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TV-Doku zum Justizskandal Gustl Mollath

"Und plötzlich bist du verrückt" TV-Doku zum Justizskandal Gustl Mollath

Ein Astronaut im Ganzkörperanzug scheint förmlich über dem Boden zu schweben. Ein Fremdkörper am anderen Ende des Universums. Die Regisseurinnen Annika Blendl und Leonie Stade wählten diesen Einstieg, um zu zeigen, welch unerhörtes Schicksal Gustl Mollath widerfuhr.

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Nach sieben Jahren wieder frei: Gustl Mollath auf der Zugspitze.

Quelle: BR/dpa

„Du erzählst von Dingen, von denen andere noch nie etwas gehört haben. Können sie dich überhaupt begreifen?“, fragt die Stimme aus dem Off. Der Bayerische Rundfunk geht in seiner Dokumentation „Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“ (Dienstag, 22.45 Uhr) dem größten Justizskandal der jüngsten bayerischen Geschichte nach:

Gustl Mollath, der Betreiber einer auf die Restaurierung von Oldtimern spezialisierten Kfz-Werkstatt, wurde nach der Trennung von seiner Frau wegen angeblicher körperlicher Gewalt und Sachbeschädigung in den „psychiatrischen Maßregelvollzug“ eingewiesen. Doch nach sechs Jahren in der Psychiatrie wurden nach Recherchen von Journalisten Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens laut. Obendrein hatte Mollath vor seiner Einweisung versucht, die Schwarzgeldgeschäfte seiner Frau aufzudecken – doch weil man ihn für unzurechnungsfähig hielt, wurde den Vorwürfen nicht nachgegangen. Später erwiesen sie sich als wahr.

Zweifel am Opferstatus

Die Dokumentation zeigt, wie Mollath bei Demonstrationen wie ein Märtyrer verehrt wird. Sie weckt aber auch Zweifel an seinem Opferstatus. So wird die „Spiegel“-Journalistin Beate Lakotta zitiert, die sich intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt hat. Ihrer Ansicht nach spricht mehr dafür als dagegen, dass die Einweisung damals gerechtfertigt war. Zum Beleg zeigt sie die wirr formulierte Anzeigeschrift Mollaths.

Laut Lakotta reichten diese gemeinsam mit den Hunderten von Briefen an seine Frau und sein irrationales Verhalten vor Gericht für eine Wahndiagnose aus. Mollaths Anwalt wiederum widerlegt Behauptungen des Pflegepersonals. Das hatte als vermeintlichen Beleg für seine psychische Krankheit verzeichnet, Mollath laufe nachts in Unterhose durch die Gänge. Laut Anwalt habe Mollath jedoch zunächst nur eine Hose gehabt und diese waschen müssen.

Viele Stimmen lassen ein allzu schnelles Urteil nicht zu

Ist hier nun ein Querulant mundtot gemacht worden? Das zumindest legt der beste Freund Mollaths nahe, der von Drohanrufen von dessen Ex-Frau berichtet. Mollath selbst kommt in der Dokumentation erst spät zu Wort. Er wirkt ein wenig sonderlich, wie er da durch München zieht und über Umweltverschmutzung und mangelnde Zivilcourage schimpft. Der Mann mit den markanten schwarzen Augenbrauen und dem ergrauten Schnauzbart überwirft sich schließlich auch mit seinem Anwalt, wie die Langzeitdokumentation zeigt.

Doch darf jemand Gefahr laufen, weggesperrt zu werden, nur weil er sich nicht arrangieren kann? Und selbst wenn die Vorwürfe stimmten – dürfen Menschen ohne zeitliche Befristung der Willkür des Pflegepersonals ausgeliefert sein, samt Beruhigungsspritzen auf Zwang, wie Mollath schildert? Diese Grundsatzfragen wirft die Dokumentation auf, ohne sie direkt anzusprechen. Viele Stimmen lassen ein allzu schnelles eindeutiges Urteil nicht zu.

2717 Tage war Mollath weg von der Welt. 60 Schritte Hofgang fast ohne Sonnenlicht, hinter dreifachem Stacheldraht und Betonwand. Seine Autos wurden verkauft, sein Haus versteigert. „Familienerbstücke, die zwei Weltkriege überstanden hatten, waren plötzlich weg“, erzählt er. 60.000 Euro Entschädigung hat er schließlich bekommen. Die Schwarzgeldgeschäfte wurden nie strafrechtlich verfolgt. Der Mann auf dem Mars sagt: „Für Gustl Mollath gibt es kein Recht.“

Nina May

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