteht gegenüber Faber, ein paar Beruhigungspillen zu viel genommen zu haben. Pillen, Psychologen, Polizei – wer kann einem schon wirklich helfen, wenn das Kind verloren geht? Um diese Frage kreist der Film, der mindestens so sehr Psychodrama wie Krimi sein will.

Da ist zunächst der Mord an Geschäftsführer Max Dehlens im Dortmunder Hafen. Ein Zeuge will Supermarktkassiererin Judith Stiehler als Täterin erkannt haben. Dalay und Kossik spielen sehr amüsant das mögliche Todesszenario nach: Die frustrierte Judith erschießt Max Dehlens, weil der im Hafenbecken auf ihre Träume uriniert. Die Kommissare merken schnell: Das ist eher unwahrscheinlich. Aber was wollten die zwei nachts am Hafen voneinander? Und wofür waren die am Tatort sichergestellten 100.000 Euro bestimmt? Womöglich war eine dritte Person zugegen und hat geschossen. Hinzu kommt die obligatorische Affäre zwischen dickem männlichem Chef (Max Dehlens) und junger hübscher Sekretärin (natürlich schwanger von ihm).

Dann behauptet Eva Dehlens, Judith Stiehlers Sohn Jonas sei in Wahrheit ihr vermisster Tommi. Doch nicht zum ersten Mal glaubt die Frau, ihr Kind wiedergefunden zu haben. All die Jahre, sagt sie im Verhör, sei sie eine Art Forscher in der Arktis gewesen, habe Signale gesendet, gewartet, gehofft. Nun könnte die Geschichte ein gutes Ende bekommen. Jonas allerdings sperrt sich gegen einen DNA-Test. Und noch etwas ist merkwürdig: Der 17-Jährige hat erstaunlich viel Geld, er besitzt teure Accessoires. Faber (wieder herrlich überspannt gespielt von Jörg Hartmann) zieht Bertold Brecht zurate, genauer gesagt hilft ihm das Gleichnis zweier Mütter im Gerangel um ein Kind aus Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ beim Lösen des Falls. Faber und seine Kollegen dabei am Bildschirm zu verfolgen macht Spaß.

Etwa wegen schöner Schnittfolgen beim Verhör, gut gemachter zeitlicher Rückblenden und starker Schauspieler bis in die Nebenrollen wie die des Paul Stiehlers (Dirk Borchardt). Komische Dialoge und Szenen tun ihr Übriges, zum Beispiel wenn Bönisch die Romantik zwischen sich und Faber im Auto einfach wegrülpst oder Kossik ein Lachgesicht aus Bierstöpseln formt und lallt: „Du lachst mich aus.“ Der „Tatort“ mit dem Titel „Hundstage“ ist ein eher leiser, in dem niemand blutet,ballert oder brüllt. Bedrückend ist hier nicht nur die Dortmunder Sommerhitze, es sind vor allem die Selbstzweifel, die emotionale Durststrecke, die die Protagonisten einschüchtern. An einer Stelle spricht Bönisch von bescheuertem Glück, das man erst im Nachhinein wahrnimmt. Bescheuertes Glück, sagt sie, das sind „plötzliche Erinnerungen oder ein Foto von früher, eine Musik, ein Geruch, und plötzlich weiß man, da, in dem Moment, war ich glücklich. Damals hat man es nicht gemerkt.“ Sonst wäre vielleicht einiges besser gelaufen.

Von Michaela Grimm

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