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Schade hadde dudde da

Stefan Raabs TV-Abschied Schade hadde dudde da

Er hat polarisiert, fasziniert, triumphiert: Stefan Raab verabschiedet sich vom Fernsehen. Er wird’s verkraften. Dem deutschen Entertainment aber wird er fehlen – als Kreativzelle, Laus im Pelz und unermüdlicher Herausforderer.

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Am Mittwochabend moderiert Raab nach knapp 16 Jahren die 2243. und letzte Ausgabe von "TV total". "Schlag den Raab" läuft am Sonnabend zum letzten Mal.

Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Köln. Da steht der Raab nachts um 1.40 Uhr neben einer türkischen Mehrzweckhalle, umwuselt von Pro7-Hipstern, und trinkt Cola aus der Dose. Übernächtigt sieht er aus, abgekämpft, die Augen winzig klein. Im Hintergrund herzt Komikerin Annette Frier Max Mutzke. Der hat gerade mit Stefan Raabs Ballade "Can’t Wait Until Tonight" beim Eurovision Song Contest in Istanbul den achten Platz erreicht.

Achter? Das kann einem nicht genügen, der das Siegenwollen zur Maxime seiner Karriere gemacht hat. Raab beißt die Zähne zusammen. Mund abputzen, weitermachen. "Ralph Siegel hat nur ein Klavier", feixt er, "ich habe einen ganzen Sender!" Und noch bevor die Sonne am Bosporus aufgeht, auf der After-Show-Party des Teams, wird der Plan für den "Bundesvision Song Contest" geboren: 16 Bundesländer, 16 Kandidaten, Abstimmung wie gewohnt. Elf Jahre ist das her. Ein typischer Raab-Reflex: Dann machen wir’s eben selbst.

Der Sturkopf. Der Berserker. Der Metzger. Der Rüpel. Der Beißer. Der Besessene. 20 Jahre lang haben die deutschen Medien im Kopf nach der präzisen Formel für diesen Raab gekramt. Sie kamen selten weiter als bis zum "ausgekochten Schlitzohr" ("Süddeutsche"), zum "durchgeknallten ADHS-Teenager" ("Spiegel Online") oder zum "postmodernen Schlingel" ("Berliner Zeitung"). Dabei ist die Sache im Kern ganz einfach: Hier war ein Köln-Sülzer Metzgerssohn am Werk, der das Fernsehen liebte und dem Menschen ohne Ehrgeiz schlicht suspekt sind. Das unterschied ihn von Weltumarmern wie Thomas Gottschalk. Darum erntete er Respekt, aber keine Liebe. Sein Hauptantrieb war die diabolische Freude des Quereinsteigers an der Entzauberung des TV-Establishments. Früher mit "Raabigrammen". Später mit der besseren Showidee.

Wenn man seinem trauernden Sender Pro7 glaubt, dann steht sein Ableben unmittelbar bevor. "Das letzte Mal Raab", dröhnt es unablässig in düsteren Trailern. Am Mittwochabend moderiert Raab nach knapp 16 Jahren die 2243. und letzte Ausgabe von "TV total". "Schlag den Raab" am Sonnabend, seine letzte Show, wird dann zum Raab-Requiem.

Konkurrenz durch Youtube und Netflix

Tatsächlich ist es das Ende einer Ära. Was Joschka Fischer bei den Grünen und Steve Jobs bei Apple war, das war Raab bei seinem Heimatkanal: Markenkern, Kreativzelle, Talisman. "Pro7 und ich – das ist eine Liebe, wie es sie kein zweites Mal im rauen Fernsehgeschäft gibt", hat er mal gegluckst. Klang ein bisschen, als verpasse Angela Merkel einem wackelnden Minister den Todeskuss der Cosa Nostra.

Sein Ausstieg geht einher mit einem fundamentalen Systemwandel im Entertainment. Nie wieder, nicht in 100 Jahren, wird das von Bedenkenträgern regierte Konsensfernsehen einem kreativen Anarchisten derart viele Freiheiten einräumen. Das gesamte deutsche Unterhaltungsfernsehen ist inzwischen eher darauf angelegt, einen zweiten Raab um jeden Preis zu verhindern. Das ist ein kapitaler Fehler, denn individuelle Klasse wird die einzige Legitimation für das analoge Fernsehen sein, dem links mit Netflix und rechts mit Youtube starke Konkurrenz erwächst.

Die letzte Rampensau

Fernsehjahre zählen siebenfach wie Hundejahre. Insofern war der Mann mit den drei Dutzend Schneidezähnen umgerechnet mehr als ein Jahrhundert lang am Werk. Aus merkwürdigen Rohstoffen schreinerte er seine Resterampe-Show zusammen: rappenden Bushaltestellenjungs, zeitungszerfetzenden Jack-Russell-Terriern, falschen Schlager-Schlangen, explodierenden Pottwalen, verwirrten Nachrichtenmoderatoren ("Auf Morgen, bis Wiedersehen!"). Das strahlte zuletzt eine routinierte Bocklosigkeit aus. Aber Raab war eben der unkaputtbare Gute-Nacht-Onkel einer ganzen Zuschauergeneration. Und die letzte Rampensau, die noch ins Risiko ging – bis hin zur gebrochenen Nase im Kampf gegen die Boxerin Regina Halmich. Nicht dem Gemeinwohl galt sein Interesse, sondern seinem persönlichen Vergnügen. Sein Glück, das beides so oft deckungsgleich war.

"TV total" startete 1999 als Müllverbrennungsanlage für TV-Fundstücke und wurde zur Keimzelle für einen Fernsehkosmos. Während Harald Schmidt beim Schwestersender Sat.1 zur obersten Entkrampfungsinstanz für fernsehskeptische Akademiker wurde, verstand sich Raab als Beömmelungsbeauftragter für den Normalverbraucher. "Pulleralarm!" statt Politik. "Hat’s den Papst gestört, dass Luther kam?", ätzte Schmidt 2001. Schmidt ist lange weg. Raab blieb. Den "letzten großen TV-Schaffenden" nannte ihn Jürgen von der Lippe im Juli. Der Katalog seiner Erfolge: dick wie die Bibel. "Hier kommt die Maus". Guildo Horn. Turmspringen. Wok-Weltmeisterschaft. "Schlag den Raab". Goldene Eurovisionsjahre. Lenas Triumph in Oslo, Raabs Meisterstück.

Gags zündeten nicht mehr so gut

Das Mutterschiff freilich klapperte und krachte. "TV total" wurde schleichend zu "TV egal". Schon lange hat Raab seine Guerillaeinsätze an seinen Außendienstler Elton abgegeben, sich im Studio in Köln-Mülheim verschanzt, dessen patinöses Mobiliar bei Neonlicht einer Jugendherbergskaffeeküche von 1986 gleicht. Hochauflösend senden? Nicht mit Raab. Immer wieder musste er die Stille nach dem Gag aushalten, wenn die 20-jährigen im Publikum mal wieder eine Marky-Mark-Anspielung nicht verstanden.

Aber dann kam eben wieder so eine Show wie vergangene Woche. Helge Schneider war da. Er improvisierte ein Abschiedslied für Raab am Flügel: "Lange, lange, lange warst du an unserer Seite", sang er. "Jahrelang im selben Hemd / Ich sehe uns beide auf einer grünen Wiese / Die Schwester kommt und gibt uns Apfeltee." Großes Fernsehen. Wie zuletzt im Januar 2013, als Raab eine Woche lang aus Manhattan sendete, noch einmal in bestechender Form.

Der heimliche Sieger des Kanzlerduells

Wenn der Anarchist ins Establishment wechselt, droht zwangsläufig eine Identitätskrise. Der Hofnarr kann nicht König sein. Raab schien das zu spüren. Schon 1999 schrieben die Zeitungen, der Typ sei "früher mal ein verwegener Kerl" gewesen. So ist das Geschäft. Die "Ö La Palöma Boys" sind Geschichte, Lisa Loch trägt jetzt Businesskostüm, der "Maschendrahtzaun" ist lange geflickt.

Als heimlicher Sieger des Kanzlerduells 2013 ("King of Kotelett") hat der domestizierte Bürgerschreck Raab noch einmal aufblitzen lassen, dass er auch seriös gekonnt hätte. Dass ihm auch Anzug stünde, sogar besser als die olle Beuteljeans. Auch mit der Polittalkshow "Absolute Mehrheit" hat er an der Tür zum erwachsenen Fach gekratzt. Was haben sich alle aufgeregt! Raab und Politik? Ist das nicht wie Gangsta-Rap und Gänseblümchen? Wie Mettbrötchen mit Marmelade? Sitzen da Elton und das Playmate des Monats und sprechen über Putin? Na und? Millionen junge Zuschauer guckten Politik. Wer schafft das sonst? Das Format starb nach sechs Folgen.

Raab hat allen alles gezeigt

Er hat genug von diesem ganzen Getöse. Dieser Erregungsblase. Arbeiten war immer Erster-sein-wollen. Das schlaucht. Das Ende freilich geriet unfein: 80 der 230 Mitarbeiter von Raabs Mutterkonzern Brainpool – an dem er 12,5 Prozent hält – sollen zum Jahresende gehen. 49 klagten dagegen. Die Firma argumentiert, sie hätten ausschließlich für Raab-Produktionen gearbeitet, die jetzt wegfallen. Es ist ein unwürdiges Gezerre. Der Zorn richtet sich freilich kaum gegen Raab, sondern gegen die Brainpool-Führung, einst Paten einer eingeschworenen "Familie".

Privat sucht Raab die Ruhe, verteidigt den Backstagebereich seines Lebens mit fast paranoider Akribie. Ein Familienmensch, Vater zweier Töchter, Gewohnheitstier, Tüftler, Lokalpatriot, FC-Köln-Fan. Kein Partylöwe. Er kämpft nur dienstlich. "Erfolgreiche Formate sind immer auch eine Art Wettkampf", sagte Raab mal. Vielleicht ist das genau sein Problem: dass ihm die Gegner fehlen. Dass er nicht mehr besser sein muss als irgendjemand anderes. "Ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen", sagt er. Aber gegen wen denn bitte? Joko und Klaas? Ernsthaft? Weitermachen, bis ihn jemand herausdrängt? Will er nicht. Weitermachen des Geldes wegen? Muss er nicht. Blamieren oder Kassieren? Raab entschied sich für: weder noch. Er hat allen alles gezeigt. Der Einzige, der ihn am Ende geschlagen hat, ist er selbst.

Kurz vor dem 50. Geburtstag

Das Fernsehen ist voll von Karteileichen, die den Schluss nicht gehört haben. Frank Elstner moderiert mit 73 Jahren eisern weiter, Hans-Joachim Kulenkampff kam dreimal zurück. Raab klammert sich nicht verzweifelt ans Rotlicht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache", hat er in den Neunzigerjahren "Spiegel TV" gesagt. Am Sonnabend wird er exakt 49 Jahre und 57 Tage alt sein. Kommt er wieder? Sein Umfeld glaubt nicht daran. Er braucht’s nicht mehr. "Die dicksten Eier der Branche machen Pause - weil sie schlau sind und leer", sagt TV-Produzent Borris Brandt, der als Pro7-Kurzzeit-Chef 1998 grünes Licht für "TV total" gab. Der aktuelle Senderchef Wolfgang Link sagt: "Stefan hatte immer einen Sinn für das perfekte Timing, er geht auf dem Höhepunkt." Halbherzige Versuche, Komiker Luke Mockridge – Sohn von "Lindenstraßen"-Star Bill Mockridge – als Nachfolger aufzubauen, schlugen fehl. Pro7 glaubte nicht an ihn.

"Fernsehleute sind alle Aufmerksamkeits-Junkies", sagt Raabs Kollege Oliver Welke. "Wenn wir uns zurückziehen, gibt es meistens Entzugserscheinungen. Alle diese Zirkuspferde bekommen irgendetwas zwischen Burn-out und Depression, wenn sie nicht mehr im Fernsehen auftreten." Im Fall Raab ist das Gegenteil zu erwarten. Nicht ihm droht die Depression. Sondern dem deutschen Fernsehen.

Stimmen zu Stefan Raabs Abschied:

"Danke Stefan. Danke für 16 Jahre voller unvergesslicher Momente. Du hast die Charts gestürmt, Sportarten belebt und neu erfunden. Du hast Fernsehgeschichte geschrieben, immer wieder. Und Du hattest immer einen Sinn für das perfekte Timing. Du gehst auf dem Höhepunkt. 'TV total' feiert sein bestes Jahr seit 2007. Chapeau."
Pro7-Chef Wolfgang Link

"Danke für eine geile Zeit!!!!"
Elton (bürgerlich: Alexander Duszat), seit 2001 Raabs "Showpraktikant"

"Schade, dass Stefan Raab aufhört. Wir beide hatten tolle Jahre und viel Spaß bei 'TV total' und wünschen Stefan Raab alles Gute für seinen neuen Weg. Es würde uns allerdings nicht wundern, wenn er irgendwann mit einer großen Überraschung um die Ecke kommt. Denn Herr Raab ist doch viel zu kreativ und umtriebig, als dass er nun die Füße hoch legt."
Ingrid und Klaus Kalinowski ("Ingrids Woche und Klaus" bei "TV total")

"Stefan hat TV-Geschichte geschrieben und insbesondere mit seinen Ideen und seiner Haltung den deutschen Entertainment-Markt sehr bereichert."
Marcus Wolter, Geschäftsführer Endemol Shine Germany, Raabs "Entdecker"

"Die dicksten Eier der Branche machen Pause – weil sie schlau sind und leer! Ich wünsche mir ihn wieder so zu sehen wie damals: immer nach vorne, laut, lachend, mit funkelnden Augen und Spaß am Balancieren auf der Klinge."
Borris Brandt, TV-Produzent und Kurzzeit-Pro7-Chef, gab 1998 grünes Licht für "TV total"

"Wenige Menschen haben im TV so viel bewegt – Wahnsinn. Er hat sich Dinge getraut, hat polarisiert und die Leute beschäftigt. Es war eine geile Zeit."
Frank Buschmann, Sportjournalist und "Schlag den Raab"-Kommentator

"Es war jedes Mal ein schönes Gefühl, zu Brainpool zu kommen, das Team und Stefan sind mir ans Herz gewachsen. Ich wünsche ihm eine ruhige, fröhliche Zukunft und viel Zeit für sich. Da Stefan ein kreativer Kopf ist, denke ich, dass er uns bald wieder neu überraschen und begeistern wird."
Korinna Kramer, "TV total"-Assistentin

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